Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

„Freiheit ist nichts für Feiglinge“

Mai 2024

Die Österreicherin Anna Schneider (33) ist Chefreporterin bei der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ und nimmt sich als solche kein Blatt vor den Mund. Vielmehr streitet die studierte Juristin und gebürtige Klagenfurterin auf allen möglichen Medien-Kanälen regelmäßig für die liberale Perspektive. Im Interview sagt sie: „Ich teile in alle politischen Richtungen aus. Und werde deshalb aus allen politischen Richtungen angeschossen.“ Ein Gespräch über Journalismus, über Freiheit – und über „spaßbefreite“ Kulturkämpfer.

Frau Schneider, Sie schrieben vor kurzem in der „Welt“, dass derjenige, der sich um die für die Demokratie essenzielle Meinungsfreiheit sorge, bestenfalls Spott ernte …
Man erntet bestenfalls Spott, schlimmstenfalls Ablehnung. Doch wer sich über die Stummschaltung des politischen Gegenübers freut, hat nicht verstanden, um was es geht. Demokratie lebt essenziell von Meinungsfreiheit. Sie schützt ja nicht nur den anderen, sie schützt auch einen selbst. Doch immer weniger Menschen trauen sich, auszusprechen, was sie denken, weil man mit bestimmten Aussagen eben den sozialen Tod riskiert.

Sie scheren da aus, nehmen sich als „Chefreporterin Freiheit“ in Ihrer journalistischen Arbeit, in Ihren Aussagen kein Blatt vor den Mund…
Das sagt allerdings mehr über den Medienbetrieb als über mich aus, fürchte ich. Es amüsiert mich ja schon, dass es bereits als Ausscheren gilt, wenn man in einer Debatte lediglich einen liberalen bis libertären Standpunkt einnimmt. Aber, klar, ich tanze durchaus gerne aus der geistigen Mehrheitsreihe, in die sich weite Teile des Journalismus einordnen. Wobei es einem auch einfach egal sein kann, was andere von einem denken. Zumal, wenn diese anderen ideologisch in ganz anderen Gefilden unterwegs sind. Ein gewisses Maß an Selbstironie, oder generell an Ironie, hilft da übrigens ganz gut. 

Ironie und Humor? In der heutigen Zeit?
Wenn man diesen Kulturkampf-Erzählungen folgt, in der sich zwei Seiten unvereinbar und unversöhnlich gegenüberstehen, bemerkt man rasch, dass beide Seiten sehr spaßbefreit sind. Beide Seiten glauben, sie hätten die Wahrheit gepachtet und schießen entsprechend hart gegeneinander. Im Zweifel entscheide ich mich in der Beschreibung eher dafür, die ironische Klinge zu schwingen. Einerseits ergibt das mehr Möglichkeiten, darüber nachzudenken, andererseits lindert es – zumindest rhetorisch – die Verkrampftheit. Aber das setzt natürlich voraus, dass man Ironie auch versteht.

Aber wird der österreichische Humor in Deutschland denn auch verstanden?
(Lacht) Vor allem der Wiener Schmäh taugt auch in Deutschland sehr, und das finde ich ganz wunderbar. Ich lass‘ in meine Texte immer wieder Wiener Begriffe einfließen, ein Leser hat sich bedankt: Es gebe bei mir immer auch gratis Spracherziehung dazu. G’schamster Diener!

Sie teilen aus, in alle politischen Richtungen. Und in der Regel mit kräftigen Worten.
Kann sein. Aber es kommt natürlich auch darauf an, was man denn als kräftig empfindet. Mir wird mitunter unterstellt, ich sei rechts. Da möchte ich doch empfehlen, sich ernsthaft mit meinen Aussagen zu beschäftigen. Denn der springende Punkt ist der, den Sie ansprechen: Ich teile in alle politischen Richtungen aus. Und werde deshalb aus allen politischen Richtungen angeschossen. Ein Beispiel: Wenn ich gegen die Impfpflicht argumentiere, dann schießen sie mich von links an, wenn ich für Abtreibungen argumentiere, schießen sie mich von rechts an. Die Shitstorms kommen abwechselnd von links oder rechts, ich sitze dazwischen und bin ganz glücklich.

