Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Eine gar nicht so leichte Aufgabe

September 2019

Eine viel schwierigere Aufgabe hätte mir die Redaktion gar nicht stellen können: Ob ein Land als schön eingeschätzt wird, hängt doch von so vielen subjektiven Gesichtspunkten ab: von emotionaler Bindung, Jugend- und Lebenserfahrungen, Menschenkunde und sicher auch von eher objektiven Kriterien, die sich wirtschaftlich auswirken, etwa von der Attraktivität für den Tourismus. Ich möchte gleich vorausschicken, dass ich mich mit der geschätzten Leserin, mit dem aufmerksamen Leser einer Meinung weiß: Vorarlberg ist schön, ist sogar herausragend schön. (Einige Sonderlinge, die das bestreiten, sind nicht ernst zu nehmen).

Die zweitschwierigste Frage, die ich mir stelle, ist: Warum ist die Schönheit Vor­arlbergs anno domini 2019 überhaupt ein Thema? Ist sie vielleicht bedroht? Soll sie noch optimiert werden? Braucht Vorarlberg eine USP (unique selling proposition)? Einmal schlug ein schon zu lange in Kalifornien lebender Exil-Vorarlberger vor, man könnte ja alle kalkig-weißen Berge, die sich im Oberland zeigen, vom Freschen weg bis zur Kette des Rätikons rosa anmalen, das wäre einmalig auf der Welt, eine Sensation. Kaum vorzustellen, wie viele Amerikaner und Chinesen dann herkämen, um ein Selfie auf Instagram hochladen zu können, um zu Hause sagen zu können: „Ich war wirklich dort. Die schönsten Plätze für das Instagram-Foto wären dann eingezäunt und gegen Eintritt zum Fotografieren zu betreten. Warteschlangen! Viel mehr brauchen sie von Vorarl­berg nicht.“
Natürlich ändern sich auch schöne Länder durch Wirtschaft, Verkehrswege, Bauten, Vegetation und – leider – Klima: Siehe Brandner Ferner und die Silvretta-Gletscher! Anfang der achtziger Jahre wurde noch ernsthaft diskutiert, dort ein Sommerschigebiet zu errichten.

Einer der zauberhaftesten Plätze in Vorarlberg wurde auf diese Weise zerstört: der Blick vom Körberkreuz über den Kalbelesee und die sumpfige Ebene Richtung Gasthof Adler in Hochkrumbach und dahinter der Biberkopf. Wirtschaftlich genutzt damals als Stierweide, einige Wanderer, und gegen Abend nur mehr wenig Lärm von der Hochtannbergstraße, und der Widderstein blickt herab. Bezaubernd im Licht der sinkenden Sonne im Rücken. Das war einmal. Jetzt wird das Bild von einem riesigen geschotterten Parkplatz mittendrin und von anschließend „grottenschiachen“ Talstation-Bauten des Schilifts auch im Sommer verhunzt. Unwiederbringlich.

Manche Länder können sich über sensationelle Naturschönheiten identifizieren... und vermarkten: die Schweiz durch das Matterhorn, Südtirol durch die Drei Zinnen. Aber die Zimba ist nicht ganz das Matterhorn und die Drei Türme im Hintergrund des Gauertals nicht ganz, wenngleich wunderschön, die Drei Zinnen. Als Bregenzer halte ich den Blick auf den riesigen See zu Füßen des Pfänders für eine Sensation und daher kommen auch genug Besucher, das zu sehen.
Aber es stellt sich die Frage, ob mit Schönheit nur das Thema „schöne Landschaft“ erfasst wird oder doch etwas mehr: Eigenheiten, die sich nicht leicht abbilden lassen und noch weniger quantifizieren: die Atmosphäre, die einen umfängt, die Sorgfalt im Umgang mit der räumlichen Umgebung, aber auch mit anderen Menschen, Hilfsbereitschaft, aber auch den Impuls, selbst Verantwortung zu übernehmen, für die Mitmenschen und für die Kinder. Das ist in Vorarlberg ausgeprägt und unglaublich wohltuend. Geschäftstüchtig sehr wohl, aber mit Qualität. Daraus entsteht das „Sich-wohlfühlen“.

Keinen geringen Beitrag dazu leisten die Vorarlberger Architekten. Leider erreicht die Verbauung mit Siedlungshäusern für die wachsende Bevölkerung kaum je die Qualität von Werken der Baukunst. Ich tue mir schwer, einige hervorzuheben: die Schanerlochbrücke von Marte-Marte an der Straße nach Ebnit, das Vorarlberg-Museum, besonders dessen Foyer, von Cukrowicz-Nachbaur, natürlich Peter Zumthors Kunsthaus. Ich schneide hier ab, um nicht allzu viele wirkliche Meister der Schönheit unabsichtlich hinten anzureihen.

Die Bitte, ein Lieblingsfoto einzubringen, brachte mich in Verlegenheit: Es gäbe so viele. Ich entschied mich für den Blick über den Körbersee zum Widderstein (Bitte, bitte: Dorthin nie einen Parkplatz!). Dieser Blick wurde sogar schon in einem Wettbewerb aller neun Bundesländer als schönster in Österreich ausgezeichnet. Aber es fiel mir schwer, Konkurrenz auf die Plätze zu verweisen: den Blick von oberhalb der Kirche in Innerberg zum Rätikon (umwerfend!). Oder das Ensemble des Dorfplatzes in Schwarzenberg oder Stimmungen, die man im Lauteracher Ried, möglichst abseits der Senderstraße, noch einfangen kann, mit Blick auf die Schweizer Berge.
Vielleicht ist das Besondere an Vorarl­bergs Schönheit, dass sie nirgends herausgeputzt, sondern unaufgeregt selbstverständlich wirkt.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.

mehr von Helmut Kramer