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Homo analogus

Warum wir unsere Menschlichkeit einbüßen, wenn wir uns nach Maßgabe unserer Maschinen deuten.

Die Verheißungen aus dem Silicon Valley sind verführerisch und reizvoll. Bald schon, so stellt man uns in Aussicht, werden intelligente Maschinen unseren Planeten bevölkern, die in Intelligenz und Leistungskraft uns Menschen himmelweit überlegen sein werden. Uns selbst verspricht man im Gegenzug Unsterblichkeit, ewige Jugend oder wenigstens doch eine mithilfe neuer Technologien ins Unabsehbare hinaus verlängerte Lebenszeit. Es scheint, dass die Erfüllung des alten Menschheitstraums, Gott gleich zu sein oder zum Homo Deus zu werden, zum Greifen nahe ist. Doch was bedeutet diese Aussicht für uns Menschen wirklich? Welchen Einfluss wird sie auf uns nehmen – selbst dann, wenn die Verheißungen der IT-Ideologen nicht in Erfüllung gehen sollen?

Im Jahre 1748 veröffentlichte der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie ein Buch, das Epoche machen sollte. Es trug den Titel „L’Homme machine“ – in deutscher Übersetzung „Der Mensch als Maschine“. In diesem Buch deutete La Mettrie den Menschen als einen mechanischen Apparat, der von einer Pumpe (= Herz) bewegt wird und dessen Muskeln, Sehnen, Knochen und Nerven wie ein klug gebautes Uhrwerk ineinandergreifen. Das war nicht wirklich neu, denn fasziniert von den Errungenschaften der Mechanik und der Wissenschaft, hatten im 18. Jahrhundert schon andere kühne Geister den menschlichen Leib nach Maßgabe von Maschinen zu deuten versucht. Und findige Tüftler und Uhrmacher wie Jacques Vaucanson hatten schon zehn Jahre vor dem Erscheinen von La Mettries Buch großes Aufsehen mit Automaten erregt, die aussahen wie Menschen, und Schach oder gar Flöte spielen konnten.

Doch nicht nur das: Die Mächtigen des 18. Jahrhunderts fanden nicht nur Gefallen an den „Androiden“, wie man diese durchaus verspielten Vorläufer des Roboters nannte, sondern sie begannen auch damit, die Welt nach Maßgabe der Weltsicht umzubauen, die in den Automatenmenschen ihren sinnenfälligsten Ausdruck gefunden hatte: das mechanische Denken. Bürokratien, Armeen und Fabriken wurden wie Maschinen eingerichtet und dahingehend optimiert, dass sie mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks diejenigen Funktionen verrichteten, die man sich von ihnen wünschte. Und ebenso begann man den einzelnen Menschen durch Bildung und Erziehung dahingehend zu optimieren, dass er sich als voll funktionsfähiges Zahnrad in die große Maschine des Staates einfügte. Und so entstand eine neue Welt: die Welt des Industriezeitalters – jener Epoche, die nunmehr durch das Informationszeitalter abgelöst werden soll.
Doch eines hält sich nach wie vor: Nicht anders als im 18. Jahrhunderts folgen wir beim Design jener neuen Weltzeit der eigentümlichen Dramaturgie, dass wir uns selbst im Spiegel der von uns erdachten und gebauten Maschinen deuten, dementsprechend unsere Welt einrichten, um zuletzt unter deren Einfluss tatsächlich ein maschinenhaftes Leben zu führen. Der einzige Unterschied zwischen dem frühen 21. Jahrhundert und dem vorindustriellen Zeitalter des Barock liegt darin, dass sich die Maschinen gewandelt haben, nach deren Maßgabe wir uns selbst entwerfen: Es sind nicht mehr mechanische Uhrwerke, sondern digitale Rechenmaschinen – Computer; mehr noch: es sind digital-mechanische Mischwesen, Roboter, digitale Androiden, mit mechanischen Apparaturen ausgestattete Künstliche Intelligenz (KI).