Sie verstehen also Journalismus gemäß dem bekannten Zitat, ein Journalist solle sich nicht gemein machen, auch nicht mit einer guten Sache.
Ganz genau. Sehr viele Journalisten verstehen sich heutzutage als Aktivisten, sie glauben, sie könnten alle journalistischen Standards über Bord werfen, wenn sie nur einer guten Sache dienen, sei es der Demokratie oder der Umwelt oder dem Kampf gegen Rechts. Als Journalist aber nicht mehr kritisch, nicht mehr distanziert zu sein, das halte ich für ziemlich problematisch. So verschwimmt die Grenze zum Aktivismus. Man kann freilich gerne Aktivist sein. Dann möge man sich aber nicht mehr Journalist nennen. 

Kritiker haben Sie auch schon mal als „libertäre Kalaschnikow“ bezeichnet …
(lacht) Fantastisch!

Wie lebt es sich denn als Umstrittene? Als Reizfigur, wie Sie die „Presse“ genannt hat? 
Das Wort „umstritten“ ist mittlerweile selbst eine amüsante Bezeichnung. Man verwendet sie ja eigentlich nur mehr, wenn man jemanden als problematisch kennzeichnen will. Zartbehirnte benutzen diesen Knock-Out-Begriff sehr gerne und ich frage mich dann: Will man wirklich unumstritten sein? Das würde ja heißen, dass man es immer jedem recht macht. Und dafür bräuchte man eigentlich ein Rückgrat wie ein Gartenschlauch. Aber jeder, wie er möchte …

„Zartbehirnt“ nennen Sie in Ihrem Essay auch jene, die Einschränkungen der Freiheit fordern.
Da habe ich mich auf zarte Wesen bezogen, die sogenannten Snowflakes, die ihre Gefühle auf der Zunge tragen und ihr Innerstes nach außen kehren. Die also ihre Privatheit der Bühne opfern, und das mit ganz, ganz viel Gefühl. Die glauben, sie seien Individualisten, obwohl sie Kollektivismus wiederbeleben. So denken sie ausschließlich in Schubladen und in moralischen Hierarchien, und zack – fertig ist das schwarz-weiße Weltbild. Kritik an ihnen wird sofort als Hassrede eingestuft. Aber was ist Hassrede? Und was ist legitime Kritik? Das definieren doch immer diejenigen, die sie verbieten wollen.

Das gesellschaftlich verordnete Maß an Konformität wird die Liberale in Ihnen empören.
Regeln sind ja grundsätzlich dafür da, Konformität herzustellen, und allein deswegen muss man sie immer wieder hinterfragen. Das ist ein Wesenskern des Liberalismus. Insofern wirkt man immer ein bisschen wie ein Alien, wenn man es zum Beispiel wagt, den Staat zu kritisieren. Als wäre der Staat die Ausgeburt allergrößter Weisheit.

Und besonders empört sind Sie, wenn Verbote gar als Freiheit verkauft werden.
Eher belustigt. Gleichermaßen könnte man mit Orwell auch Krieg als Frieden verkaufen. Es ist mit Rückblick auf die Corona-Pandemie ziemlich faszinierend, was alles versucht wurde, in den Freiheits-Begriff zu quetschen, nur um bisweilen absurde Regelungen als irgendwie sexy erscheinen zu lassen. Man kann Verbote ja durchaus super finden. Jedem seine Meinung. Aber dann müsste man ein Verbot halt auch als Verbot bezeichnen, ohne dabei den Freiheitsbegriff zu pervertieren. Denn der hat das nicht verdient.

In Ihrem Essay zitieren Sie einen Satz des deutschen Grünen Habeck: „Bestimmt zu werden, Entscheidungen nicht treffen zu müssen, kann erleichternd sein.“ Unfassbar, der Satz. Kann das ernsthaft jemand wollen?
Ich glaube, das kommt auf den Grad der Vergrünung des Kopfes an. Und als Grüner kann man das ja fantastisch finden. Schwierig wird es, wenn dieses paternalistische Weltbild auf alle Bürger angewendet werden soll. Und spätestens an dieser Stelle sollte klar sein: Die Grünen sind keine liberale Partei, so oft sie das auch von sich selbst behaupten. Nochmals: Es kann jeder glauben und super finden, was er will; aber das dann als Freiheit zu verkaufen, ist eine Frechheit.

