Heinz Peter

Ich und die Wirklichkeit

Februar 2022

Im Anfang war das Wort.“ (Joh. 1,1); „Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geschehen ist.“ (Joh. 1,3). Ich spreche, also bin ich, ist der Ausgangspunkt bei Johannes. Descartes sagt: „Ich denke, also bin ich.“ Das Ich ist in diesem Kontext ein sprachliches und denkendes Ereignis. Auch im deutschen Idealismus (Fichte, Hegel, Schelling) steht ein reflektierendes Ich als Träger geistiger Tätigkeiten im Vordergrund. Bei David Hume ist das Ich ein dynamisches Bündel von Empfindungen in einem Bewusstseinsstrom. Damasio beschreibt unter anderem ein fühlendes Ich und bei Lacan gibt es neben dem sprechenden Ich auch ein visuelles Ich, das im Spiegelstadium gegen Ende des ersten Lebensjahres entsteht: das Kind steht vor einem Spiegel, sieht sich darin erstmals als körperliche Einheit und hört Vater und Mutter sagen: „Schau, das bist du“.
Freuds letzter Satz in „Totem und Tabu“ lautet: „Im Anfang war die Tat.“ Hier also steht ein handelndes Ich im Vordergrund. Daneben beschreibt Freud das Über-Ich, Ich und Es als Strukturelemente der Psyche, wobei das Ich die Aufgabe hat, zwischen dem Über-Ich (beinhaltet Gebote, Verbote und Normen der Gesellschaft) und dem Es als Speicher unserer Triebimpulse „realitätsgerecht“ zu vermitteln. 
Aus dieser Einleitung können wir schon entnehmen, dass wir aus vielen Ich-Zuständen bestehen und sich die Frage stellt, ob es ein übergreifendes Ich gibt, das in der Lage ist, die verschiedenen Ich-Zustände zu bündeln. Dies ist deshalb notwendig, weil der Mensch nicht fähig wäre, in der Welt zu bestehen, wenn sein wahrnehmendes, handelndes und fühlendes Ich auseinanderfallen würden. Damasio postuliert daher ein sogenanntes Proto-Selbst, das die einzelnen Ich-Zustände integriert und im Rahmen eines selbstorganisierenden Systems sicherstellt, dass im Einzelfall auch handlungsfähig entschieden werden kann. Ausgangspunkt ist dabei die neuronale Kommunikation zwischen verschiedenen Ich-Modulen im Gehirn. Vereinfachend gesagt nennt G. Roth ein Körperbewegungs-Ich, weiter Zentren für gedankliche, räumliche und bildliche Vorstellungen sowie emotionale Prozesse und Körperempfinden. Ein autobiografisches Ich, ein reflexives Ich und ein ethisches Ich werden mit Aktivitäten im cingularen und präfrontalen Cortex und dem Hippocampus in Verbindung gebracht. So erscheint unser Ich als ein Bündel unterschiedlicher Zustände, bestehend aus den Funktionen unseres Proto-Selbst, des autobiografischen Gedächtnisses und aus unseren Erfahrungen. 
 

Sind wir bereit, die Konstruk­tionen unserer Wirklich­keiten zu hinterfragen und zu modifizieren?

