Wolfgang Greber

* 1970 in Bregenz, Jurist, bei der „Presse“ im Ressort Außenpolitik, Sub-Ressort Weltjournal. Er schreibt auch zu den Themen Technolo­gie, Militärwesen, Raumfahrt und Geschichte.

Das wahre Problem mit der (Un)Bildung

November 2023

Mit Schulbeginn wurden wieder typische Themen dazu aufgewärmt. Etwa, dass bei uns in Österreich Bildung vererbt werde. Ist das echt so böse oder schlicht eine übel missverständliche Formulierung?

Kürzlich ging die Schule los. Damit wusste man, welche Themen wieder breitgetreten werden. All die Sachen mit den je nachdem armen, überforderten oder pösen Lehrern, den schwierigen Lehrstoffen, langen Ferien et cetera. Und natürlich die Sache mit der Bildung an sich.
Da wurde nämlich erneut das speziell bei der SPÖ beliebte Lamento angestimmt, dass Bildung schrecklicherweise „vererbt“ werde. Der ORF etwa hat’s getan, der „Standard“, das Rote Kreuz. Bei uns hänge Schulerfolg und Aufstieg stark von der Bildung der Eltern ab, hieß es. Arbeiter- und Migrantenkinder hätten es schwerer als jene höherer Schichten. Bildung werde also vererbt. Nicht gut.
Klar, da ist was dran. Ist aber soziologisch gesehen logisch. Familienkultur wird tendenziell tradiert, das hat teils mit finanziellen Gründen zu tun, aber auch mit psychologischen und soziokulturellen und mit Vorbildwirkung, da gibt’s Bezüge zum Trägheitsprinzip der Physik. Daher ist’s in Österreich laut Artikel der „Presse“ (Oktober 2022) so, dass mehr als die Hälfte der 25- bis 44-Jährigen aus Akademikerfamilien ein Studium abschlossen, bei Eltern mit maximal Pflichtschule rund sieben Prozent.
Aber: Laut Studie des Thinktanks „Agenda Austria“ setzen zwar tatsächlich 47 Prozent der Kinder das höchste elterliche Bildungsniveau (meist des Vaters) fort – doch sind hier Akademiker natürlich inkludiert. Elf Prozent steigen ab – und immerhin 42 Prozent auf; deren Eltern waren klarerweise keine Akademiker. Übrigens hatten zuletzt die meisten Neuinskripienten an öffentlichen Unis (54 Prozent) kein Akademiker-Elternteil, bei Fachhochschulen 68 Prozent.
Doch es geht um was anderes. Denn du fragst dich, wie die Menschen im Lauf der Zeit überhaupt zu irgendetwas aufsteigen konnten. Früher waren wir fast alle Bauern, Fischer, Jäger, Sammler, im 16. Jahrhundert in Europa noch zu etwa 80 Prozent. 1900 war im Raum des heutigen Österreichs fast die Hälfte der Bevölkerung in Land- und Forstwirtschaft. Heute? Ein paar Prozenterl.
Meine väterliche Verwandtschaft ist bis 1745 verfolgbar, zu der Zeit in Schwarzenberg. Es waren Bauern, ein Wächter, ein Metzger, sogar ein Lehrer. Meine Opas waren ein Bauer und ein ÖBBler, mein Vater Arzt. Wow, wie der das nur geschafft hat, und das kurz nach dem Krieg und trotz Studiengebühren? Meine Mutter war Krankenschwester. Bei allen anderen weiblichen Ahnen steht als Berufsangabe, wenn überhaupt, „Hausfrau“. War früher halt so. Ich hab einen Magister in Jus und noch ’ne tituläre Kleinigkeit. Meine Schwester brach vor der Matura ab. Sie arbeitete lieber als Sekretärin. Man sieht: Es will eben auch nicht jeder formal aufsteigen.
