Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Die Pipeline – mehr als ein Badestrand

November 2019

Am 17. Juni 1965 fegte ein orkanartiger Sturm über die Bregenzer Bucht. Die Eisenbahnlinie von Bregenz nach Lindau war einen ganzen Tag lang gesperrt, da das gleichzeitige Hochwasser des Sees und die übergehenden Pfänderbäche die Geleise verlegt hatten. Die meterhohen Wellen unterspülten auch einige Rohre, mit denen gerade die letzte Lücke der Ölleitung von Genua nach Ingolstadt geschlossen werden sollte. Sogar die renommierte „Zeit“ berichtete prägnant über das Ereignis: „Wäre die Leitung in Betrieb gewesen, hätte es eine Katastrophe gegeben.“ Die Betreiber argumentierten allerdings, dass die Rohre zum Zeitpunkt des Sturms nur provisorisch fixiert gewesen seien und dass nach Abschluss der Bauarbeiten keine Gefahr mehr für den Bodensee drohe.

Wie konnte es aber überhaupt dazu kommen, dass eine Pipeline direkt am Ufer des Bodensees, Trinkwasserspeicher für Millionen Menschen, verlegt werden konnte? Um den wachsenden Energiebedarf in Süddeutschland zu decken, forcierte die Bayerische Staatsregierung ab 1960 den Bau einer neuen Raffinerie in Ingolstadt. Die Versorgung mit Öl sollte über Erdölleitungen gewährleistet werden, da diese als sicheres und bequemes Transportmittel galten. Der Ausgangspunkt für die CEP (Central European Pipeline) war Genua, wo das Rohöl mit Hochseetankern angeliefert werden konnte. Sie überschritt in der Schweiz den Alpenhauptkamm, um dann über Vorarlberg nach Norden zu führen. Mit dem Bau wurde 1961 begonnen, es dauerte dann allerdings bis 1966, ehe das erste Öl durch die Leitung floss. Gründe für die Verzögerung waren explodierende Kosten und der Widerstand von Umweltschützern. Besonders kritisch wurde der Abschnitt direkt am Bodensee gesehen, da dort eben Gefahr für das Trinkwasser drohte. Während sich in Lindau eine Bürgerinitiative gegen den Bau stark machte, blieb die Lage in Vorarlberg relativ ruhig. Die „Vorarlberger Nachrichten“ berichteten am 15. November 1963 darüber: „Von allen Kommissionsmitgliedern (der Gewässerschutzkommission) wurde anerkannt, dass die im Vorarlberger Baubescheid erlassenen Sicherheitsvorschriften das Maximum des nach dem heutigen Stand der Technik Möglichen darstellen und im Ausmaß einmalig auf der ganzen Welt sind.“ So wurde etwa verlangt, dass nur der beste Stahl der Firma Mannesmann verwendet werden durfte, und jede Schweißnaht musste einer Röntgenprüfung unterzogen werden. Die Ingenieure der italienischen Betreiberfirma berichteten, dass – wohl etwas übertrieben – auf 20 Arbeiter 40 Aufsichtsorgane gekommen seien.

So wurden wohl alle technischen Eventualitäten berücksichtigt, ob aber auch an die Gefahr eines terroristischen Anschlags gedacht wurde, ist unbekannt. Es gibt einen Hinweis, dass es eine solche Gefahr sehr wohl gab. Denn 1992 lief der russische KGB-Offizier Wassili Nikitisch Mitrochin nach Großbritannien über und veröffentlichte später mehrere Bücher über die Aktivitäten des sowjetischen Auslandsgeheimdienstes während des Kalten Krieges. Unter anderem berichtet er über den Plan des KGBs, im Krisenfall die Pipeline am Bodensee zu sabotieren und damit das Trinkwasser des Sees zu verseuchen. Die Sprengung hätte beim Übergang der Pipeline über den Rhein erfolgen sollen, um eine großflächige Verschmutzung zu verursachen. Die Schuld an der Katastrophe hätte dann italienischen Extremisten in die Schuhe geschoben werden sollen, die sich für Terrorakte Südtiroler Separatisten rächen.

Tatsächlich ist aber während der über 20-jährigen Betriebszeit kein nennenswerter Unfall passiert, obwohl in der Leitung ständig 170.000 m³ Öl unterwegs waren. Um die gleiche Menge auf der Straße zu transportieren, hätte sich in Genua jede Minute ein Tankfahrzeug auf den Weg nach Ingolstadt machen müssen. 1997 entschloss sich der italienische Konzern ENI (Ente Nazionale Idrocarburi), den Ölhahn der Bodensee-Pipeline ein für alle Mal zuzudrehen. Teure Sanierungen wären angestanden, und Rotterdam hatte sich inzwischen auf Kosten von Genua als Umschlagplatz für Rohöl etabliert. Außerdem stand ja immer noch die Transalpine Ölleitung, die von Triest über den österreichischen Alpenhauptkamm nach Ingolstadt führt, zur Verfügung.
Obwohl nie Öl ausgetreten ist, atmeten die Bodenseeanrainerstaaten auf, als 1997 mit der Stilllegung die latente Gefahr einer Verunreinigung gebannt war. Die Pipeline in Bregenz ist also seit mehr als 20 Jahren kein Aufreger mehr, sondern nur noch ein Bregenzer Badestrand, an dem sich im Sommer die schönsten Sonnenuntergänge erleben lassen.

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