Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Andreas Marlin

Andreas Marlin * 1986 in Schruns, Studium der Geo- und Atmosphärenwissenschaften, arbeitet in der Abteilung Raumplanung und Baurecht beim Amt der Landesregierung

Schräges Vorarlberg

Mai 2019

Jedes Jahr werden Fotos von Siedlungen, Betriebsgebieten, Landschaften und anderen Örtlichkeiten in Vorarlberg von einem Hubschrauber aus aufgenommen. Der Auftraggeber dafür ist die Abteilung Raumplanung und Baurecht beim Amt der Vorarlberger Landesregierung, die die Aufnahmen als Grundlage ihrer Arbeit verwendet.

Seit einigen Jahren sind diese Fotos via Internet in der Bilddatenbank volare für jedermann zugänglich: www.vorarlberg.at/volare

Helmut Tiefenthaler, ein ehemaliger Mitarbeiter der Abteilung Raumplanung, schreibt in seiner Abhandlung „Luftbilder als Informationsquelle der Landschaftsgeschichte“ über die Bedeutung, eine breite Öffentlichkeit für die Instrumente und Maßnahmen der Raumplanung zu interessieren: „Im Wissen, dass Raumplanung nur so viel erreicht wie sie zu überzeugen vermag, musste vordringlich in der Öffentlichkeit ein Minimum an Problemverständnis geweckt werden. Dazu boten Luftbilder die beste Hilfe, um das bereits auffällig gewordene Schrumpfen der Freiflächen mit aller Deutlichkeit vor Augen zu führen.“ Mit Hilfe von Luftbildvergleichen kann in Publikationen aber auch auf kommunaler Ebene verständlich gemacht werden, weshalb ein sorgsamer Umgang mit Grund und Boden zu den Kernanliegen einer zukunftsorientierten Raumplanungs- und Umweltpolitik gehören muss. Das wichtigste Instrument zur Verbreitung von Luftbildfotografie ist VOGIS, das Vorarlberger Geografische Informationssystem, das seit einigen Jahren im Rahmen des digitalen Vorarlberg Atlas (www.vorarlberg.at/atlas) unter anderem Katasterpläne, topografische und thematische Karten wie auch Luftbilder aus einem Zeitraum von 80 Jahren via Internet zugänglich macht. Die Schrägluftbilder aus den jährlichen Befliegungen sind als Ergänzung dazu zu sehen. In Zusammenarbeit mit der Vorarlberger Landesbibliothek wurden bis heute 9602 Fotos aus den Jahren 2004 bis 2018 in volare öffentlich zugänglich gemacht. In der Suchleiste lässt sich über die Sammlung „Schrägluftbilder“ gezielt nach Bildern aus bestimmten Gemeinden, einzelnen Ortsteilen oder nach Themenfeldern suchen. 

Vom Land Vorarlberg werden zwei Arten von Luftbildern zur Verfügung gestellt. Meist werden Luftbilder als senkrecht aufgenommene und georeferenzierte beziehungsweise orthorektifizierte, also verräumlichte und entzerrte Bilder verstanden, wie sie im Vorarlberg Atlas verfügbar sind. Schrägluftbilder sind im Gegensatz zu Senkrechtbildern weder maßstabsgetreu noch verzerrungsfrei. Aufgrund ihrer dreidimensionalen Wirkung eignen sie sich besonders gut zur fotografischen Dokumentation von Siedlungs- und Landschaftsaufnahmen. Gebäudehöhen und das Geländerelief werden sichtbar. Aufgrund der Verzerrung können aus den zur Verfügung gestellten Schrägluftbildern keine Längen oder Flächen abgeleitet werden. 

Jährlich wird eine bestimmte Region Vorarlbergs überflogen. Im Fokus liegen vor allem jene Gebiete, in denen die Jahre zuvor keine Schrägluftbilder aufgenommen wurden. So sollen langfristig in allen Gemeinden des Landes Veränderungen der räumlichen Strukturen festgehalten werden. Schwerpunkt der Befliegungen sind die Siedlungsgebiete: Stadt- und Ortsteile, Wohnquartiere, Industrie- und Gewerbeflächen sowie Einkaufszentren. Aber auch größere Infrastrukturanlagen, landwirtschaftliche Betriebe und Flächen, besondere Bauensembles und Landschaftsbilder, Skigebiete, geologische Massenbewegungen und viele andere raumrelevante Objekte, Flächen und Strukturen sind Bestandteil der Dokumentation. Bei der Planung der jährlichen Flugroute werden nach Möglichkeit auch kürzlich abgeschlossene Großprojekte berücksichtigt, wie beispielsweise der Güterterminal Wolfurt bei der Befliegung im Jahr 2018. Licht- und Schattenverhältnisse spielen für die Qualität der Fotos eine wichtige Rolle und müssen bei der Wahl der Flugroute berücksichtigt werden.

Anwendungsbereiche in der Raumplanung

Der Einsatz von Schrägluftbildern gewinnt sowohl bei öffentlichen Einrichtungen als auch bei Versorgungsunternehmen, Verkehrsbetreibern, Projektentwicklern und Planern aber auch bei Laien an Bedeutung. Durch die dreidimensionale Wirkung von Schrägluftbildern können Themen der Raumplanung beziehungsweise der Siedlungs- und Landschaftsentwicklung anschaulich vermittelt werden. Beispielsweise können Schrägluftbilder ein geeignetes Instrument zur ersten Annäherung an eine Quartiersbetrachtung sein. Der Blick aus der Vogelperspektive ermöglicht eine Gesamtschau auf einen Stadt- oder Ortsteil. Baudichten, Höhen, Volumina, Frei- und Grünräume, Durchwegung und vieles mehr sind in Schrägluftbildern oft besser sichtbar als auf Senkrechtaufnahmen oder von einem Standort am Boden aus. Auch zur Beurteilung des Landschafts- und Ortsbildes finden Schrägluftaufnahmen Anwendung. Fassadengestaltung, verwendete Materialien, Gebäudehöhen, Geschosszahlen und Dachlandschaften sind sichtbar. Durch die in der Regel sehr hohe Auflösung und gute Bildqualität von Schrägluftbildern sind auch Details wie der Bewuchs oder die Oberflächenbeschaffenheit erkennbar. 
Die regelmäßigen Befliegungen in allen Landesteilen ermöglichen einen historischen Vergleich und eine Dokumentation der Entwicklung des bebauten und unbebauten Raumes in Vorarlberg über viele Jahre und sind gleichzeitig eine wertvolle Planungsgrundlage für die Raumordnung.

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