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Im Land der Lehre

Die duale Ausbildung in Vorarlberg – unersetzbar für den Standort kämpft sie doch mit einem Dauerproblem: Wie wird sie als Bildungsweg noch attraktiver?

Einer großen internationalen Anerkennung unserer dualen Ausbildung steht ein bemerkenswert geringes Image der Lehre in Österreich gegenüber. Zeit also zu handeln.
In den 1970er-Jahren machte sich das Bewusstsein breit, dass eine qualitätsvolle Berufsbildung junger Menschen via Lehre beziehungsweise duale Ausbildung der beste Weg dazu ist, sich für die Zukunft qualifizierte Fachkräfte zu sichern. Er ist der Beginn einer boomenden Industrie.

Heute befindet sich die duale Ausbildung mehr denn je in Diskussion, weil eben so spezifisch und notwendig für den Vorarlberger Wirtschaftsstandort, für die Betriebe und besonders als Berufsperspektive der Jugend. Kleinreden lässt sich das Erfolgsmodell trotz permanenter Querschüsse nicht. Auch den Widrigkeiten der Demografie trotzt diese Berufsschiene, die eine praxisorientierte Ausbildung mit der Vermittlung von fundiert fachtheoretischem Wissen verbindet. Dennoch, das Image der Lehre beschäftigt. Sozialpartner wie Land und Leute.

Ein 20-Jahres-Vergleich

Das Jahr hat dennoch gut begonnen für die Lehre. 7026 Lehrlinge standen Ende 2017 in Ausbildung. Nach Jahren des Rückganges sind die Zahlen wieder nach oben gegangen, auch wenn das Plus von 0,8 Prozent gegenüber 2016 nicht den gewohnten Steigerungen zu Beginn der 2000er-Jahre entspricht. Im Vergleich zur Anzahl der Lehrlinge vor zehn Jahren (7918) bedeutet dies eine Differenz von 892 Personen (-11,2 Prozent). Im 20-Jahres-Vergleich (1997: 6982) ist es hingegen ein Plus von 44 Lehrlingen (+0,6 Prozent).
Doch nicht nur das. Die Quote mit 52,8 Prozent (71,20 Prozent der Burschen und 34,17 Prozent der Mädchen) gemessen an den Pflichtschulabgängern ist für österreichische Verhältnisse weiterhin ein Glanzstück. Nur von 2010 bis 2012 war sie in den vergangenen Jahren höher. Burgenland zum Vergleich „dümpelt“ mit einer Quote von etwa 31 Prozent dahin, Niederösterreich kann nur 28 Prozent aufweisen. Auch der österreichweite Durchschnitt ist mit 39,3 Prozent vergleichsweise bescheiden. In Vorarlberg ist die DNA der dualen Berufsausbildung eindeutig ausgeprägter – und das seit Jahrzehnten.

Trotz dieser erfreulichen Daten bleibt die Situation aber auch in Vorarlberg herausfordernd. Nicht unproblematisch sind da auch die gewachsenen Strukturen. 47 Prozent der Vorarlberger Lehrbetriebe bilden nur einen Lehrling aus. Ebenfalls 47 Prozent der Vorarlberger Lehrbetriebe bilden zwei bis zehn Lehrlinge aus. Oder anders dargestellt, 22 Prozent der Lehrlinge werden in nur 16 Betrieben ausgebildet. Die Zahl der Lehrbetriebe hat sich weiter minimal aber doch reduziert, von 1883 auf 1874. „Die Entwicklung der Betriebe und deren Struktur zeigen, dass fast die Hälfte der Betriebe überhaupt nur einen Lehrling ausbilden. Diese kleinen Unternehmen tun sich im Wettbewerb um die Jugendlichen am schwersten und finden oft keine geeigneten Kandidaten und fallen dann aus der Lehrlingsausbildung heraus“, begründet Christoph Jenny, Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg, die Abnahme bei den Ausbildungsbetrieben.

Die aktuellen und die prognostizierten demografischen Entwicklungen bedeuten einen Rückgang der Berufseinsteiger und einen massiven Anstieg an Berufsaussteigern (Pensionierungen). Daraus resultiert ein deutlicher Fachkräftemangel, der sich am heimischen Arbeitsmarkt bereits bemerkbar macht. Das EY-Mittelstandsbarometer (Ernst & Young Global Limited) belegt: Zwei Drittel der österreichischen Unternehmen und damit mehr als je zuvor haben derzeit Probleme, geeignete Fachkräfte für offene Stellen zu finden. Mehr als jeder Zweite (56 Prozent) beklagt derzeit Umsatzeinbußen infolge des Fachkräftemangels. Fast jeder zweite Betrieb in Österreich kann derzeit Positionen in der Produktion nicht mit geeigneten Mitarbeitern besetzen. Das erfordert rasches Handeln.