Diese Maschinen haben mit den Androiden des Barock eines gemein: Sie folgen Algorithmen. Ein Algorithmus ist nichts anderes als ein formalisierter Prozess, der sowohl über Räderwerke als auch binäre Codes abgewickelt werden kann. Nur dass die Algorithmen der heutigen KI-Maschinen unverhältnismäßig komplexer und leistungsfähiger sind als die ihrer archaischen Vorläufer. Doch in der Sache ist derselbe Geist am Werke: ein Geist, der sich gebannt von den Maschinen, die er schuf, nach deren Maßgabe selbst deutet. „Der Mensch ist ein Algorithmus“ behauptet heute vollmundig Yuval Noah Harari, der Autor des Bestsellers „Homo Deus“ und erweist sich darin als geistiger Bruder von La Mettrie.
Und hier wird die Sache interessant. Denn die große Frage, vor der die Menschheit heute steht, wird nicht sein, ob die Verheißungen des Silicon Valley in Erfüllung gehen – ob wir wirklich zu unsterblichen Cyborgs werden oder uns mit Maschinen der künstlichen Intelligenz umgeben, die uns von allen unliebsamen Arbeiten befreien. Die entscheidende Frage wird sein: Was wird aus uns, wenn wir uns selbst – genau wie im 18. Jahrhundert – nach Maßgabe unserer Maschinen deuten und dementsprechend unsere Welt einrichten? Was wird aus uns, wenn wir – geprägt von einer Welt, die von künstlicher Intelligenz dominiert ist – tatsächlich digitale Algorithmen werden, die jedoch ob der Fehleranfälligkeit ihrer organischen Speichermedien an Leistungskraft und Komplexität denen ihrer anorganischen Verwandten himmelschreiend unterlegen sind? Wird die Zeit der großen Freiheit beginnen – oder die Zeit der totalen Depression?
Es steht zu erwarten, dass es für den Menschen, wie wir ihn kannten, keine gute Zeit sein wird. Und das liegt nicht in erster Linie daran, dass wir – wenn wir uns denn schon auf diese fragwürdige, weil höchst zeitbedingte Sicht der Dinge einlassen wollen – beschränkt komplexe Algorithmen wären, sondern es liegt an der besonderen Art und dem Zuschnitt der Algorithmen, die den Maschinen der künstlichen Intelligenz innewohnen. So war es schon zur Zeit der ersten Androiden nicht unerheblich, ob deren mechanischer Algorithmus sie dazu brachte, Flöte zu spielen oder auf dem Schlachtfeld des Schachspiels zu obsiegen. Und ebenso ist nicht unerheblich, welchen Programmen die Roboter und Maschinen der KI folgen.

An diesem Punkt braucht man sich, wie Frank Schirrmacher in seinem grandiosen Werk „Ego. Das Spiel des Lebens“ nachgewiesen hat, keinen Illusionen anheimzugeben. Die Logik, die den Algorithmen der heute avanciertesten Maschinen eingezeichnet ist, ist die Logik des Eigennutzes. So ist es bei den Computern, die heute in den Finanzschauplätzen der Welt die Börsengeschäfte ausführen, so ist es in den Computern der Militärs und so ist es in den Mega-Algorithmen, mit deren Hilfe Google und andere IT-Konzerne Anzeigenplätze verkaufen. Immer geht es darum, dass die künstliche Intelligenz eine egoistische Intelligenz ist, deren Erfolgsparameter heißen: Profit, Optimierung, Effizienz, Produktivität, Nutzen.
„Der Computer simuliert den Gedanken, wenn der Gedanke computergerecht definiert wurde“, bemerkt Schirrmacher und weist darauf hin, dass zunächst der Mensch meinte, Intelligenz zeige sich darin, für sich das Beste herauszuholen – und nachdem dieser Glaube in einer von Egoismus und Ökonomismus überwucherten Welt triumphiert hat, war es ein leichtes, Algorithmen zu schreiben, die Maschinen dahingehend programmieren, bei allen Operationen jeweils die errechneten Wahrscheinlichkeiten für den maximalen Ertrag zugrunde zu legen. Das heißt: Nicht nur, dass wir anfangen, uns selbst als Algorithmen zu deuten und dann entsprechend zu verhalten, sondern vor allem, dass die dabei maßgeblichen Algorithmen egoistische Gewinnmaximierungs-Programme sind, lässt die gegenwärtig KI-Euphorie problematisch erscheinen.