Letztlich stecken hinter jedem Physiker, Schriftsteller, Richter, Neurologen, Montaningenieur, Manager, Landeshauptmann, Parteichef und Chefredakteur irgendwann Bauern und/oder Hackler. Die aber unterschätze nicht! Das ist ein häufiger, unguter Arroganzhabitus im Milieu der Bildungselite, speziell im urbanen Umfeld und zunehmend dünnflüssigen Geisteswissenschaftssektor.
1961 hatten über 80 Prozent in Österreich nur Pflichtschulabschluss, 1981 noch 46 Prozent, zuletzt circa 18. Das mit der Bildungsvererbung ist insgesamt ein Mythos, heißt’s auch bei „Agenda Austria“, wo man sich sarkastisch fragt, wie die böse Bildungsvererbung möglich sein kann, wo doch der Staat fast den ganzen Bildungssektor kontrolliert und freien Bildungszugang garantiert.
Beim Vererbungsgeklage geht’s auch um den seltsamen Ton: Es klingt nach Vorwurf gegenüber höher Gebildeten. Dabei muss man doch froh sein, wenn Bildung, Wissen, Fähigkeiten übertragen werden. Wenn Familien es schaffen, auch höheres Niveau zu halten. Das wächst nicht im luftleeren Raum. Wobei natürlich (wichtig!) speziell Akademiker nicht nur Akademiker produzieren müssen, im Gegenteil: Ist doch gut, wenn aus einer Ärztefamilie ein Konditor oder eine Bürokraft entspringt oder eine Anwaltstochter eine Lehre in Elektrotechnik macht.
Die Wirtschaft jammert eh, es gebe zu wenige Kräfte des Mittelbaus. Bildung wird vererbt? Lasst uns jubeln, wenn neue Arbeiter, Facharbeiter, Handwerker und andere im subakademischen Segment nachkommen, wenn’s fähige Maurer, Eisenflechter, Lkw-Fahrer, Fußpfleger, Bäcker, Fahrradmechaniker, Polizisten, Friseure, Kellner, Straßenarbeiter gibt und nicht jeder und jede in die häufige Formal-(Halb)bildungsblase abhebt. Ich möcht keine Studienzweige nennen, aber hier in Wien biegen sich die akademischen Elfenbeinbalken nur so davon.
Also ist’s bedrohlich, wenn die Bildungssprecherin der SPÖ, Petra Tanzler, heuer forderte: „Die Regierung muss die Vererbung von Bildung beenden.“ Bei Ex-SP-Chefin Joy Pamela Rendi-Wagner war das ein Mantra, und ihre Augen wurden dabei noch schwärzer. Wow: Du sollst intellektuell nix weitergeben, die Bücher und Chemiebaukästen verstecken, Besuche in Museen und Firmen sowie Sprachkurse in England streichen und die Kindlein vor Smartphone und Play Station parken, damit sie alle niveaumäßig gleich sind? Sind wir Eltern nicht verpflichtet, nach unseren Möglichkeiten Bildung zu verschaffen, sie letztlich zu vererben?
Okay, die Dame hat’s sicher nicht so gemeint. Aber der Satz ist schon sehr missverständlich und klingt grauenhaft. Zudem wirkt es, als schäme sie sich fürs Bildungslevel der eigenen Klientel und unterschätze oben genannte Berufe.
Das Bildungsvererbungsgeklage kommt hier aus demselben Eck wie das in Bezug aufs finanzielle Erben. Mit Erben hat die SPÖ ja ein Problem. Jenes bei der Bildung ist aber in Wahrheit nicht, dass Bildung vererbt wird: Ein Problem ist es, wenn Unbildung vererbt wird. Der andere Vorwurf vergiftet nur den Ton in der Debatte.
Es gab übrigens heuer eine Studie (Institut der Deutschen Wirtschaft), wonach Junge aus vermögenderen Familien öfters einen Ferial/Nebenjob haben als andere. So hatten 2020 rund 52 Prozent der 17-Jährigen aus reicheren Schichten schon solche Jobs (im Top-Sechstel 60 Prozent), bei den ärmeren 32 Prozent. Das ist eine andere Story, aber Parallelen sind offensichtlich. Wie sagt man bei uns: Vo nüt kut nüt!

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