„Die Ausbildung der Lehrlinge in Vorarlberg hat in ganz Österreich einen ausgezeichneten Ruf. Die Betriebe bemühen sich, Jugendliche mit viel Einsatz und Engagement zu den Fachkräften von morgen auszubilden. Leider wird es immer schwieriger, genügend interessierte und qualifizierte Jugendliche für die Lehre zu gewinnen. Wir müssen die Wertigkeit der dualen Ausbildung noch mehr in den Köpfen von Jugendlichen, Eltern und Lehrern verankern“, kennt Gerald Spieler, Ausbildungsleiter bei Alpla, die Problematik.
Den Weg ebnen soll nun ein zehn Punkte umfassendes Maßnahmenpaket, das von Wirtschafts- und Arbeiterkammer sowie dem Land Vorarlberg getragen wird. Damit sollen Defizite der Lehranfänger kompensiert, neue Qualitätsstandards gesetzt und die Lehre als Bildungsweg attraktiv gemacht werden. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Das ist nicht automatisch eine akademische Ausbildung. Viele Eltern sehen es am liebsten, wenn ihr Kind ein Gymnasium absolviert und danach studiert. Das hat viel mit dem Image der Lehre zu tun und wenig mit den realen Einkommens- und Karrieremöglichkeiten des Lehrberufs. Während im Jänner 2017 die Arbeitslosigkeit bei Pflichtschulabsolventen leicht gesunken ist, stieg sie bei Akademikern um 11,9 Prozent. Im Gegensatz dazu suchen Unternehmen händeringend Jugendliche, die für eine Lehrstelle geeignet sind. Geht man nach dem Lebensverdienst, ist das Studium auch finanziell lange nicht mehr so attraktiv wie einst. Alpla-Ausbilder Gerald Spieler: „Wir alle haben die Aufgabe, die Lehre als hochwertige und zukunftssichere Ausbildung zu positionieren.“

Ein Angebot

Zurück zum geschnürten Maßnahmenpaket: Konkret geht es den Sozialpartnern darum, die Zusatzangebote für Lehrlinge im Bereich Persönlichkeit, Kommunikation und Sozialkompetenz (ergänzend zur berufsschulischen und betrieblichen Ausbildung) zu erhöhen. Die Polytechnischen Schulen, aus denen bereits 35 Prozent der Lehranfänger kommen, sollen weiter in ihrer Funktion als Brückenschulen gestärkt werden. In Umsetzung befindet sich auch ein Pilotprojekt für eine zweijährige Lehre. Ein Angebot an all jene, die bisher nur in der Lage waren, Teilqualifikationen zu erwerben. Es ist ein Bemühen um Lernschwache und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die im Bildungssystem immer noch unterrepräsentiert sind. „Bei diesen Zielgruppen sind die Schulen besonders gefordert, einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung der Ausbildungsfähigkeit zu leisten“, betont Wirtschaftskammer-Direktor Jenny. Mit den Anforderungen an die Lehre steigt auch die Notwendigkeit eines Ausbaus der frühkindlichen Förderung.

Qualitätssicherung

Wesentliche Aufmerksamkeit gilt der Verbesserung der Ausbildungsqualität durch ein strengeres Qualitätsmonitoring in den Betrieben und sogenannten Kompetenzchecks für Lehrlinge als Qualitätssicherungsinstrument. „Es soll erfasst werden, welche Kriterien die Betriebe erfüllen und welche nicht. 70 Prozent der Ausbildungsbetriebe wurden bisher auf diese Weise analysiert“, sagt Jenny. Eva King von der Arbeiterkammer ergänzt: „Qualität wird nur dann zur Qualität, wenn sie messbar wird.“ Das gilt im Übrigen auch für Vorarlbergs Schulen.

Im Fokus sind auch die Ausbilder in den Unternehmen. Ausbau der Weiterbildungsprogramme, mehr Vernetzung und Austausch stehen ganz oben auf der To-do-Liste. Und schließlich soll die Berufsorientierung stärker in der Lehrerausbildung verankert werden und neue Kommunikationsstrategien eine breite Öffentlichkeit ansprechen. Daran ist ein überaus ambitioniertes Ziel geknüpft. Geht es nach Wirtschaftskammer-Präsident Hans Peter Metzler, Arbeiterkammer-Präsident Hubert Hämmerle und Landesstatthalter Karlheinz Rüdisser, soll Vorarlberg bis 2025 der „Hotspot der Lehre“ sein. Der Ort, zu dem alle pilgern, um zu erfahren, wie es möglich ist, dass sechs von zehn Jugendlichen eines Jahrgangs eine Fachausbildung machen.

