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Russland, eine Hassliebe

Elisabeth Schimpfössl lebt seit 2007 in London, unterrichtet an der Aston University soziologische Theorien und Mediensoziologie und ist eine Russland-Expertin mit Fokus auf Eliten-Forschung. Im „Thema Vorarlberg“-Gespräch erzählt sie von ihrem Buch, das einen einzigartigen Einblick in das Leben reicher Russen gewährt.

Seit elf Jahren lebt Elisabeth Schimpfössl in London, und seit Oktober 2017 lehrt sie an der Aston University in Birmingham soziologische Theorien und Mediensoziologie – „ganz im Gegensatz zu früheren Jahren, in denen ich vorwiegend russische Geschichte und russische Politik unterrichtet habe“, erklärt die in Rankweil aufgewachsene Frau. Nach der Matura überlegte sie, Chinesisch zu studieren, entschied sich dann aber doch für Russisch: „Chinesisch war mir dann doch zu schwer, außerdem interessierte mich die russische Geschichte.“ Leute, die Russland bedingungslos „verfallen“, sind ihr aber bis heute leicht unheimlich: „In meinem Fall ist es eher eine Hassliebe. Das ist auch nicht untypisch, das Land und die Menschen sind schwierig und es gibt viele Dinge, die mir zuwider sind, wie etwa Homophobie, Intoleranz und Sexismus.“ Gleichzeitig sieht sie aber auch viel Positives: „Schließt man in Russland eine Freundschaft, hält sie ein Leben lang. Generell haben positive und negative Dinge, die Russland betreffen, eine sehr hohe Intensität“, erklärt Elisabeth Schimpfössl, die fließend Russisch spricht. Ihr Schwerpunkt ist die Eliten-Forschung. Mittlerweile schaut sie sich speziell Wohltäter und Philanthropen an. Ein anderes Forschungsgebiet sind russische Medien und darin Themen wie Selbstzensur und journalistische Ethik. „Inzwischen arbeiten mein Kollege und ich zu Selbstzensur in ganz Osteuropa. Unser nächstes Projekt ist ein Buch zum Thema Medien-Eliten in Russland.“

