Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Wie weiter mit dem Klima?

Oktober 2021

Die Ansichten zum Klimawandel spalten seit Jahren die Bevölkerung: Leugner lehnen seriös gewonnene wissenschaftliche Belege ab und behaupten noch immer, dass die Klimaerwärmung entweder gar nicht stattfindet, oder dass sie, wenn schon, auf natürliche Schwankungen im Sonnensystem zurückgeht. Jedenfalls seien nicht die Menschen als Ursache anzusehen. Andere munkeln, es handle sich um eine Verschwörung weltweiter Konzerne, ganz ähnlich wie in den Gerüchten um angebliche Verursacher an der Pandemie.
Ernsthafter geben sich Kritiker, die bemängeln, dass der Klimawandel nicht einseitig Schäden sondern auch wirtschaftliche Vorteile bringe; also Badetourismus am Nordkap und Weinanbau in Tibet?
Die Bekämpfung des Klimawandels werde untragbare Staatsschulden und hohe Steuern für kommende Generationen kosten. Dagegen argumentieren prominente Ökonomen, dass die Nachkommen gewiss nicht einen Heißluftballon erben wollen. Je länger notwendige Maßnahmen ausbleiben, desto teurer kämen die Kosten der Klimapolitik (N. Stern, 2007). 
Klimapolitik beabsichtigt, den weiteren Anstieg der Temperaturen auf der Erde zu verhindern, indem klimaschädliche Emissionen (Kohlendioxid) bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe (Kohle, Erdöl, Erdgas) einschließlich weiter verarbeiteter Produkte mit hohem Fossilgehalt sehr rasch durch erneuerbare Energiequellen, vor allem auf Basis Sonnenenergie, ersetzt werden: ein Totalumbau des heutigen Energiesystems ist zentrales Element der Strategie. 
Vor sechs Jahren wurde von der Staatengemeinschaft in Paris verbindlich vereinbart, die Erderwärmung bis Mitte des Jahrhunderts möglichst auf maximal + 1 ½ Grad Celsius, die gerade noch erträglich erscheinen, zu begrenzen. 
Die schon eingetretene Erwärmung der Erdtemperaturen wird dabei nicht abgebaut, sie bekommt einen Plafonds. Derzeit beträgt der Anstieg (verglichen mit der vorindustriellen Zeit) schon über + 1 Grad Celsius und nähert sich rasch der Zielgröße. Peinlich für die kommende Klimakonferenz (Glasgow 2012): kaum ein Staat hat seine Hausaufgaben auch nur annähernd gemacht. Weitere Verzögerungen hätten mit einer Erderwärmung auf +3 Grad C zu rechnen, jedenfalls unerträglich für das Leben der Menschen. 
Für den bisher eingeschlagenen Weg ist es zu spät. Einzugestehen, dass neue noch anspruchsvollere Vorgaben erst recht politisch nicht umsetzbar sind, verlangt nach neuen Strategien. Der österreichische Bundeskanzler weicht dem Dilemma aus, indem er verkündet, er glaube gar nicht an den Klimawandel. Er wolle nicht darüber nachdenken, weil Klimapolitik zurück „in die Steinzeit“ führen könnte. Wichtige Gruppen der Bevölkerung denken ähnlich. Aber wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen eben eindeutig dagegen, die Klimakrise einfach abzusagen. Soll die Zukunft der Erde einigen ‚Masters of the Universe‘ im Silicon Valley überlassen werden? Wäre die unpassierbar gewordene Sackgasse nicht doch mit Hilfe der Wissenschaft überwindbar? 
Die am meisten beachteten Projektionen des Klimawandels basieren weitgehend auf naturwissenschaftlichen Methoden. Das gilt besonders für die Berichte des „Klimarates“ der Vereinten Nationen (IPCC). Es ist ein Geburtsfehler dieser vielzitierten Einrichtung, dass sie Möglichkeiten transdisziplinärer Zusammenarbeit in einschlägigen Fragen nicht systematisch ausschöpft. Klimaentwicklungen werden vom Zusammenspiel zweier Ebenen beeinflusst: von naturgesetzlichen Vorgängen und von menschlichen Bestrebungen. 
Die ausweglos scheinende Sackgasse, in die die Klimapolitik geraten ist, wurde mittlerweile selbst Gegenstand intensiver Forschung. Ein Review der Sozialpsychologie des Klimawandels (K. Fielding aus 2014) zitiert rund 100 einschlägige wissenschaftliche Veröffentlichungen mit sehr brauchbaren empirischen Belegen. Versäumnisse werden auch von Vertretern der Soziologie, der Politik- und der Geschichtswissenschaft eingeräumt. Hingegen schalteten sich Ökonomen vergleichsweise früh in das Thema Klimawandel ein, etwa der spätere Nobelpreisträger William D. Nordhaus. Einen Schwerpunkt bildeten Kosten-Nutzen-Analysen, die freilich in letzter Zeit wegen willkürlicher Annahmen massiv kritisiert wurden (Pindycke, 2017). 
Zentrale Ursache für die Ausweglosigkeit der Sackgasse sind anhaltende Unsicherheiten: noch vorhandene Mängel der empirischen Messung, Ausblenden von politischen Einflüssen und fehlerhafte Annahmen im Prognosemodell. Die Treffsicherheit der Resultate hängt vom Eintreten oder Ausbleiben interner Reaktionen des komplexen Klimasystems der Erde ab: bisher als linear angenommene Zusammenhänge könnten unerwartet in nicht-lineare „kippen“. 
Es ist ein übertriebener Anspruch, die mit gewiss wissenschaftlichen Methoden gewonnenen Klimaprognosen des IPCC als unantastbares Ergebnis der Wissenschaft zu verstehen. Die Prognosen sind Fortschreibungen bisher erkennbarer Einflüsse. Ihr Eintreffen weist einen sehr hohen Grad an Wahrscheinlichkeit auf und signalisiert ein ebenso hohes Risiko für die Menschen. Aber auch ein überstürzter Übergang auf ein „sauberes“ Energiesystem ist nicht risikolos. 
Das Ergebnis wird wohl davon abhängen, ob die Klimaproblematik von ängstlicher Abwehr, erzwungenem Verzicht („Steinzeit!“) und vom Festhalten an bestehenden Verhältnissen diktiert wird. Der Weg in eine langfristig besser gesicherte, gesündere, vielleicht auch nachhaltigere und gerechtere Zukunft sollte mit mehr Zuversicht in Angriff genommen werden. Das entspräche jedenfalls einer wesentlichen Funktion unternehmerischen Handelns: die Zukunft zu gestalten und nicht sie zu verhindern.

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