Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz)  war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-­Universität Krems.
Foto: Robert Newald

 

Wandel des Weltbilds und der Bildung

Dezember 2021

Die Welt, in der wir leben, ist im Begriff, sich rasch, dauerhaft und auf nahezu allen gesellschaftlichen Ebenen zu ändern. Die Generation unserer Eltern hatte mehrmals mit historischen Änderungen ihrer Lebensverhältnisse zu tun: mit den Problemen, mit denen die junge Republik nach 1918 erfolglos kämpfte, der Weltwirtschaftskrise mit unglaublicher Arbeitslosigkeit, mit faschistischen Ideologien und verbrecherischem Rassenhass, mit der Katastrophe des Weltkriegs und nachher mit der ständigen Bedrohung durch Kalten Krieg und Atomwaffen. Andererseits erlebte sie aber auch einen erstaunlich zügigen Wiederaufbau und den Wandel in eine glitzernde Konsumwelt.
Gegenwärtig ändern sich jedoch die Perspektiven der Menschheit so fundamental wie schon lange nicht. 
Internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit, besonders in Europa, faszinierende technische Entwicklungen, Motorisierung, umfassende Sozialversicherung, steigende Ansprüche an die Wohnverhältnisse brachten beinahe ununterbrochen über ein halbes Jahrhundert ständigen materiellen Fortschritt. Dazu trug die schrittweise Anhebung des Ausbildungsniveaus an den Schulen nicht unwesentlich bei. Schließlich wurde es nahezu selbstverständlich, dass jeder neue Jahrgang für seine Zukunft mit einem passenden Arbeitsplatz und mit mehr Wohlstand rechnen konnte als die Generation der Eltern. 
Seit Beginn des neuen Jahrhunderts hat die Welt mit zunehmenden, schwierigen und komplexen Problemen zu tun, für die sich erst teilweise Lösungen anbieten. Die sind in der Bevölkerung vor allem der reichen Länder stark umstritten und blockieren politische Konzepte. Die komplexen Zusammenhänge veränderter Rahmenbedingungen für die globale Entwicklung wurden nach dem offenkundigen Bankrott der neoliberalen Fantasien in der heftigen weltweiten Finanzkrise (2008) ein aktuelles politisches Thema. Konrad Paul Liessmanns zeitgemäße „Theorie der Unbildung“ erschien knapp davor (2006), also noch bevor dieses Fanal für die markt- und effizienzorientierten Doktrinen von der Wall Street aus auf nahezu die ganze Finanzwelt ausstrahlte. 
Noch hat sich eine neue Weltanschauung nicht allgemein durchgesetzt. Die Politik agiert weltweit mit Behelfslösungen und regelmäßig auch mit leeren Versprechungen. Sie mixt auf jeder Gipfeltagung Viruspartikel obsoleter Ideologien mit unrealistischen Absichtserklärungen, von denen nicht angegeben werden kann, wie sie in Wirklichkeit umgesetzt werden könnten.
Dass tiefgreifende Veränderungen der Denkweise und der Prioritäten unvermeidlich sind, hat einen beachtlichen Teil der Bevölkerung und der Wirtschaft noch nicht überzeugt. Teilweise berufen sich politische Kräfte, Unternehmer, Interessenvertretungen und Teile der Bevölkerung auf Rezepte und Ideologien, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, und verkennt damit neue Entwicklungsbedingungen, die für die Gegenwart und die absehbare Zukunft maßgeblich sind und sein werden. Die Situation trägt zu Verunsicherung und Orientierungslosigkeit bei und erschwert längerfristige politische Strategien. Die Wirtschaftsforscher ziehen sich auf verhältnismäßig weniger riskante Konjunkturprognosen für wenige Jahre zurück, die sie allerdings auch dem Takt des Virus anpassen müssen. 
Wenn man aber davon ausgeht, dass grundlegende Veränderungen des Weltbildes und der politischen Ziele unvermeidlich sind, stellt sich nicht zuletzt die Frage, welche Rolle sich aus dieser Erkenntnis für die Einrichtungen und Schwerpunkte des Bildungswesens ergibt. Dessen grundlegende Bedeutung für die Wohlfahrt einer Gesellschaft wird zwar kaum bestritten. Doch fällt auf, dass die politische Bedeutung, die Inhalten und der Strukturierung des Bildungssystems in Österreich zugebilligt wird, im Vergleich etwa zu den Arbeits- und Wohnbedingungen, zum Gesundheitswesen, ja sogar zum Tourismus, zu Freizeiteinrichtungen und aktuellen Sportereignissen deutlich zurücktritt. 
