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Vertikales Wohnen in Vorarlberg - über die nahende Rückkehr der Hochhäuser

Das reiche Vorarlberg ist arm an Wohntypologien. Der kollektive Wohnbau heutzutage tritt als zwei- bis dreigeschossiger, freistehender Block mit eckseitig angeordneten Balkonen in Erscheinung – der individuelle Wohnbau als prismatische Schachtel mit jeweils mehr oder weniger gelungenen Anbauten. Verschwunden sind das Reihenhaus, das Doppelwohnhaus, der verdichtete Flachbau, Terrassenhäuser oder das Wohnhochhaus, welches zu Beginn der 1960er-Jahre „modern“ wurde.

Welche Umstände verleiten nun dazu, gerade dem Wohnhochhaus eine bevorstehende Renaissance zu prophezeien? In den vergangenen zehn Jahren beobachten die Statistiker eine signifikant veränderte Bevölkerungsentwicklung – jährlich steigende Geburtenraten und anhaltender Zuzug ins Vorarlberger Rheintal bei einer gleichzeitig soliden Entwicklung der lokalen Wirtschaft. Diese Entwicklung verursacht einen steigenden Nutzungs- und Bebauungsdruck auf Liegenschaften als bisher. Darüber hinaus verteuerte sich in der jüngsten Vergangenheit gewidmetes Bauland überproportional – ein Ergebnis der Kapitalflucht aus den Finanzmärkten seit 2008 und der Immobilienbesteuerung 2012. Dieser Trend hält nach wie vor an: Die Anzahl der Verbücherungen in Österreich hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt! Diese Situation wird zusätzlich noch verschärft, da immer mehr Bauland aus spekulativen Gründen gehortet und nicht seinem ursprünglichen Zweck – einer Bebauung – zugeführt wird. Zusammenfassend betrachtet wird uns Vorarlbergern durch diese Entwicklungen immer deutlicher vor Augen gehalten, dass Grund und Boden keine beliebig vermehrbaren Ressourcen darstellen und dass Grundbesitz – sei es im gewerblichen Sinne oder für den Zweck des Wohnbedarfs – zunehmend als Privileg wahrgenommen wird.

Hochhäuser sind auch wesentliche Bestandteile stadträumlicher Planungen und Entwicklungskonzepte. Durch ihre Sichtbarkeit und Exponiertheit tragen sie maßgeblich zur Qualität des wahrgenommen Stadtraums bei (Stichwort Orientierung, Maßstab und Identität) sowie zu den alltäglichen Funktionen auf Quartiersebene (Stichwort Durchmischung, Funktion und Frequenz). Der städteplanerische Umgang mit Hochhäusern reicht vom detailliert ausgearbeiteten Hochhauskonzept der Bundeshauptstadt Wien zur Hochhausstudie in Innsbruck, die aber in weiten Teilen nicht umgesetzt wird. Ganz anders agieren die Linzer, die – ähnlich wie Vorarlberg – ohne planerisches Konzept den Dingen ihren Lauf lassen.

Eine fatale Entwicklung

Die ungeplante Version lässt sich in Vorarlberg zu Beginn der 1960er-Jahre beobachten. Diese bis dato einzigartige Phase der Hochhausbebauung im Rheintal beschränkte sich im Wesentlichen auf die Städte Feldkirch, Dornbirn und Bregenz und offenbart multiples Organversagen auf Seiten der Entwickler, der Kommunen und der Planer. Wie man sich zu dieser fatalen Entwicklung verleiten ließ, kann aus heutiger Sicht dadurch erklärt werden, dass ein Wohnhochhaus als neuer Gebäudetypus auch symbolhaft für den technischen Fortschritt und das Vertrauen in die Zukunft stand – als Symbol dafür, dass wir die mageren Nachkriegsjahre nun hinter uns gelassen haben und die ländlich geprägten Kleinstädte Vorarlbergs damit unausweichlich in einen dynamischen, positiv wahrgenommenen Urbanisierungsprozess eintreten werden.

Ohne Rücksicht auf den Standort

Um aus den Fehlern der 1960er zu lernen, lohnt sich ein differenzierter Blick auf diese Entwicklung: Ähnlich wie heute führte die Zuwanderung zu einem gestiegenen Wohnbedarf – aber auch die durchschnittliche Wohnfläche von damals knapp 20 Quadratmeter pro Person Ende der 1960er begann sich in den Zeiten des Wirtschaftswunders deutlich zu vergrößern. Mit unseren aktuellen 45 Quadratmeter pro Person sind wir da schon eher am Ende einer Entwicklung angelangt, da wir uns den Wohnraum mit unseren zunehmenden Komfortansprüchen bereits nicht mehr leisten können. Gesetzliche Regelungen wie Stellplatz- und Spielplatzverordnungen verhindern heutzutage Gebäudezombies, wie sie beispielsweise im Bregenzer Weiherviertel errichtet wurden – 112 Wohneinheiten ohne Autoabstellflächen und ohne Freiräume für die Bewohner … das gibt zu denken! Die Hochhäuser wurden fast ausschließlich von kommerziellen Bauträgern errichtet, ohne qualitative Filterprozesse vorzuschalten und ohne Rücksicht auf den Standort oder die öffentliche Erreichbarkeit. Ein Beispiel von Verdichtung, das nicht zur Nachahmung empfohlen wird.

Die Typologie der damals errichteten Wohnhochhäuser stellt nichts anderes dar als eine vertikal addierte Version des mehrgeschossigen Wohnblocks. Der Unterschied vom Wohnhochhaus zum dreigeschossigen Mehrparteienhaus ist jedoch ein gravierender: Es liegt einerseits an der Ausformulierung und Anordnung der Allgemeinflächen rund um oder am Gebäude, der Qualität des Stiegenhauses als Kommunikationsraum sowie am Eingangsbereich, der für höhere Frequenzen dimensioniert sein muss. Andererseits an seiner Gebäudestruktur und Erscheinung im Stadtraum und in seiner Wechselwirkung zum angrenzenden öffentlichen Raum. Dass ein Wohnhochhaus aber durchaus seine berechtigten Wohnqualitäten aufweisen kann – vor allem im Nahebereich zum Bodensee –, wäre ein verlockendes städtebauliches Versuchsfeld, um auch der zu hinterfragenden Verdichtung in gewachsenen Einfamilienhausquartieren entgegenzuwirken.

Eine Frage der Zeit

Dem Vorarlberger Baugeschehen wären nicht nur positive Beispiele hoher Bebauungen zu wünschen, sondern auch die jeweils anderen eingangs erwähnten Wohntypologien. Alle diese Modelle erzeugen höhere Dichten als die gegenwärtigen Bautypen und nur damit können die Herausforderungen der aktuellen Urbanisierungsprozesse gemeistert werden. Die planerischen Desaster der 1960er-Jahre werden Vorarlberg erspart bleiben – dazu wurden mittlerweile die gesetzlichen Vorschriften angepasst und entlang des behördlichen Bewilligungswegs gewährleisten städtebauliche Selektionsverfahren ein Mindestmaß an Qualität. In Linz findet gegenwärtig ein regelrechter Hochhausboom statt – auch in Innsbruck bieten sich die diversen Entwickler ein Rennen um die jeweils besten Projekte. Es bleibt nur eine Frage der Zeit, bis im Vorarlberger Rheintal wieder vertikal gewohnt wird …

05.05.2018

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Gerold Strehle

geboren 1974 in Linz, Architekt, Gründer des Büros für Architektur und Umweltgestaltung in Bregenz und Wien

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