Wilfried Hopfner

Präsident der Wirtschaftskammer Vorarlberg, Herausgeber Thema Vorarlberg

Europa sind wir alle

Mai 2024

„Wir werden die Herausforderungen am Arbeitsmarkt nicht meistern können, wenn immer mehr Menschen weniger arbeiten wollen.“

Ich durfte kürzlich mit mehr als 100 Schülerinnen der HLW Marienberg bei einem Bürgerdialog dabei sein. Nach Kurzstatements hochkarätiger Podiumsmitglieder hatten die Schülerinnen die Möglichkeit, im Plenum und auch in der gewohnten Klassengemeinschaft ihre Fragen zu stellen.
Dabei zeigte sich zum einen das große Interesse an Europa, zum anderen aber auch die persönliche Betroffenheit. Exemplarisch seien ein paar der Fragen erwähnt, welche den Wirtschaftsstandort betreffen: Was macht die EU, damit die Industriezweige, welche nach Asien abgewandert sind, wieder zurückgeholt werden können? Das betrifft etwa Medikamentenengpässe. Dabei ging es aber auch um die generelle Frage, wie attraktiv Europa als Wirtschaftsstandort ist, und wie die bedeutende Rolle weiterhin wahrgenommen werden kann beziehungsweise soll. Die Frage der Sinnhaftigkeit von – beispielsweise – Fleischimporten aus Argentinien wurde genauso beleuchtet, wie die Notwendigkeit der absehbaren EU-Erweiterung.
Ich durfte mich dabei auch mit den Schülerinnen der 4. Hb-Klasse austauschen. Wir haben unter anderem folgende Themen beleuchtet:
›› Ökologie versus Ökonomie – wie soll, wie kann das zusammengehen?
›› Bedeutung der Wirtschaft für unseren Lebensraum
›› Generelle Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance
›› Bedeutung des Steueraufkommens für die Sicherung des Sozialstaates
›› Auswirkungen der KI auf die Arbeitswelt
Ökonomie und Ökologie sind Zwillinge oder vielmehr müssen sie das noch mehr werden. Wir müssen mit unserem Tun und Handeln sicherstellen, dass sich unser Wirtschaftsstandort und gleichzeitig unser Lebensraum positiv und nachhaltig weiterentwickeln kann. Beide bedingen sich auch deshalb, weil nur ein intakter Lebensraum gesundes Leben sicherstellt und umgekehrt die Unternehmen über die Arbeitsplätze es ermöglichen, dass wir auch gut leben können. 
Wenn man so will, dann bedingen sich Menschen und Unternehmen – eines ohne das andere kann nicht funktionieren. Jedenfalls nicht als „Wohlstandsgesellschaft“. Daher bin ich auch überzeugt, dass wir künftig, wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, mehr und nicht weniger arbeiten müssen! Und übrigens: Wie ökologisch unsere Wirtschaft wird, das hängt unter anderem auch vom Konsumverhalten von uns allen ab!
Bei allem Verständnis für eine bestmöglich ausgewogene Work-Life-Balance: Wir werden die Herausforderungen am Arbeitsmarkt nicht meistern können, wenn immer mehr Menschen weniger arbeiten wollen. Wer soll die für die Wertschöpfung erforderliche Leistung erbringen, wer soll uns künftig ausbilden, pflegen und schützen, wenn neben anderen Herausforderungen die demografische Entwicklung zu wenige Menschen für den Arbeitsprozess bereitstellt? Wenn wir jung sind und lernen dürfen und gleichzeitig immer älter werden – dann braucht es „dazwischen“ eben ausreichend arbeitende Menschen. 
Diese werden im übrigen auch benötigt, damit deren und jene von den Unternehmen aufgebrachte Steuerleistung die unzähligen Leistungen des Sozialstaates bis hin zur staatlichen Pension weiterhin sicherstellen. Denn gerade auch diese Ausgewogenheit macht unseren Lebensraum so attraktiv und lebenswert. Es ist angenehm, in unserem erarbeiteten Wohlstand leben zu dürfen. Dieser wird sich aber sicher nicht von alleine vermehren, sondern wir müssen weiterhin konsequent durch Leistung daran arbeiten.
Deshalb bin ich auch überzeugt, dass die positiven Möglichkeiten der KI vermehrt genutzt werden müssen. Die exportorientierten Unternehmen haben ihre Weltmarktposition unter anderem auch deshalb so aufbauen können, weil neben den innovativen Mitarbeitenden die Digitalisierung dies proaktiv unterstützt hat. KI sehe ich daher – und nicht nur in der Industrie, sondern in allen Branchen – als nächsten notwendigen Schritt, um unter anderem standardisierte Prozesse zu automatisieren. 
Damit ist die weitere Nutzung der digitalen Möglichkeiten auch eine Antwort darauf, wie wir unsere Wertschöpfung aufrechterhalten können. Und kann uns auch dabei helfen, dass die sich aus der Demografie ergebende absehbare weitere Verknappung der Arbeitskräfte etwas kompensiert wird.
Daraus resultiert auch meine Ermunterung an die jungen Schülerinnen, dass sie sich um ihre Zukunft keine Sorgen zu machen brauchen – eine gute Ausbildung, großes persönliches Engagement, Zuversicht und Vertrauen, aber auch ausreichend Zeit für sich – sind aus meiner Sicht – Bausteine und „Garantie“ für ein gutes Leben.
Ich erinnere mich gerne an diesen Schulbesuch und bedanke mich bei den Verantwortlichen für diesen interessanten Vormittag.

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