Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Klimapolitik: psychologische Hürden

Februar 2019

Nahezu am gleichen Tag, an dem die amerikanische Weltraumagentur NASA Ende November 2018 die Marssonde Insight auf dem Mars landen konnte, reisten Klimaforscher und Politiker aus 195 Nationen nach Kattowitz, um den jüngsten Bericht des IPCC (Internationales Panel über Klimawandel) zu erörtern. Zur gleichen Zeit, an dem die Weltraumforschung die Grenzen unseres Heimatplaneten weit hinter sich lässt, ringen Wissenschaft und Politik in der polnischen Kohlenstadt um die Klimapolitik: Sind die Veränderungen des Weltklimas tatsächlich eine „Überlebensfrage der Menschheit“ oder bedeutet Klimapolitik eher eine Bedrohung des Fortschritts?
Schäden an der natürlichen Umwelt sind unübersehbar geworden. Seit einem halben Jahrhundert steigen die Temperaturen auf der Erde ungewöhnlich rasch. Auch Skeptiker müssen zur Kenntnis nehmen: Die Veränderungen des Klimas sind „menschengemacht“. Eine geradlinige Fortsetzung der Wirtschaftsentwicklung könnte verheerende Konsequenzen für die Lebensbedingungen auf der Erde haben, schon in wenigen Jahrzehnten. 

Die Menschheit muss Verantwortung dafür übernehmen, drohende, möglicherweise verheerende Katastrophen zu verhindern. Jetzt schon sind irreparable Schäden an der Umwelt die Folge: Polareis und Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, die Hitzebelastung nimmt zu, katastrophale Wettereignisse häufen sich, fruchtbare Flächen werden zu Wüsten, die Vielfalt der Tiere und Pflanzen nimmt ab, noch schlimmer: Wer kann, setzt sein Leben aufs Spiel, um auszuwandern. 

Die Klimaentwicklung wird überwiegend vom „Treibhaus­effekt“ bestimmt. Die Nutzung von fossilen Brennstoffen – Erdöl, Erdgas, Kohle, Holz – setzt klimaschädliche Gase frei, vor allem CO2. Das wird in der Atmosphäre angereichert und hindert das Abstrahlen der täglich zugeführten Sonnenenergie. Die Temperaturen auf der Erdoberfläche steigen. Auf fossiler Energie beruhen zentrale Technologien der modernen Welt: die Umwandlung von Rohenergie in elektrischen Strom, industrielle Verarbeitung, Verkehr und Transport, Bauten und Klimatisierung, Ernährungsgewohnheiten. 

Um den Treibhauseffekt zu verringern, müssen alternative Energien an die Stelle der fossilen treten, so rasch wie möglich. Die Alternativen beruhen zum Großteil direkt oder indirekt auf der Nutzung der unerschöpflichen Sonnenenergie. Das bedeutet nicht nur den Umbau des Energiesystems. Tiefgreifende Änderungen der Wirtschaftsstruktur, der gesellschaftlichen Verhältnisse, der politischen Prioritäten und des Verbraucherverhaltens sind damit unvermeidlich verbunden: eine Zeitenwende. Das ist nicht ohne wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Erschütterungen und ohne internationale Koordinierung denkbar. 
Große Teile der Bevölkerung fühlen sich bei dieser Perspektive nicht wohl. Sie wollen an den gewohnten Verhältnissen festhalten; wenn schon nicht aus Überzeugung, dann aus Bequemlichkeit oder Unsicherheit. Der Umbau kennt regelmäßig mehr Verlierer, die sich wehren, als Begünstigte. 

Mächtige Lobbys formieren sich, um eine aktive Klimapolitik zu verhindern. Dabei wird nicht nur mit Risiken für Wirtschaft und Gesellschaft argumentiert, sondern – viel wirkungsvoller –, indem Zweifel an den Aussagen der Klimawissenschaft gesät werden: Vielleicht irrt die Klimaforschung abermals – wie schon öfter? Übertreiben die Wissenschaftler vielleicht die Folgen, um sich wichtig zu machen? Vertreten sie vielleicht ein etwas schrulliges Weltbild vom Vorrang der Natur? Vielleicht sollte man warten, bis neue Technologien und Künstliche Intelligenz beim Umbau helfen. 

