Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz)  war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-­Universität Krems.
Foto: Robert Newald

 

Turbo der Energiewende

September 2022

Die geneigte Leserin und den geschätzten Leser des „Thema Vorarlberg“ möchte ich ausnahmsweise um Verständnis bitten, dass in meinem Manuskript nicht wissenschaftliche oder ökonomische Zusammenhänge erörtert werden, sondern persönliche Erinnerungen an die Geschichte der Elektrizität in Vorarlberg. Dabei ist sich der Verfasser darüber klar, dass die Welt von heute in eine tiefgreifende Zeitenwende eingetreten ist, die ähnlich wie die Elektrifizierung um die Wende zum 20. Jahrhundert unsere Zukunft prägen, und neue Orientierungen verlangen wird. 
Vorarlberg war schon sehr bald ein Vorreiter der Elektrifizierung. Die Möglichkeit, sich an ein Stromnetz anzuschließen war eine wichtige Voraussetzung für die Ansiedlung etlicher Branchen, besonders der Textilindustrie sowie für den Ausbau des Verkehrsnetzes. Unmittelbar benachbart zum Ort meiner Kindheit in Bregenz, Römerstraße, waren die Nachfahren des Pioniers der Industrialisierung Vorarl­bergs, nämlich von Albert Loacker, der 1908 die Notwendigkeit, moderne Technologien für die Überwindung von Armut und für den Aufschwung zu planen, propagierte. 
Unsere Sommerferien verbrachten wir in einem kleinen Wälderhaus in der etwas entlegenen Parzelle Au, Gemeinde Schwarzenberg. Von dort hatte man das schon länger bestehende, kleine Kraftwerk Andelsbuch der späteren VKW am gegenüberliegenden Ufer der Ache und ihrer heutigen Aufstauung vor Augen, das – elegant restauriert – noch in Betrieb ist. 
Noch eine letzte Reminiszenz: mein Vater, Bauingenieur und begeisterter Alpinist, war von den Illwerken beauftragt worden, als Vorarbeit für das geplante Kraftwerk Lünersee die der Schesaplana vorgelagerten Berge auf der Totalp und die Abflüsse des Brandner Gletschers zu vermessen. Das Wasserreservoir dieses Sees gelangt über eine weitgehend unterirdische Leitung zum Kraftwerk Latschau mit seinem großen Ausgleichsbecken. Das Kraftwerk in Latschau (Lünersee I) wurde 1958 in Betrieb genommen und war damals eines der leistungsstärksten Pumpspeicherkraftwerke in Europa; heute längst nicht mehr. 
Daran erinnerte ich mich, als ich das aktuelle Projekt der illwerke vkw Lünersee II studierte. Die große Fallhöhe und die Eignung für Pumpspeicherbetrieb haben die Idee reifen lassen, ein noch weit ambitionierteres Kraftwerk – überwiegend im Berginneren – mit Wasser aus dem Lünersee bis zum Umspannwerk Bürs, mit einer Leistung von rund 1000 MW zu planen. Das Projekt hat europäische Dimensionen und soll Mitte der 2030-Jahre in Betrieb gehen. 
Es gibt zwei unmittelbare Anlässe für eine baldige Realisierung: Erstens erleichtert es der europäischen Energiewirtschaft bei aller gebotenen Eile von den bisher eingesetzten fossilen Energieträgern auf die erneuerbaren Energien Wind, Flüsse und Solarthermie überzugehen. 
Zweitens: Den sehr bitteren Anstoß dazu gab Putins Überfall auf die Ukraine, der – ganz besonders in Österreich und Deutschland – verspätet erkennen ließ, dass die einseitige Abhängigkeit vom russischen Erdgas ein untragbar hohes Sicherheitsrisiko darstellt. Im Augenblick bekommen wir das durch die Bedrohung der notwendigen Gasimporte im bevorstehenden Winter zu spüren. Darüber hinaus vermag niemand verlässliche Prognosen für die weitere Entwicklung, besonders auch in Russland, zu geben. 
An der Versorgung mit russischem Erdgas und dessen sehr teurem Ersatz hängen nicht nur die Beheizung in einem kalten Winter, sondern auch die Produktion wichtiger Industrien sowie der Tourismus. Pumpspeicherkraftwerke erscheinen im Vergleich zum Ausbau von Laufkraftwerken, für die es in Österreich kein nennenswertes Potenzial mehr gibt, will man die Landschaft schonen, besonders attraktiv. Von österreichischen Energieversorgern werden daher neben dem Werk Lünersee II auch eine Reihe weiterer Projekte diskutiert. Das Speichern von Wasserkraft für die saisonalen Schwankungen der Wasserführung von Flüssen, für windarme Tage und für Tageszeiten mit geringer Nachfrage ist eine Top-Priorität der europäischen Energiepläne, die eine klimaneutrale Energiewirtschaft bis in wenigen Jahrzehnten anpeilt. 
Manche Stimmen wenden ein, dass neue und größere Speicher nicht nur hohe Investitionen erfordern werden, sondern auch die Landschaft beeinträchtigen können. Die Energieversorgung Vorarlbergs durch die illwerke vkw hat gerade in der Realität bewiesen, dass sie ganze Kraftwerke im Berg verschwinden lässt, lediglich ein Einfahrtstor in einer Felswand bleibt sichtbar. Auch Lünersee II ist so konzipiert. Diese Qualität ist bereits in den neuen Kavernenkraftwerken Kops II und Obervermunt II in Betrieb, aber kaum sichtbar. Eine ähnliche architektonische Qualität wird auch bei der Fassung des Argenbachs für ein Kleinkraftwerk zur Versorgung von drei Gemeinden im hinteren Bregenzerwald realisiert. 
Immer wieder wird behauptet, dass fließendes Wasser der wichtigste Rohstoff ist, über den das Ländle verfügt. Ich muss das ergänzen: die Schönheit der Landschaft und der Schutz der natürlichen Umwelt sind als Lebensgrundlagen ebenso wichtig.

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