Heißt aber im Klartext: Das System muss hoch attraktiv, flexibel, offen und nach oben durchlässig sein. Zudem muss sich die internationale Anerkennung unserer dualen Ausbildung endlich auch im Inland imagemäßig niederschlagen. „Natürlich gibt es Unterschiede in der Attraktivität einzelner Lehrberufe. Eine vierjährige High-Tech-Lehre hat aber definitiv kein Imageproblem. Nur die Vorstellung der Gesellschaft ist immer noch die, dass die Matura das Maß aller Dinge ist. Bei näherer Betrachtung der Möglichkeiten etwa nach einer AHS-Matura, die doch sehr stark auf ein Studium eingeschränkt ist, und den Zahlen zu den Studienabbrüchen und -wechseln, relativiert sich meines Erachtens die Image-Frage der Lehre“, erklärt Christoph Jenny. Auch ein Blick auf die Zahl der Selbstständigen mag verwundern. Knapp 35 Prozent der Selbstständigen haben als höchste Ausbildung eine Lehre absolviert. Die Weiterentwicklung unserer Wirtschaftsstruktur hängt damit wesentlich von dieser Berufsausbildung ab.

Geld nicht das Allheilmittel

Seit Jahren laufen Bemühungen, gegen die Imageprobleme anzukämpfen. Ab 2000 wurden mehr als zwei Drittel aller Lehrberufe modernisiert oder neu geschaffen. Mit der Modularisierung wurde das Ausbildungssystem der Lehre um ein flexibles und bedarfsgerechtes Modell erweitert, das den internationalen bildungspolitischen Entwicklungen entspricht. Der kostenlose Zugang zur Berufsreifeprüfung (Berufsmatura) ist ein wichtiger bildungspolitischer Meilenstein zur Steigerung der Attraktivität der Lehre und Erhöhung der Durchlässigkeit im österreichischen Bildungssystem. Wertschätzendes Signal für die Unternehmen ist Lehrstellenförderung, die eine spürbare Kostenentlastung bringt. Doch Geld ist nicht das Allheilmittel. Viel entscheidender sind qualitative Aspekte, ein weiterhin hohes ideelles Engagement der Betriebe – auch aus Eigennutz – sowie eine Bewusstseinsänderung innerhalb der Bevölkerung, dass die duale Ausbildung eine hochwertige Perspektive im österreichischen Bildungssystem darstellt. Mehr noch. Sie kann auf Bedarf zählen, denn die Lehre orientiert sich stark daran, welche Qualifikationen in der Arbeitswelt gefragt sind. Eine solche Anpassung an sich permanent ändernde Bedürfnisse der Wirtschaft – auch global bedingt – passiert wesentlich schneller und dynamischer als in den Lehrplänen der Schulen. Im Zeitalter der Digitalisierung eine besondere Aufgabe.

Für eine Bewusstseinsbildung hilft auch der Nationale Qualifikationsrahmen, der Transparenz und Vergleichbarkeit zwischen Bildungsabschlüssen zum Ziel hat. Der Lehrabschluss ist dann mit einer AHS-Reifeprüfung offiziell festgeschrieben als gleichwertig anzusehen. An Mut und neue innovativen Ideen kommt die duale Ausbildung in Vorarlberg nicht vorbei.

Bestes Beispiel, auch wenn es viel Überzeugungsarbeit bedurfte, ist die Vorarlberger Weitentwicklung der dualen Ausbildung im Tourismus. Geschaffen aus einer Not, weil immer weniger junge Menschen den Weg in diese Branche gefunden habe. „Wir haben uns im Rahmen der Tourismusstrategie 2020 eine triale Ausbildung (weil auch Praxis in Fachbetrieben wie Sennereien, Weingütern oder Bauernhöfen eingearbeitet sind) zum Ziel gesetzt und mit dem Start im September 2017 auch in die Umsetzung gebracht“, erklärt Nicole Okhowat, Verantwortliche für die Gastgeberschule für Tourismusberufe „GASCHT“.

Diese neuartige Tourismusausbildung stellt eine Mischform der Hotelfachschule und Lehre dar. Als vierjährige Ausbildung garantiert sie mit ihrem modularen System hohe Flexibilität und Innovationen. Okhowat: „Mit einem noch stärkeren Zusammenschluss von Wirtschaft und Schule als bisher in der Lehre.“ Die Arbeiterkammer und der zuständige Ministerialbeamte waren anfangs skeptisch, heute sind sie überzeugt. Rund 180 Anmeldungen für 90 Plätze im ersten Jahr sind ein Erfolg, gleichzeitig sind die „normalen“ Lehrlingszahlen im Tourismus stabil geblieben. Andere Bundesländer haben bereits Interesse an dieser Ausbildung signalisiert.

Die GASCHT könnte Vorbild für andere Branchen werden. Wenn man mutig genug ist und den bürokratischen Hürden Österreichs hartnäckig entgegentritt.

03.02.2018

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