Thomas Feurstein

Studium der Germanistik und Geografie, Bibliothekar an der Vorarlberger Landesbibliothek, Schwerpunkte: Landeskunde, Schule und Bibliothek

(Foto: © Gerhard Kresser/Vorarlberger Landesbibliothek)

 

Fotomontage des geplanten Atomkraftwerks im benachbarten Rüthi

Vorarlberg sagt nein zur Atomkraft

August 2018

Das Staatsarchiv St. Gallen schreibt im Rückblick: „Nach ausgiebigen Protesten wurde das AKW-Projekt schließlich im Jahr 1980 gestoppt, was vermutlich auch am starken Protest aus dem Nachbarland Österreich lag.“

Die Stimmung in der SPÖ-Parteizentrale in der Wiener Löwelstraße sank gegen 17 Uhr des 5. Novembers 1978 immer weiter, als nach anfänglicher Hoffnung auch die Vorarlberger Ergebnisse zur Volksabstimmung um die Inbetriebnahme des Atomkraftwerks in Zwentendorf eintrafen. Hatten sich die SPÖ und dort besonders Bundeskanzler Bruno Kreisky und Gewerkschaftsboss Anton Benya doch vehement für ein Ja zu Zwentendorf engagiert. Doch davon wenig beindruckt hatten die Wahlberechtigten in Vorarlberg mit über 84 Prozent mit Nein gestimmt, in Schröcken und in Eichenberg hatte sogar nur ein einziger Wähler oder eine einzige Wählerin für das AKW votiert. Damit machte Vorarlberg das Zünglein an der Waage aus, betrug der Vorsprung der Atomkraftgegner in ganz Österreich ja nur einen halben Prozentpunkt (50,47 Prozent Nein gegen 49,53 Prozent Ja).

Wie unversöhnlich sich die Positionen der Befürworter und Gegner damals gegenüberstanden, zeigt ein Vergleich der Berichterstattung der SPÖ-nahen Wiener „Arbeiter-Zeitung“ und der „Vorarlberger Nachrichten“ (beide nachzulesen in der Vorarlberger Landesbibliothek). In der „Arbeiter-Zeitung“ vom 4. November 1978 wurde ein letztes Mal vor der Abstimmung versucht, die Argumente der Gegner zu entkräften. Auf deren wichtigstes Argument, nämlich das Risiko eines katastrophalen Reaktorunfalls, wurde damals so geantwortet: „Risiko winzig klein: nun bestreitet niemand, daß das Schadenspotential eines Kernkraftwerkes außerordentlich hoch ist, doch ist die Wahrscheinlichkeit eines schweren nuklearen Unfalls extrem klein, da beispielsweise in Zwentendorf fünf unabhängig voneinander wirkende Sicherheitsbarrieren existieren. Nach dem bekannten amerikanischen Rasmussen-Report ist die Wahrscheinlichkeit eines Reaktorunfalls mit 1000 Toten ebenso gering wie die Wahrscheinlichkeit, daß 1000 Menschen von einem Meteor erschlagen werden.“ Der jeweils anderen Seite wurde in den Medien vorgeworfen, den Streit um Zwentendorf für parteipolitische Zwecke zu missbrauchen, so habe die ÖVP die Abstimmung in einem „beispiellosen Doppelspiel“ für sich zu nutzen versucht. Die Vorarlberger Sozialisten unter dem Bregenzer Bürgermeister Fritz Mayer hatten sich gegen die Linie von Bruno Kreisky gestellt und ihre zwei SPÖ-Nationalratsabgeordneten hatten mit ihrer Zustimmung die Durchführung der Volksabstimmung erst möglich gemacht. Mayer sprach sich schon damals dafür aus, „nunmehr gemeinsame Wege nach Alternativenergien zu suchen, daß wir wenigsten vor St. Pantaleon (dort wäre das zweite AKW geplant gewesen) verschont bleiben.“

In den „Vorarlberger Nachrichten“, und dort vor allem von Chefredakteur Franz Ortner, wurden bis zuletzt alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ein Ja zu verhindern. Am Samstag vor der Abstimmung schreibt Ortner: „Es waren in Vorarlberg viele Verantwortungsbewußte am Werke, den in der Atommaterie so schweren Anschauungsunterricht vorzunehmen und ihn buchstäblich von Haus zu Haus zu tragen. Im Prinzip wissen immer mehr Menschen, daß ein bißchen Verzicht leichter ist als das Risiko auf dem Weg zum Überfluß und Wohlstandsüberdruß, das die Atombefürworter verächtlich beiseite schieben.“

Zu den vielen Verantwortungsbewussten, die Franz Ortner meinte, gehörte von Anfang an das „Team Breiner“: Franz Viktor Breiner, Maschinenbauingenieur aus Bregenz, der von Anfang an davon überzeugt war, dass die Atomtechnik menschenfeindlich und nicht beherrschbar sei, sowie seine Frau Hildegard, die nun bald 50 Jahre an der Spitze der Vor­arlberger Anti-AKW-Bewegung steht. Ihre Aktivitäten begannen schon in den 1960er-Jahren mit dem Protest gegen das Ölkraftwerk in Rüthi, einer schweizerischen Nachbargemeinde von Meiningen. Nachdem das Projekt fallengelassen wurde, entstand die Idee, an der gleichen Stelle ein Atomkraftwerk zu errichten. 1975 wurde in Altstätten der Verein „Atomkraftwerk Rüthi Nein“ mit 500 Mitgliedern gegründet. Das Staatsarchiv St. Gallen schreibt im Rückblick: „Nach ausgiebigen Protesten wurde das AKW-Projekt schließlich im Jahr 1980 gestoppt, was vermutlich auch am starken Protest aus dem Nachbarland Österreich lag.“

Hildegard Breiner erzählt heute im Rückblick von ihrer persönlichen Initialzündung 1964, als ihr bei der verhinderten Schiffstaufe in Fussach bewusst wurde, dass energischer Widerstand auch gegen die geballte Staatsmacht von Erfolg gekrönt sein kann. Abgesehen von einem ganz kurzen Engagement bei den „Grünen“ agierte sie immer überparteilich und ist heute mehr denn je davon überzeugt, dass grundlegende Anliegen des Naturschutzes nicht für parteipolitischen Streit geeignet sind. Vielmehr sei es bei der Abstimmung zu Zwentendorf die Kraft von vielen Engagierten gewesen, die auf ganz unterschiedliche Weise ihre Sorge Ausdruck verliehen. So etwa die Logopädin Maria Summer, die in Wien einen Hungerstreik von besorgten Müttern organisierte, oder Traudi Rinderer, deren Briefe an Bruno Kreisky später sogar als Buch veröffentlicht wurden. Noch heute ist Hildegard Breiner im Kampf gegen die Atomkraft engagiert, so nimmt sie jedes Jahr an einer schweizerischen Demonstration gegen Atomkraft teil und artikuliert dort die Sorge der österreichischen Nachbarn.

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