Fritz Jurmann

*1942 in Wien, seit 1950 in Vorarlberg, Musikjournalist (regelmäßige Kritiken für VN und KULTUR), Allround-Musiker (Band „Cravallos“ bis Orgelkonzerte), 1968 bis 2003 Musikredakteur im ORF Vorarlberg (ab 1984 leitend) mit Sendungen über das Musikleben in Vorarlberg in TV (30 Dokumentationen) und Hörfunk (Festival-Übertragungen, „Sonntagsmelodie“) Foto: Dietmar Mathis

Kein Rock und Pop bei Radio Vorarlberg

März 2026

Erinnerungen an die Radiosendung „Pop-Lädele“ 1978–1990

Es hat in meinen 35 Jahren als spartenübergreifender Musikchef im ORF Vorarlberg (1968 – 2003) viele markante Einschnitte gegeben. Einen besonderen Platz in meinen Erinnerungen nehmen die ersten Jahre ein. Es waren für mich die vielleicht schwersten, rückblickend betrachtet aber auch die spannendsten und nachhaltigsten. Es ging um nichts weniger, als aus dem Stand heraus der jungen Pop- und Rock-, später auch der Jazz- und Folkszene im Vorarlberg der späten Sechziger und beginnenden Siebziger eine Plattform im Programm eines öffentlich-rechtlichen Senders zu verschaffen, sie dort als Fixpunkt zu etablieren.
Die neuen technischen und publizistischen Möglichkeiten beim ORF-Radio sprachen sich wie ein Lauffeuer in der Szene herum. Ich wurde damals buchstäblich überrannt von jungen Musikern des Landes mit ihren Bands, kaum dass ich mit 2. September 1968 als neuer „Referent für Unterhaltungsmusik“ (wie das so schön beamtenmäßig hieß) dort angedockt hatte. Sie witterten, angesteckt von den internationalen Strömungen der Rock- und Pop-Szene mit den 1962 gegründeten Beatles oder Rolling Stones als Vorbildern, auch im Ländle Morgenluft und wollten nun ihre eigenen Ideen, ihre Musik bei uns dokumentiert und via Radio promotet haben.
Unsere Technik für Musikproduktionen war anfangs zwar noch äußerst dürftig ausgestattet, wir hatten auch noch nicht einmal ein eigenes Funkhaus, sondern residierten zusammengepfercht in engen Büros im zweiten Stock des Dornbirner Rathauses. Aber wir boten damals, als es noch weit und breit kein privates Tonstudio im Land gab, einfach als Erste und Einzige die Möglichkeit für professionelle Musikaufnahmen, auch im Pop-Bereich. Vor allem aber hatten wir damals alle zusammen den Biss und den festen Willen, dem zarten Pflänzchen Rock und Pop in Vorarlberg auf diesem Weg zu einer eigenen Identität, zu einer stärkeren Wahrnehmung in der breiten Öffentlichkeit zu verhelfen.

Ein Programm bemühter Heimatverbundenheit 
Ein Stück Pionierarbeit war zunächst dafür notwendig, denn neben den technischen gab es in diesen ersten Jahren für mich als Verantwortlichen vor allem auch ideologische und inhaltliche Schwierigkeiten en Masse sowie viele eingefahrene Vorurteile zu überwinden. Das Programm von Radio Vorarlberg war damals in seiner bemühten Heimatverbundenheit vor allem ein Hausfrauenradio, konservativ klerikal ausgerichtet und von einer verschwitzten Moral geprägt. Es spiegelte den Mief sittsamer, gottesfürchtiger Bürgerlichkeit und größtmöglicher Angepasstheit an die Kulturpolitik des Landes, die von Landeshauptmann Dr. Herbert Kessler persönlich vorgegeben und restriktiv gesteuert wurde.
Er hatte bei der Bestellung des jeweiligen ORF-Landesintendanten ein gewichtiges Wort mitzureden, und Kessler fand in dem gebürtigen Oberösterreicher und ehemaligen Seelsorgeamtsleiter Dr. Walther Tölzer als Intendanten ab 1967 einen willigen Erfüllungsgehilfen. Dieser hatte nun sorgsam darüber zu wachen, dass da im Sendeschema von Radio Vorarlberg ja keine unerwünschten Tendenzen oder gar neuartige Strömungen Fuß zu fassen vermochten.
Im Musikbereich war neben den Wunschkonzerten am Wochenende die so genannte „Gehobene Unterhaltungsmusik“ sehr gefragt, eine Mischung aus verstaubter Salonmusik zwischen „Heinzelmännchens Wachtparade“ und „Gebet einer Jungfrau“, dazu als Ergänzung bevorzugt gesungene Operettenseligkeiten mit Rudolf Schock und Anneliese Rothenberger.

