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Modellregion Vorarlberg

Vor Kurzem wurde ich eingeladen, zur Entwicklung einer Dachmarke für Vorarlberg Überlegungen beizutragen. Im ersten Moment fühlte ich mich überfordert, aus mehreren Gründen. Vor allem: Ich verbrachte den Großteil meines Lebens nicht im Ländle. Nur einen wichtigen und prägenden Teil, meine Kindheit und Jugend, lebte ich dort, seither bin ich mit meiner Heimat durch lebenslanges Heimweh („O wär i wieder dett!“), häufige Ferienaufenthalte und zahlreiche Freundschaften verbunden. Mir schien auf den ersten Blick, dass die Entwicklung einer Dachmarke für Vorarlberg sehr schwierig sein wird: Die Vielfalt der Qualitäten, die hervorzuheben wären, unter einen Hut zu bringen, ihre Wirksamkeit auf Märkten könnte ich nicht abschätzen, zumal ich nicht nur wirtschaftliche Gesichtspunkte hervorheben würde. Im Gegenteil: Vorarlberg ist für mich nicht in erster Linie ein Wirtschaftsstandort, sondern ein Lebensraum.

Auch Österreich ist nicht nur ein Wirtschaftsstandort. Ich halte es für sehr fragwürdig, in ein österreichisches Verfassungsgesetz nun auch „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Wirtschaftswachstum“ aufzunehmen. Sollen darüber jetzt nicht Politiker und Fachleute, sondern Richter des Verwaltungsgerichthofs entscheiden? Und wie konnte das bisher geltende Bundesverfassungsgesetz (i.d.F. von 2013) als Zielvorstellung der Republik Paragraf 2 „Tierschutz“ und als Paragraf 6 „Grundlagenforschung und angewandte Forschung“ reihen und dazwischen allerhand unklares Gefasel? Eine Schmach für Verfassungsjuristen. „Ach, nimm’s nicht so ernst“ antwortete mir ein an dem Gesetzesbeschluss beteiligter Politiker. Aha, Verfassungsgesetze sollen in dieser Republik nicht ernst genommen werden.

Das sollte Vorarlberg erspart bleiben, obwohl es eine lange Liste von Zielvorstellungen gäbe. In den bisherigen Planungen sollen in der Dachmarke prägende Wertvorstellungen und Wesenseigenschaften, der Wert der Natur und der Landschaft sowie natürlich wirtschaftlich bedeutende Kompetenzen anklingen. Viel mehr ist ja in wenigen Worten nicht möglich. Dabei hätten das Ländle und seine Bewohner so viele herausragende Stärken.

Das Ländle ist einmalig, sicher nicht nur für mich. Aber einige andere Länder, teilweise in der Nachbarschaft oder geografischer Umgebung, besitzen etliche dieser Eigenschaften auch: wunderschöne Berge, gut erhaltene Dörfer und alte Stadtkerne, Seen, auch wenn sie keinen „Bodesee“ (Schreibweise von Kaspar Hagen) aufweisen können, sondern etwa nur einen Kalterer See. Apropos Südtirol: Dieses Land hat seit einiger Zeit eine Dachmarke und angeblich gute Erfahrungen damit. Und was für Südtirol hervorgehoben wird, gilt ziemlich ähnlich auch für Vorarlberg: „Kultivierung der eigenen Lebensart“, „fortschrittliches Traditionsbewusstsein“, „Streben nach Wertigkeit“ (= Qualität?), „vielseitig spezialisierte Fertigkeiten“, „gepflegte Kulturlandschaft“. Nur bei „Symbiose aus alpin und mediterran“ muss Vorarlberg passen.

Um das Ländle ranken sich einige Klischees, speziell auch in Wien, wo ich lebe: unverständliche Mundart, fleißig und sparsam, ambitioniert und erfolgreich, selbstbewusst, nüchtern, Gsiberger biedern sich nicht an; dazu noch „‘s beschte Eck vom Käs“, Kässpätzle und in Kulturkreisen: die Bregenzer Festspiele und die Schubertiade. Nicht mehr hauptsächlich Textilland.