Dies widerspricht nicht der dennoch allgemein verbreiteten Überzeugung, dass das Bildungssystem in der modernen Welt reformiert werden müsste. „Bildung, dieser Eindruck lässt sich nicht vermeiden, fällt zusammen mit ihrer Reform. Gleichzeitig leidet kein gesellschaftliches Segment so sehr unter dem Stigma, unbeweglich, verkrustet, antiquiert, erstarrt, mit Nutzlosem vollgeräumt und in jeder Hinsicht verstaubt zu sein, wie der Bereich der Bildung.“ (Liessmann, S. 159). 
So sehr Liessmanns Kritik am reformerischen Eifer und Ungeist zahlloser Schul- und Universitätsreformen in der neoliberalen Epoche nachzuvollziehen war, legen die seither veränderten weltweiten Entwicklungsbedingungen heute doch eine gründliche Überprüfung der Ziele des „Bildungssystems“ nahe. Es geht dabei nicht um einen neuen Kodex der Allgemeinbildung, sondern um die Vermittlung eines gewandelten Weltverständnisses. 
Die gleichzeitig stürmisch einsetzende technologische Revolution der Digitalisierung erscheint als zweischneidiges Schwert: Sie bietet Problemlösungen und fantastische Zukunftsvorstellungen, die das Schicksal der heutigen Menschheit unvorstellbar weit voranbringen könnten. Andererseits bahnt sich gerade erst eine Zusammenschau der Klimakrise einerseits und des Ausbaus der digitalen Wirtschaft an. Eine Reihe von Häuptlingen des Silicon Valley hat bei der Übertragung der Erfahrungen ihrer weltumspannenden Unternehmen auf den Rest der Menschheit schon Beunruhigung und Zweifel ausgelöst. Befürchtungen der Umweltschützer und berauschende Visionen einer einmal möglichen Übersiedlung auf andere Planeten passen noch nicht zusammen. 
Das Anliegen einer „Reform des Bildungssystems“ trägt den Keim seines Scheiterns in sich. „System“ signalisiert die Existenz eines Teils der Gesellschaft, der etwas selbstgenügsam und mit der übrigen Welt nicht viel mehr als bürokratisch verflochten, vor sich hinwerkelt. Bildung vollzieht sich nicht nur an approbierten Schulen, sondern auch im beruflichen und familiären Alltag, vor dem Fernsehgerät und bei gesellschaftlichen Anlässen. Bildung entsteht durchaus auch als Folge von Vorgängen, die die Lehrbücher der Pädagogik kaum erwähnen.
Das Streben nach ständiger Verbesserung des materiellen Lebensstandards ist der menschlichen Rasse ähnlich eingepflanzt wie die Neugier nach immer neuen Entdeckungen. Die ökonomische Theorie des Wirtschaftswachstums, die sich in der Nachkriegszeit entwickelte, neigte lange Zeit nicht dazu, die ökologischen Voraussetzungen für ständiges Wachstum des Materieverbrauchs zu klären und „Fortschritt“ anders – und weiter – zu definieren denn als die Steigerung des Sozialprodukts. Fortschritt hat jedoch auch kulturelle, soziologische, natürlich auch soziale und machtpolitische Dimensionen, die simultan zu bedenken sind. 
Die grundlegenden Veränderungen der Weltsicht, die nun anstehen, können politische Bildungskonzepte nicht unberührt lassen. In der digitalisierten Welt ist nicht mehr Wissensvermittlung die primäre Aufgabe von Bildungseinrichtungen, sondern die kritische Erörterung der Möglichkeiten, die Wissen bietet. Es geht nicht um einen neuen Kodex der Allgemeinbildung (wenn auch einiges an Grundbegriffen nicht ausgespart werden kann). 
Wenn man sich vor Augen führt, welche akademischen Fächer sich angesprochen fühlen sollten oder werden, werden Versäumnisse der Wissenschaftspolitik bewusst, die noch immer zaudernd versucht, „Querschnittsmaterien“ über die aus akademischer Tradition Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen traditionellen Burggräben zwischen den Disziplinen zu einer gesellschaftlichen Gesamtaufgabe zu vergattern. Die Gesellschaft hat Probleme, aber die Universitäten haben akademische Fächer. Es geht jedoch um eng miteinander verflochtene Fragen. 
Als wäre die Vorgabe einer veränderten Weltanschauung nicht schon ausreichend komplex, wird die Aufgabe durch die erreichte Stufe der Internationalisierung und Globalisierung noch zusätzlich erschwert. Die früher genutzte nationale Autonomie, gestützt auf unterschiedliche nationale Erfahrungen, demokratische Legitimation, Finanzierung und Traditionen kann vielfach nicht (noch nicht?) durch ähnlich ausgestattete internationale oder globale Machtstrukturen ersetzt werden.
„Glasgow“ belegt, wie weit der Weg auch für die Bildungspolitik noch ist. 

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