Das Problem ist also ein doppeltes: Wir deuten uns nach Maßgabe von Maschinen, die wir nach Maßgabe einer problematischen Deutung des Menschseins – nämlich des Menschen als rationalen Egoisten – entwickelt haben. Je mehr wir diesen Maschinen huldigen, desto mehr werden wir glauben, minderwertige rationale Egoisten zu sein, die den Job der Gewinnmaximierung besser gleich ihren Maschinen überlassen. Will sagen: Wir werden einsehen müssen, dass wir vollständig überflüssig sind. Große Depression: Die Marktwirtschaft wird mithilfe von KI-Robotern viel effizienter und gewinnbringender wachsen als dann, wenn sich fehlerbelastete „menschliche Algorithmen“ einmischen.

Aber sind Computer wirklich bessere Menschen? Sind Menschen wirklich minderwertige Gewinnmaximierungs-Algorithmen? Oder sind das nicht alles historisch bedingte Deutungen unserer selbst, die überaus fragwürdig werden, sobald man sich klarmacht, dass es immer Epochen und Kulturen gab, in denen Menschen sich anders deuteten, andere Welten errichteten und sie nach Maßgabe anderer Ideale „programmierten“? Ein bisschen historische Bildung reicht aus, um den Schwindel zu durchschauen und zu begreifen, dass es an der Schwelle zum KI-Zeitalter nur eine Aufgabe gibt: uns dessen zu besinnen, was Menschsein wirklich ist – in seinen Tiefenstrukturen unterhalb aller rechnenden, optimierenden, profitmaximierenden Programme, Strategien und Kalküle, die wir heute den Computern übertragen.

Es gilt, uns dessen zu besinnen, dass wir Wesen sind, die lieben können, die sich von Schönheit ergreifen lassen, die nach Sinn hungern und deren gebrechlicher Leib ihrem Leben Glanz und Größe verleiht. Es gilt uns dessen zu besinnen, dass wir schöpferische Wesen sind, die nicht im Gegeneinander, sondern im Miteinander zur Blüte reifen. Es gilt, nicht an immer klügeren Optimierungsmaschinen und immer komplexeren Algorithmen zu feilen, sondern die Schönheit des Lebens in all seiner Tragik und Endlichkeit zu feiern. Es gilt, eine neue Sprache und einen neuen Mythos zu finden, der uns zu verstehen gibt, dass erfülltes Menschsein gänzlich anderes benötigt als Roboter und Künstliche Intelligenz. Mit einem Wort: Es gilt, für die Reife der menschlichen Seele zu sorgen und nicht für die technische Aufrüstung seines Egos. Es gibt – weiß Gott – viel zu tun.

02.06.2018

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Christoph Quarch

Dr. phil., 1964 in Düsseldorf geboren, Philosoph, Theologe und Religionswissenschaftler, arbeitet freiberuflich als Autor, Publizist, Seminar­leiter, Redner und Berater. Er ist Gründer und Herausgeber der Zeitschrift „Wir – Menschen im Wandel“ und Lehrbeauftragter für Ethik an der FH Fulda. Quarch ist Autor und Herausgeber von über 30 Büchern. Zuletzt erschien im Goldmann-Verlag: „Das große Ja.“ www.christophquarch.de

(Foto: © Nomi Baumgartl)

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