Wirklichkeiten werden auch durch Benennungen und Zuschreibungen erzeugt. Im performativen Sprechakt erhält der Täufling einen Namen und wird in eine Gemeinschaft aufgenommen. Der Standesbeamte begründet durch einen Sprechakt eine Ehe. Die Vereinsobfrau erklärt mit „hiermit“ eine Sitzung für eröffnet. Der Lehrer kann mit einem „Setzen fünf“, feststellen, dass ich eine Prüfung nicht bestanden habe. Die Wirkung des performativen Sprechakts ist jedoch an Institutionen gebunden, die Bedingungen festlegen, die erfüllt sein müssen, damit die ausgesprochenen Worte auch die entsprechenden juristischen und gesellschaftlichen Konsequenzen haben. So ist dieser Sprechakt oft in ein Ritual eingebunden, das mit einer spezifischen Symbolik ausgestattet, demonstriert, dass beispielsweise der Akteur nicht aus eigener Machtfülle, sondern als Träger eines Amtes handelt. 
Wir kommen auf die Welt und dann sind es die Sinne, die uns mit der äußeren Welt verbinden. 
Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen, Tasten und die Körperbalance bilden ein körperliches Erleben, das vom Gehirn in Worte, Sätze und Bedeutungen transformiert werden muss, damit wir die Wahrnehmungen auch speichern, vermitteln und daraus ableitende Handlungen auch vollziehen können. Ein wichtiges Zentrum für diese Transformationsprozesse im Gehirn ist das limbische System, das aus vier Ebenen besteht und beispielsweise über den Hypothalamus das vegetative Nervensystem steuert. Das mittlere limbische System enthält Ängste, Freude, Furcht, Ärger, Neid … Der Hippocampus ist der Organisator des erinnerungsfähigen Gedächtnisses und der Sitz des primären Unbewussten, das gemachte Erfahrungen deshalb noch nicht abspeichern kann, weil zum Zeitpunkt der Erfahrungen die Großhirnrinde als Ort des deklarierten Langzeitgedächtnisses noch nicht vollständig ausgebildet ist. Es ist daher nicht erinnerbar. Die obere limbische Ebene ist der Ort der sekundären Sozialisation, für die Körperwahrnehmung, das Schmerzempfinden, die Empathie und die Risikoabschätzung. Die vierte limbische Ebene ist die sprachliche Ebene (oberes Stirnhirn). Sie gilt als Arbeitsgedächtnis, als Grundlage von Intelligenz, Verstand und kontextgerechtes Verhalten. Die benachbarten Brocca- und Wernicke-Sprachareale bilden die Grundlage für die menschliche Sprache und für grammatikalisch korrektes Hören, Sehen, Lesen und Sprechen. 
Unser Gehirn verarbeitet Sinneswahrnehmungen damit sie versprachlicht und verschriftlicht werden können. In diese Verarbeitungsprozesse fließen genetische, epigenetische, vorgeburtliche und nachgeburtliche Faktoren ein. Sie führen dazu, dass wir uns die Welt, unsere Umgebung, unsere Freunde und unsere Feinde auf eine bestimmte Art und Weise vorstellen. Diese Verarbeitungsprozesse schaffen eine Sicht der Welt, die wir als „wirklich“ empfinden. 
Es ist eine Konstruktion der Wirklichkeit. Wir können uns die Wirklichkeit als Blase vorstellen. Es gibt in dieser Blase Elemente, die nahezu identisch mit der äußeren Realität sind. Wenn ich beispielsweise in meinem Beruf wissenschaftliche Erkenntnisse in praktische Problemlösungen umsetzen kann, die wiederholbar sind, habe ich eine realitätsgerechte Wirklichkeitsauffassung, die solange hält, bis neue Erkenntnisse die Hinzunahme weiterer Wirklichkeitsdimensionen notwendig machen: beispielsweise, wenn ein Teilchen gleichzeitig durch zwei Öffnungen gleitet und damit meine Auffassung von Raum und Zeit relativiert (Quantenphysik). 
Wenn ich jedoch der Meinung bin, dass mir mit einer Corona-Impfung ein Chip eingepflanzt wird, hat meine Wirklichkeitsvorstellung mit der äußeren Realität nichts mehr zu tun. So leben wir in unseren Blasen, die sich im Laufe des Lebens gebildet haben. Die Frage ist, wie wir mit solchen Blasen umgehen? Sind wir noch durchlässig für neue Wahrnehmungen? Sind wir bereit, die Konstruktionen unserer Wirklichkeiten zu hinterfragen und zu modifizieren? Können wir die Blase noch auswuchten, durchlöchern oder zusammenziehen? Oder ist unsere Blase mit Beton ummantelt, sodass keinerlei Veränderungen mehr möglich sind? Das wäre dann der Punkt, wo wir als Untote durch die Welt gehen, unfähig zu Veränderungen und unfähig, an den Tod nur zu denken. 
Damit wären wir bei der Arbeit an uns selbst angelangt. Hier würden wir uns fragen müssen, wie sich unsere Wirklichkeitsauffassungen im Laufe unseres Lebens entwickelt haben und ob wir sie in der Form behalten wollen. Für manche ist die Antwort klar: Ich fühle mich wohl in meiner Blase und habe keinerlei Anlass, sie zu hinterfragen und zu modifizieren. Damit ist die Konstruktion der Wirklichkeit abgeschlossen.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.