Ist vielleicht Abwarten gar nicht so unvernünftig? Unsicherheit über die Zukunft ist nie ganz auszuschließen. Die Klimaforschung hat physikalische Zusammenhänge analysiert. Was ist aber mit politischen Turbulenzen? Schätzungen der Schäden, die vom weiteren Temperaturanstieg zu erwarten wären, sind tatsächlich einer der Schwachpunkte der Klimaanalysen. Könnte der Aufwand für den Umbau des Energiesystems mehr kosten als der Wert des vermiedenen Schadens? Sind auf lange Sicht in der Zukunft die vermuteten Vorteile des Umstiegs auf nachhaltige Energien eigentlich den Aufwand wert, den die jetzige Generation aufbringen müsste? 
Die Erde nachhaltig zu nutzen, ist nicht nur eine Frage von Kosten und Nutzen. Das ist auch ein ethisches Gebot: Die Bewohner dürfen das Naturkapital der Erde zwar für ihre Bedürfnisse nutzen, aber sie dürfen das gleiche Recht nachfolgender Generationen nicht schmälern. 

Welche Einschränkungen und Veränderungen die Klimapolitik wirklich vertreten kann, vermag weniger die Ökonomie als die Psychologie anzugeben. Hart an der Grenze der vertretbaren Ethik ist mit zwei Versuchungen zu rechnen: Die Bereitschaft einzelner oder kleiner Gemeinschaften und Länder, der Pflicht zum Schutz der Natur nachzukommen, reicht auf keinen Fall, das Klima auf der Erde signifikant zu beeinflussen. Solange sich große Länder davor drücken, bringen klimapolitische Anstrengungen nichts, außer vielleicht die seelische Genugtuung, ein Beispiel zu geben. Es würde sich lohnen, nicht aktiv zu werden, bis andere, Größere ihre Leistungen erbringen. Und dann ist da noch die Verleitung zum Trittbrettfahren: Man beteiligt sich an den Kosten der Klimapolitik nicht, wenn ohnehin andere dafür aufkommen und nimmt trotzdem die Vorteile in Anspruch, weil der Zugang zu ihnen kaum verwehrt werden kann. 

Die Ausgangssituation ist schwierig: Die Klimaforscher drängen auf rasche Maßnahmen, bevor es zu spät wäre. Das bringt jedoch der heutigen Generation nicht unmittelbar Früchte, erst künftigen auf lange Sicht. Einen so langen Zeithorizont sind weder Politik noch Bevölkerung gewohnt, auch nicht die üblichen Finanzinstrumente. Das Dilemma ist noch schwieriger: Kostspielige, unbequeme und riskante Klimapolitik kommt wahrscheinlich nicht in erster Linie „unseren“ Nachkommen zugute. Realistisch ist: Die reichen Länder müssen überwiegend den Aufwand für Umweltpolitik bezahlen, den Nutzen hätten hauptsächlich arme Entwicklungsländer, weil die stärker bedroht sind. Das „Wir-und-Die“-Gefühlsschema aus der Geschichte der Menschheit ist noch längst nicht überwunden. 
Die Wissenschaft nimmt der Politik die Entscheidungen nicht ab. Die Politik trägt die Verantwortung. Sie darf und kann sich nicht davor drücken. Sie ist zur Vorsorge vor drohenden Gefahren nicht nur berechtigt, sondern im Sinn des Gemeinwohls verpflichtet. Sie darf sich nicht zu Populismus und nicht zur Begünstigung von Lobbys hinreißen lassen. 
In der Demokratie führt kein bequemer und kein sicherer Weg daran vorbei, die Ansichten zu dieser extremen Herausforderung sachlich zu erläutern und die Zustimmung der Bevölkerung zu gewinnen.

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