Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Rheindurchbruch aus freien Stücken

Oktober 2019

So titelte die Feldkircher Zeitung am 9. Mai 1900 einen Artikel über ein historisches Ereignis für das untere Rheintal: denn der Rhein hatte die Barriere zum Schutz der Bauarbeiten durchbrochen und seinen Lauf bei Fußach vorzeitig begradigt und um sieben Kilometer verkürzt. Die Meldung dokumentiert das Aufsehen, das die Ereignisse damals hervorriefen: „Gestern früh gegen 2 Uhr durchbrach der durch die Schneeschmelze angeschwollene Rhein unterhalb der Eisenbahnbrücke den noch bestehenden Schutzdamm vor dem neuen Rheinbette und es ergoß sich bald ein starker Strom durch das neue Rinnsal, Erde und Sand mit sich reißend und so sich das neue Bett eröffnend. Da es gerade Sonntag war und gleich am Vormittag die frohe Kunde in ganz Lustenau die Runde machte und telegraphisch die Nachricht nach Bregenz, Dornbirn, Hohenems kam, so strömte wohl halb Lustenau hinab zur neuen prachtvollen, eisernen Rheinbrücke, um wenigstens die vollendete Thatsache des Rheindurchstiches zu sehen, da leider der unerwartete nächtliche Einbruch des etwas wilden Vaters Rhein keine Zeugen seines Durch- und Einbruchs erscheinen ließ.“
Als dem Rhein 1900 mithilfe eines kleines Hochwassers selbstständig der Durchbruch in sein neues Bett gelang, waren seit den ersten Plänen für eine Begradigung schon mehr als 100 Jahre vergangen. Auch immer wiederkehrende, katastrophale Hochwasserereignisse hatten nicht verhindern können, dass zähe Verhandlungen zwischen Österreich und der Schweiz lange ergebnislos blieben. Schon 1792 erhielt der Tiroler Baudirektor Baraga von der österreichischen Regierung den Auftrag, den sogenannten Eselschwanz, eine Krümmung des Rheinverlaufs zwischen St. Margrethen und Höchst, zu entschärfen. Verbauungsprojekte auf beiden Seiten des Flusses hatten dort dazu geführt, dass sich die Laufverhältnisse des Rheins derartig verschlechtert hatten, dass unmittelbare Hochwassergefahr drohte. Wuhrungen am österreichischen und schweizerischen Ufer waren jeweils auf Kosten der anderen Seite erfolgt. Als Lösung kam nur eine Begradigung des Flusslaufes in Frage, wobei zwei Varianten erwogen wurden, die eine, wie sie später realisiert wurde, die andere mit einem Flusslauf durch das Niederried. Allerdings stemmten sich unterschiedlichste Interessen gegen eine Veränderung der bestehenden Verhältnisse. So lehnte etwa St. Margrethen einen Durchstich beim Eselschwanz ab, weil es dadurch zu einer Verkleinerung seines Territoriums gekommen wäre, Rheineck, das damals noch ein bedeutender Umschlagplatz für Holz und Textilien war, befürchtete durch eine Trockenlegung des ursprünglichen Flussbettes den Verlust seiner Schifffahrt.
Über viele Jahre hinweg gelang es immer wieder, einen Durchstich zu verhindern: So wurde etwa 1855 angeführt, dass „durch die konzentrierten Geschiebemassen von Rhein, Dornbirner und Bregenzer Aach“ die Fußacher Bucht innerhalb weniger Jahrzehnte vollständig aufgefüllt werden könnte. 1862 wurde gar vermutet, dass die Vorarlberger Seite eine Verkürzung des Rheinlaufes verhindern wolle, da dadurch die Möglichkeiten des gewerbsmäßigen Schmuggels erheblich eingeschränkt worden wären.
Schließlich waren es dann doch massive Überschwemmungen des Rheins in den Jahren 1888 und 1890, die zu einem Durchbruch der Verhandlungen führten. 1892 wurde zwischen Österreich und der Schweiz schließlich ein Staatsvertrag unterzeichnet, der das gemeinsame Projekt besiegelte. Uwe Bergmeister, ehemaliger Rheinbauleiter, und die Historikerin Gerda Leipold Schneider beschreiben hundert Jahre nach der Vollendung anhand von historischen Quellen den Fortgang der Baumaßnahmen. Demnach gelangten die zu einem Großteil italienischen Bauarbeiter mit der Rollbahn oder nach langem Fußmarsch zur Arbeitsstelle, wo sie im Winter von Tagesanbruch bis zur Dämmerung, im Sommer elf Stunden arbeiteten. Zeitweise arbeiteten bis zu 1000 Männer auf der Baustelle, wobei für sie in Fußach und Höchst behelfsmäßige Baracken errichtet wurden. Zur Beschaffung der nötigen Steinmengen für den Bau der Dämme wurden Steinbrüche in Hohenems und Dornbirn gepachtet. Vom Hohenemser Steinbruch Unterklien aus wurde eine Bahnstrecke errichtet, die Bundesstraße und Eisenbahnlinie kreuzte, um dann dem Rhein entlang bis nach Fußach zu führen.
Wenn beim aktuellen Projekt Rhesi schon bald mit Baumaßnahmen begonnen werden sollte, wäre das im Vergleich mit anderen Großprojekten im Zuge der Rheinregulierung ein phänomenal schnelles Verfahren, wären dann ja „nur“ wenige Jahre zwischen der Machbarkeitsstudie und der Realisierung vergangen.

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