Weltgeltung haben die Forschungsarbeiten einer stattlichen Reihe von Wissenschaftlern, die aus Vorarlberg stammen und in aller Welt arbeiten, weltweit ist auch der Ruf der modernen Vor­arlberger Architektur. Aber Erstere sind für Laien nicht sichtbar, Letztere sind zwar anhand einiger Beispiele genial, aber halt doch kein Eiffelturm und kein Opernhaus in Sydney. Vorarlberg kommt auch ohne berühmte Universität aus. Zürich, St. Gallen, Konstanz, München, Innsbruck und sogar Vaduz sind ja in der Nähe. Vorarlberger lassen sich nicht von großen Visionen berauschen, sie kalkulieren nüchtern.

Vorarlberg verfügt auch nicht über ein auffälliges, im Idealfall weltbekanntes Wahrzeichen wie den Stephansdom in Wien, die Festung Salzburg, den Großglockner, allenfalls noch den Uhrturm in Graz. Der Martinsturm? Die Schattenburg? Der Piz Buin? Die Drei Türme können mit den Drei Zinnen in Südtirol nicht mithalten. Ein Unterschied zu Südtirol ist sicher die industrielle Stärke. Als Bregenzer muss ich betonen: Einmalig sind der Blick vom Pfänder auf den riesigen See, von Innerberg (hinter dem Kirchlein) auf den Rätikon und die Gasthäuser am Schwarzenberger Dorfplatz.

Wie lässt sich das zu einer „Dachmarke“ komponieren? Mir fällt die liebe Dominique Gauzin-Müller ein, eine französische Architektin, die vor Jahren Vorarlberg kennenlernte und fasziniert war. Und sie ging dem auf die Spur, was sie als einmalig empfand. Darüber schrieb sie ein Buch, zuerst in Paris auf Französisch, dann auch (2011) auf Deutsch: „Ökologische Architektur in Vorarlberg“. Da kannte sie das Land und seine Persönlichkeiten schon sehr gut. Sie beschränkte sich nicht auf zahlreiche Beispiele der Architektur. Sie ging der Frage nach, warum diese Häufung an hervorragender Baukunst möglich wurde. Wahrscheinlich angeboren, siehe Bregenzerwälder Barockbaumeister. Doch nicht in direkter Linie von denen abstammend, sondern heute, innovativ, durchdacht, modern, umweltbewusst. Und sie erklärte die Exzellenz, die sie in Vorarlberg vorfand, nicht nur mit Architektur, sondern mit „Sozial- und Humankapital“. Sie definiert: „Der Begriff ,Sozialkapital‘ verknüpft ganz selbstverständlich zwei Dinge, die manche Leute für unvereinbar halten: wirtschaftlicher Erfolg und wertvolle, vertrauensvolle menschliche Beziehungen.“ Die Begriffe Sozialkapital und Humankapital kommen aus der modernen französischen Philosophie und der amerikanischen Soziologie. „Sozial“ bedeutet nicht Sozialhilfe, sondern „gesellschaftlich“ und hohes Humankapital ist Voraussetzung für Exzellenz. „Bei den Pragmatikern Vorarlbergs hat die Verknüpfung dieser beiden Wörter nichts Widersinniges.“ Dies sei der tiefste Grund für die Erfolge.

Zurück zur Dachmarke – Dominiques Buchtitel lautet vollständig: „Vorarlberg. Ein soziales, ökonomisches und kulturelles Modell“. Das ist es, was Vorarlberg auszeichnet vor vielen anderen Regionen. Neue Herausforderungen sind seit einigen Jahren hinzugekommen: Integration der Immigranten – sie nicht primär als Kosten, sondern als entwicklungsfähiges Humankapital betrachten – oder die tiefgreifenden ökonomischen und gesellschaftlichen Wandlungen, die die Digitalisierung erzwingt und ermöglicht. Dies könnte die Modellregion erschüttern. Ich persönlich habe Vertrauen in die Fähigkeiten des „europäischen Modells Vorarlberg“.

05.05.2018

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Kommentare

Kramer ist nur zuzustimmen, wenn er sagt: Ich halte es für sehr fragwürdig, in ein österreichisches Verfassungsgesetz nun auch „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Wirtschaftswachstum“ aufzunehmen.

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Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

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