Lange wurde um Freiheit gerungen, heute scheinen mehr und mehr Menschen einer Einschränkung von Freiheit das Wort zu reden. Würden Sie dem Satz zustimmen?
Es muss wohl erst ein Gros an Freiheit verloren gehen, bis die Menschen wieder merken, wie wichtig Freiheit ist. So unschön diese Aussicht auch sein mag …

Jetzt kommt, bewusst grob gesprochen, jeder gesellschaftspolitische Blödsinn aus den USA zeitverzögert nach Deutschland, und von Deutschland zeitverzögert nach Österreich und damit in Ihre Heimat. Sorgt Sie das? 
Eigentlich gar nicht. Blickt man in die USA oder nach Deutschland, schaut man sozusagen in eine Glaskugel und weiß damit, was in den nächsten Jahren auf einen zukommt. Was mich eher irritiert, ist die Tatsache, dass viele eigenartige gesellschaftspolitische Themen aus den USA zu uns herüberschwappen, aber nie die positiven Dinge. Also von wem könnte man denn besser lernen, was Freiheit bedeutet, als vom „Land of the Free“? Aber ich fürchte, dazu ist der latente US-Antiamerikanismus hierzulande ein bisschen zu ausgeprägt.

Wie schätzen Sie die aktuelle politische Situation in Österreich ein?
Wenn man sich anschaut, wie sehr momentan in Deutschland das Erstarken der AfD gefürchtet wird, ist man als Österreicher schon ein bisschen gelassener: Selbst, wenn die FPÖ bei den Nationalratswahlen Erste werden sollte, weiß – oder vermutet – man: Wir werden auch daran nicht sterben. Und sonst bleibt irgendwie zu hoffen, dass sowohl die Neos als auch die ÖVP ihren liberalen beziehungsweise konservativen Kern zu schärfen verstehen, damit die Menschen eine Alternative zur FPÖ haben. Aber warten wir mal ab, was durch die diversen Russland-Verbindungen noch alles offenbart wird und ob das Kickl tatsächlich schaden kann …

Die Blauen nennen sich ja die Freiheitlichen. Mit Ihrer Definition von Freiheit haben die allerdings wohl kaum was gemeinsam …
Das ist wohl wahr. Und es irritiert mich auch deswegen einigermaßen, wenn mich Menschen ins rechte Eck stellen wollen. Wie soll sich denn das ausgehen mit den kollektivistischen, nationalistischen und latent ausländerfeindlichen Parolen, die eine FPÖ so verbreitet? Das erschließt sich mir wirklich gar nicht. 

Na ja. Rechts ist einfach alles, was nicht dezidiert links ist.
So ist es! Die meisten Menschen können ja nicht einmal etwas anderes nennen außer links oder rechts. Und dann braucht’s uns nicht wundern, warum es der Liberalismus so schwer hat.

Eines noch. Sie sind „Chefreporterin Freiheit“. Was soll denn das sein?
(Lacht) Das war ursprünglich ein Scherz meines Chefs Ulf Poschardt, der einfach picken geblieben ist. Mit der Folge, dass sich ganze Artikel in Deutschland damit beschäftigt haben, was das denn bedeuten kann. Man kann sich gar nicht ausdenken, was dieser Gag alles ausgelöst hat. Großartig.

Wobei es ja zu Ihnen sehr gut passt. Man könnte es ja auch als Ihre Freiheit interpretieren, das zu kommentieren, was Ihnen missfällt.
So ist es. Mein Newsletter heißt: Anna Schneider ist frei. Und das ist der beste Titel für diesen Newsletter. Ich kann denken und schreiben, was ich will. Das ist mein Job. Und daher eigentlich der beste Job der Welt.

Sie stellen diese Frage in Ihrem Essay eingangs, wir stellen Sie jetzt: Haben die Menschen Angst vor Freiheit?
Bestimmt viele und das finde ich unendlich schade. Man kann es insofern verstehen, weil Freiheit eben nichts für Feiglinge ist. Wenn man sich dafür entscheidet, muss man natürlich auch die Verantwortung seiner Freiheit tragen. Andererseits stellt sich die Frage: Wie, wenn nicht frei sollte man denn bitte leben wollen?

Vielen Dank für das Gespräch!

Weiterlesen!

Anna Schneider, „Freiheit beginnt beim Ich: Liebes­erklärung an den Liberalismus“, dtv, München 2022

Zur Person

Anna Schneider 

*1990 in Klagenfurt, ist seit 2021 „Chefreporterin Freiheit“ bei der deutschen Tageszeitung „Die Welt“. Zuvor hatte die studierte Juristin für „Addendum“ und die „NZZ“ gearbeitet. Die Journalistin und Autorin, die in TV, Print und Online „regelmäßig für die liberale Perspektive streitet“, lebt in Berlin.

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