Wilfried Hopfner

Präsident der Wirtschaftskammer Vorarlberg, Herausgeber Thema Vorarlberg

Europas (fehlende) Positionierung – Brief des Herausgebers

November 2022

Das Friedensprinzip Europa steht wohl vor seiner größten Herausforderung. Putins Friedensbruch fordert die europäische Politik in höchstem Maße. Durchaus schmerzhaft müssen wir erkennen, dass wir – um ein Bild zu verwenden – in dem großen weltwirtschaftlichen Konzert sozusagen mit den wenigsten Musikern spielen. Denn Europa, reich an Geschichte und an Kultur, reich an erfolgreichen Unternehmungen und erfolgreichen Menschen, die dem Kontinent einen beispiellosen Wohlstand gebracht haben, hat praktisch keine Rohstoffe, vor allem aber viel zu wenig direkte Energiezugänge. Und doch haben wir auf Putins Aggression mit Wirtschaftssanktionen zu antworten, wissend, dass die Rückschlags-Potenziale dieser Sanktionen ein beträchtliches Ausmaß einnehmen werden. 
Die kriegerischen Auseinandersetzungen, die gegenwärtigen weltwirtschaftlichen Veränderungen, sie führen zu einer Inflation, wie wir sie seit Jahrzehnten in Europa nicht mehr gekannt haben. Zu lange hat die Europäische Zentralbank (EZB) dieses Thema ignoriert, gar verleugnet; die inflationsdämpfenden Zinsschritte sind viel zu spät gesetzt worden, und nun in einem Ausmaß erforderlich, welches negative Auswirkungen auf das Wachstum haben wird. Zudem hat die EZB im Gegensatz zur US-amerikanischen Notenbank (Fed) in Sachen Inflationsbekämpfung die deutlich schlechteren Karten. Denn in Europa resultiert die Inflation nicht nur aus der Entwicklung der Verbraucherpreise, sie wird durch die fehlenden Energiezugänge unseres Kontinents sozusagen importiert. Und noch einen Nachteil hat das zögerliche Handeln der EZB: Die Dollar-Euro-Relation hat sich zulasten des Euros entwickelt, auch das wirkt sich negativ auf die Energiekosten aus; positiv ist allenfalls, dass dadurch die Exporte zumindest etwas unterstützt werden. 
Es braucht den Schulterschluss der europäischen Staaten. Wir werden diese Herausforderungen nur gemeinsam bewältigen können. Doch sind nicht nur die wirtschaftlichen Herausforderungen enorm, es sind auch die sozial- und gesellschaftspolitischen Veränderungen eine Aufgabe, die uns alle fordert; aber insbesondere auch die Politik. Sie hat in ihrer Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, entsprechende Antworten zu finden und zu geben. 
Soziologe Stephan Lessenich spricht in dieser Ausgabe vom „Bruch der Normalität“, der höchst interessante Ansatz zeigt, dass wir umzudenken und vieles neu zu gestalten haben. Es ist unabdingbar geworden, sich mit den neuen Rahmenbedingungen zu beschäftigen und sie so zu gestalten, dass sie dem gerecht werden, was Philosophin Ariadne von Schirach in dieser Ausgabe sagt: Dass sie es mit der Hoffnung hält und an den Menschen glaubt.Es gibt viel zu tun, setzen wir gemeinsam, konstruktiv, gegenseitig wertschätzend die Schritte in die richtige Richtung, getragen vom Bemühen, die Erfolgsgeschichte Europas über die krisenhafte Gegenwart hinaus in eine hoffentlich wieder bessere Zukunft fortzuschreiben.

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