Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Der „Flughafen“ von Bregenz

Oktober 2020

Die Geschichte des Bregenzer Fischerstegs begann mit einem Ärgernis, denn „viele im Sommer hier weilende Fremde, die gerne dem Angelsport obliegen würden und die vom Stadtrat ausgegebenen Fischereikarten lösen, müssen dann erfahren, daß das Angeln am Quai eigentlich verboten und andernorts keine Gelegenheit vorhanden sei.“ (so die Vorarlberger Landes-Zeitung am 10. April 1902) Aus diesem Grund entschloss sich der Stadtrat von Bregenz einen Fischersteg aus Holz zu errichten, zumal kurz zuvor ein Sturm in den städtischen Wäldern gewütet hatte und daher billiges Baumaterial in Hülle und Fülle zur Verfügung stand. Sehr schnell erfüllte der Steg nicht nur seine ursprüngliche Funktion, sondern „der pavillonartige Bau macht einen ganz guten, vor allem soliden Eindruck, und wenn noch ein paar dauerhafte Angler im obligaten Sportkostüm die Dekoration vervollständigen, so ist ein entschieden dankbares Sujet für Amateurphotographen und Ansichtskarenfabrikanten mehr vorhanden“. Bereits kurz nach seiner Eröffnung 1902 stand der Fischersteg im Mittelpunkt einer internationalen Veranstaltung und wurde mit über 100 Lichtern geschmückt, um dem Etappenort Bregenz im besten Licht dastehen zu lassen. Bregenz war Etappenziel der Rally Paris-Wien, was bekannte Rennfahrer, internationale Reporter und zahlreiche Direktoren verschiedener Automobil-Fabriken an den Bodensee lockte.

Während und nach dem 1. Weltkrieg wurden der Fischersteg, aber auch die ganzen übrigen Seeanlagen vernachlässigt und zum Teil sogar in Schrebergärten umgewandelt und erst 1923 wurde der inzwischen verfallene Holzpavillon neu aufgebaut. Als wohl originellste Nutzung, die auf einem Foto des Stadtarchivs Bregenz festgehalten ist, diente er als Ausgangspunkt für Rundflüge mit einem Wasserflugzeug. Die Firma Bodensee-Aerolloyd war 1926 mit der Bitte an die Bregenzer Stadtgemeinde herangetreten, vom Fischersteg aus Bodenseerundflüge durchführen zu dürfen. Die Stadtvertretung um Bürgermeister Kinz habe den Vorschlag freudig begrüßt und die Genehmigung erteilt. Es wurde sogar ein Schild „Flughafen Bregenz“ angebracht, das die vielen Schaulustigen zu einem Flug animieren sollte, der für die meisten mit Kosten von 300.000 Kronen allerdings unerschwinglich war. Wenn viele Jahre später in James Bond „Ein Quantum Trost“ wieder vom Bregenzer Flughafen die Rede ist…, alles schon dagewesen.

Obwohl bereits 1902 daran gedacht wurde, eine Eisenkonstruktion zu errichten, ist der Steg bis heute aus Holz. Das hatte zur Folge, dass er zumindest fünf Mal zerstört und wieder neu aufgebaut werden musste. So etwa 1936 als der zuständige Bezirkshauptmann seinen Zustand beklagte, „der dem Ansehen der Landeshauptstadt nicht gerade zur Ehre gereicht. Der Steg zum Pavillon ist abgebrochen, die aus dem Wasser herausragenden Piloten sind teilweise schadhaft und verfault, sodaß diese Anlage einen trostlosen Anblick bietet.“ Die Beschwerde zeigte Wirkung und der Steg wurde wiederinstandgesetzt.
Immer wieder fiel er den Naturgewalten zum Opfer, so raste in den Morgenstunden des 16. Juni 1965 ein Orkan über den Bodensee, zerstörte Teile der Seebühne, hob tonnenschwere Platten der Bregenzer Seepromenade und setzte dem Fischersteg arg zu. Auch 1970 tobte ein Sturm über den See und zertrümmerte ihn vollständig. Offensichtlich vermissten aber doch viele das liebgewonnene Bauwerk, denn es wurden zahlreiche Unterschriften gesammelt, die aber erst zehn Jahre später einen Neubau erwirken konnten.

Da der Steg den strengen Kriterien einer Unterschutzstellung des Bundesdenkmalamtes zurzeit nicht Stand hält, liegt es wohl in der Verantwortung der Stadt Bregenz, im Sinne des Ortsbildschutzes auch weiterhin für seine Erhaltung zu sorgen. Schützenswert ist allemal die dort herrschende besondere Stimmung: im Sommer das Getriebe einer Sunset-Bar, im Winter nur das Plätschern des Wassers und das Kreischen der Möwen im Kontrast zur nahen Eisenbahn.
Am Beispiel des Fischerstegs zeigt sich die Vielfalt der Fotos, die in der Fotodatenbank volare (www.vorarlberg.at/volare) der Landesbibliothek präsentiert werden. Dort finden sich 44 Fotografien, meist Ansichtskarten, aber auch stimmungsvolle Fotos von Rudolf Zündel und Oskar Spang, die den Steg in guten wie in schlechten Zeiten zeigen.

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