Ein Buch über die Wohlhabenden Russlands

Im Juli ist Elisabeth Schimpfössls Buch „Reiche Russen“ erschienen. Die erste Idee dazu hatte sie schon im Jahr 2005: „Ich war fasziniert von all den soziologischen Studien, die sich mit den weniger transparenten Aspekten beschäftigten (also nicht nur mit dem Materiellen), wie sich die soziale Struktur in verschiedenen europäischen Ländern und den USA reproduziert.“ Das hat noch niemand für Russland gemacht, weil die russische Gesellschaft so neu und im Wandel ist. „Also habe ich etwas sehr Typisches in der Soziologie versucht, auf Russland anzuwenden.“ Hauptbestandteil ihres Buches sind zahlreiche Interviews mit wohlhabenden Russen, darunter auch international bekannte Milliardäre, die sie unter anderem zu Themen wie Philanthropie, Kunstsammlungen und Wohltätigkeit befragte. Im Laufe der Interviews kristallisierte sich ein Problem heraus: „Menschen reden eine Menge Blödsinn, wenn sie darauf los plaudern. Und so reich und mächtig sie sind, kann das im Nachhinein ein Problem für mich werden.“ So schaute sich ein Jurist des Verlags die Skripten an und beschloss, einen externen Experten hinzuziehen. „Das Manuskript wurde mehrmals von vorne bis hinten auf jedes Detail durchsucht. Der Prozess war sehr spannend, leider wurden aber alle möglichen Details gestrichen: Zitate von Botox, Schönheitsoperationen, Prostituierten und Geliebten, das alles musste raus“, erzählt Schimpfössl. Zusätzlich anonymisierte sie manche ihrer Gesprächspartner bis zur Unkenntlichkeit: „Diese Interviewten sollten sich selber nicht wiedererkennen: Das Gesagte korrekt wiederzugeben, dem Individuum aber einen anderen Kontext zu verleihen, das war eine Aufgabe, die meine Kreativität herausforderte“, kann sie heute darüber schmunzeln. Trotz gestrichener Passagen gewährt Schimpfössls Werk einen einzigartigen Einblick in das Leben der Reichen und Mächtigen Russlands: „Fast alle von ihnen haben sich im Westen ein zweites Leben aufgebaut. Sie wollen das in manchen Fällen gar nicht, aber alles ist so organisiert, dass sie innerhalb von zwei Tagen ihre ganze Familie in den Westen bringen können, um ein neues Leben anzufangen.“ Manche mussten das bereits tun; einer von Schimpfössls Interviewpartnern ist erst kürzlich mit seiner ganzen Familie nach London gezogen – gegen seinen Willen, hatte er in Russland doch erst kürzlich ein Museum zum russischen Impressionismus aufgebaut. „Ein anderer Milliardär hat das nicht geschafft und sitzt in Untersuchungshaft in Moskau und vegetiert vor sich hin. Es ist völlig unklar, wann der Gerichtstermin sein wird. Wenn es schlecht für ihn ausgeht, könnte er bis zu 18 Jahre in einem sibirischen Lagergefängnis, ähnlich einem Gulag, verurteilt werden“, erzählt die Soziologin. Bei ihrem intensiven beruflichen Engagement gelingt Schimpfössl der Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit selten: „Ich bin völlig überarbeitet. Im Sommer war ich eine Woche in Vorarlberg und jeden Tag auf einem Berg. Dort zu arbeiten war unmöglich, es war wunderbar, in diese andere Welt einzutauchen. Zurück in London war alles wieder beim Alten: Anforderungen an junge Menschen im Wissenschaftsbetrieb sind einfach zu hoch.“ Sich in den eigenen vier Wänden zu erholen, ist leider auch nicht ganz einfach, wie die Wahl-Britin erzählt: „Ich hatte eine wunderschöne Wohnung mit Blick auf die Themse, 2013 wurde ich aber leider rausgeschmissen, seitdem wohne ich in einem Mini-Zimmer wie aus einem Charles-Dickens-Roman. Ich ändere nur nichts an der Situation, weil ich sonst weit raus aus der Stadt ziehen müsste. Da ich ohnehin viel unterwegs bin, möchte ich meine Fahrten nicht zusätzlich verlängern.“ Bei ihren Besuchen in Vorarlberg genießt Elisabeth Schimpfössl die hohe Lebensqualität umso mehr: „Vorarlberg ist wunderschön und die Berge vermisse ich jeden Tag. Aber wieder hierher ziehen werde ich eher nicht, was würde ich denn beruflich machen?“, fügt sie lachend an. Realistisch betrachtet wäre es schon eine Herausforderung für sie, aus London wegzuziehen: „Die Stadt bietet einem an, immer wieder in Themen einzutauchen, nicht den Draht zu verlieren und Fragen wie der der reichen Russen nachzugehen.“

Lebenslauf

Am 24. Oktober 1979 wurde Elisabeth Schimpfössl geboren, sie ist in Rankweil aufgewachsen. Nach der Matura hat sie ein Magisterstudium in Russisch und Geschichte 2003 an der Universität Wien abgeschlossen, zwischen 2002 und 2007 folgte ein Bachelor- und Masterstudium in Soziologie. Das PhD-Studium absolvierte Schimpfössl in Politikwissenschaften und Russlandstudien an der Universität Manchester (2007 bis 2012). Seit Oktober 2017 arbeitet Elisabeth Schimpfössl an der Aston University in Birmingham in der Abteilung für Soziologie. Sie unterrichtet soziologische Theorien und Mediensoziologie. Aktuell hat sie ein Buch zum Thema „Reiche Russen“ veröffentlicht.

 

31.08.2018

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 Elisabeth Schimpfössl ist in Rankweil aufgewachsen und lebt seit 2007 in London. Die Soziologin spricht Russisch und unterrichtet an der Aston University. Ihr wissenschaftlicher Schwerpunkt ist die Eliten-Forschung.

Sabine Barbisch

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