Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

© ANDREAS DÜNSER

Wasser für die Kuh im Lecknertal

September 2018

Ein gewisser Donald Trump verkündete per Twitter: „Das Konzept der Erderwärmung wurde von den Chinesen zu ihrem Vorteil erfunden, um die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie kaputt zu machen.“

An einem der brutal heißen Wochenenden des zu Ende gehenden Sommers bekam ich es in Wien, fernab von Bodensee und Ach‘, mit der Sorge zu tun, mein noch bevorstehender Urlaub im „Wauld“ könnte nicht den gewohnten und erhofften Erholungswert erreichen. Eine Wiener Tageszeitung hatte in einem Artikel über den Klimawandel ein Farbbild gebracht, das zeigte: 1. Eine sympathische Wälderkuh mit mitleiderregenden, großen Augen. 2. Einen gänzlich leeren Brunnentrog, in dem sie offenbar Wasser saufen wollte. Bildunterschrift: „Auf der Leckner-Alm (ja, ich weiß schon, wie das richtig heißen würde) in der Nähe von Hittisau finden die Kühe bereits kein Wasser mehr in der Tränke.“ Nun hat die Kuh vermutlich keinen Zugang zum Bier aus Egg (wie im Notfall ich), aber was, wenn der Brauerei auch das Wasser ausgeht? Die „New York Times“ diskutierte die Beobachtung, dass in den Jahren 2014, 2015 und 2016 die Oberflächentemperatur auf der Erde in drei aufeinanderfolgenden Jahren jeweils neue Rekorde aufgewiesen hat. 2017 wurde kein neuer Rekord gemessen, aber die Temperatur lag immerhin über 2015. Für 2018 wird ein neuer Weltrekord erwartet, aber das haben wir ja noch nicht ganz überstanden. 17 von den 18 wärmsten Jahren seit 1880 in der Aufzeichnung durch die NASA lagen im Zeitraum zwischen 2001 und 2017, das achtzehnte war 1998. 

In einer Frage existenzieller Risiken für die Menschheit bestehen nach wie vor erbitterte Differenzen darüber, was, wer, wie und wann zu tun oder zu lassen hätte. Das ist nicht verwunderlich. Einerseits enthalten Prognosen immer ein Element der Unsicherheit. Zum anderen kann auch die Statistik über das, was sich schon ereignet hat, sehr unterschiedlich manipuliert und interpretiert werden. Und schließlich können Klimaperspektiven für manche Völker, Regionen und Wirtschaftszweige unermesslichen Reichtum, für andere hingegen Elend und Katastrophen bedeuten. Da kann es lohnen, die „richtige“ Politik zu unterstützen, etwa indem man im Besitz von Ölschieferkonzessionen mit aller medialen Macht gegen den „grünen Wahnsinn“ kämpft. 

Klimaskeptiker leugneten noch vor wenigen Jahren die Tatsache eines außergewöhnlichen Ansteigens der Temperaturen der Atmosphäre an sich. Als ein solcher Jahr für Jahr bestätigt wurde, kam die Hypothese auf, dass der Anstieg auf natürliche Phänomene und nicht auf menschliche Aktivität zurückzuführen sei, weshalb auch die Menschen nicht zielführend dagegen kämpfen könnten. Anpassung wäre dann das Gebot der Stunde. Nun sind aber die Zusammenhänge zwischen der Emission von Treibhausgasen durch Produktion und Verbrauch und dem Anstieg der Temperatur doch so eng, dass an ihnen nicht mehr vernünftig gezweifelt werden kann. 

Klimaleugner gibt es noch immer. Ein gewisser Donald Trump verkündete, noch bevor er im Weißen Haus auf seine Art herrschte, per Twitter: „Das Konzept der Erderwärmung wurde von den Chinesen zu ihrem Vorteil erfunden, um die Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Industrie kaputt zu machen.“ Solche Verschwörungstheorien gibt es zahllose, sogar solche, die für Klimapolitik lobbyieren. Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit dem unheimlichen Thema geht: Ich selbst war mir immer bewusst, dass ich nicht über die Kompetenz verfügte und auch heute nicht verfüge, Beweise für oder gegen die Klimaveränderung und über ihre Folgen zu beurteilen. Ähnlich wie in religiösen Fragen zweifelte oder glaubte ich. Mittlerweile habe ich mich mit den vorgelegten Theorien, Messungen und ihrer Logik und Psychologie ziemlich eingehend beschäftigt. Aber nach wie vor weiß ich nicht. Ich glaube. Oder präziser: Ich halte die prognostizierten Folgen für mehr oder weniger wahrscheinlich. Ich bin nicht besonders gutgläubig und naiv. So geht es wahrscheinlich etlichen Leserinnen und Lesern. 

Für mich sind es zwei Argumente, weshalb ich annehme, dass das Problem der Klimaveränderung (und einige andere ökologische Entwicklungen) ernst genommen werden muss: Erstens, weil ich eine Verantwortung für meine Kinder und für folgende Generationen empfinde. Ich selbst werde die paar Jahre schon überstehen, vielleicht im Bregenzerwald besser als in der heißen Großstadt. 

Und zweitens: Die Risiken, die für die Erde auf dem Spiel stehen, scheinen mir doch so groß und ernst, dass ich bereit wäre, zu einer Risikoprämie für eine Art Großschadensversicherung beizutragen. Was sie kosten müsste? Weltweit ein, zwei Prozent des Welt-Sozialprodukts. Wie? Natürlich in Form einer Steuer auf die Emission von Treibhausgasen; individuell nach meinem geschätzten Anteil daran, mit sozialer Abstufung. Sehr renommierte Professoren der Wirtschaftswissenschaft in den USA, die der Republikanischen Partei angehören oder nahestehen – Feldstein, Summers, Sachs – verurteilen mit scharfen Worten den Rückzug der Regierung Trump aus dem Pariser Klimaabkommen und empfehlen einen deutlichen Zuschlag zur Treibstoffbesteuerung. Das geht vielleicht wieder nur auf internationaler Ebene. Andere, die eher den „linken“ Demokraten nahestehen, befürworten das auch, wollen aber den Ertrag gleich für soziale Zwecke und bessere Schulen umverteilen. Meinetwegen. Ich lasse mich durch diese Argumente nicht hinreißen, die österreichische Klimapolitik zu kommentieren. Nur: Finster entschlossen und konsequent eine Existenzfrage der Zukunft anzugehen, macht sie mir nicht den Eindruck. Andererseits halte ich es auch nicht für den großen globalen GAU, wenn jetzt auf einigen Teilstücken der Westautobahn mit 140 Stundenkilometern gefahren werden darf. Vordringlich wäre manch anderes. Um die Kuh im Lecknertal mache ich mir übrigens keine Sorgen: Jetzt werde ich ganz in ihrer Nähe Urlaub machen, und da wird es – Klimawandel hin oder her – regnen.

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