Das „Pop-Lädele“ wie ein Blitz aus heiterem Himmel
Der Einbruch von Rock und Pop in diese heimelige akustische Wohlfühl-Oase im Programm von Radio Vorarlberg bedeutete nun für viele Zuhörer und Zuhörerinnen eine Ungeheuerlichkeit. Da kamen plötzlich diese „Jungen Wilden“ und warfen alles über den Haufen, was man bisher fein säuberlich an Anstand und Sitte bewahrt hatte. Das wirkte wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Dabei hatte es einer längeren Überlegungsphase mit regelmäßigen Studioproduktionen in den Siebzigern bedurft, bis 1978 erstmals an einem Freitag Vorabend eine Sendung wie das nun längst überfällige „Pop-Lädele“ als erste eigene Fläche ausschließlich mit dieser Musik auf Sendung gehen konnte. Jedenfalls war unbestritten, dass die Sängerin Gerty Sedlmayr mit ihrem geschliffenen Mundwerk die rechte Moderatorin für die Präsentation von Musik der damals wichtigsten Leute aus dem Pop-, Rock- und Jazzbereich des Landes sein sollte.
Tatsächlich blieben auch spontane Reaktionen aus dem Hörerkreis nicht aus – begeisterte wie vernichtende. Das „Pop-Lädele“ kam freitags um 18.30 Uhr, also nicht in der „Prime-Time“, wie man heute sagen würde, aber genau zum Abendessen der Familie in der gutbürgerlichen Stube. Zudem bedeutete für manche schon die Signation der Sendung mit Reinhold Bilgeris unverschämten Lacher eine Provokation.

Am Montag zum Rapport
Die Zuschriften und Anrufe der Hörerschaft in Sachen Pop im Programm wurden natürlich sorgfältig registriert, und in regelmäßigen Abständen wurde ich am Montag zum Intendanten zum Rapport vorgeladen, der mir mit besorgter Miene sagte, so könne das nicht weitergehen, obwohl es damals noch weit und breit keinerlei private Konkurrenz oder den heutigen Quotendruck gab. Trotzdem: Man könne, meinte Dr. Tölzer, nicht Programm gegen die Hörer machen.
Allen Vorbehalten und vielen Schwierigkeiten zum Trotz produzierten wir munter weiter, im Saal des inzwischen der Spitzhacke zum Opfer gefallenen Dornbirner Gasthauses „Schlossbräu“, der uns als Aufnahmeraum diente. Die gute Akustik, vor allem bei Schlechtwetter, war einer seiner ganz wenigen Vorzüge, dafür fehlte es rundum am Notwendigsten. In einem fast wie improvisiert wirkenden Regieplatz mit oft selbstgebastelten und überalterten Geräten produzierten wir damals noch auf „Schnürsenkel“, wie die fixe Abmischung im Moment der Aufnahme auf ein 38 cm-Tonband im Zweikanal-Verfahren, einer Art Pseudo-Stereophonie, genannt wurde. Im Saal war es im Winter oft eiskalt, im Sommer drückend heiß, es stank manchmal elendiglich nach Sauerkraut, wenn der Wirt für seine Stammgäste gerade eine Schlachtpartie veranstaltete, nebenan läuteten von der Oberdorfer Kirche die Glocken oder es lud die Mohrenbrauerei oft stundenlang mit viel Geklapper ihre leeren Bierkisten ab. Dinge, die unsere Aufnahmen empfindlich störten.

Professionelle Produktionsmöglichkeiten im neuen Funkhaus
1972 kam dann das neue, in seiner Architektur und Funktionalität allseits bewunderte Funkhaus in Dornbirn, im Volksmund nach seinem Erbauer Gustav Peichl damals auch „Peichl-Torte“ genannt. Dieser föderalistische Paukenschlag bescherte uns endlich angemessene Produktionsmöglichkeiten mit einem nach damaligen Begriffen von einer Spezialfirma modernst ausgestatteten Musik-Regieplatz, der nun natürlich in perfekter Stereophonie alle Stückchen spielte. Die tollste Errungenschaft für uns aber war eine Vierspur-Maschine, mit der man nun einzelne Instrumente getrennt aufnehmen und in einer gesonderten Sitzung später nach Belieben abmischen und damit den endgültigen Sound bestimmen konnte. Damals entstanden im ORF Produktionen mit den wichtigsten heimischen Bands der Zeit, aber auch so Bleibendes wie „Oho Vorarlberg“ mit Reinhold Bilgeri und Michael Köhlmeier, die damals unter „Ray & Mick“ firmierten und damit unsere heimliche Landeshymne schufen.
Fritz Stroppa, der als Tonmeister inzwischen die Pop-Agenden übernommen hatte und mit der Zeit zu einer von den Musikern seiner Strenge wegen allgemein gefürchteten, aber respektierten Legende wurde, freute sich damals wie ein Kind über diese bahnbrechenden Neuerungen. Und so erreichten wir mit der Zeit als „Duo Fritz & Fritz“ gemeinsam – er als Tonmeister im technischen Bereich, ich als Aufnahmeleiter für die musikalische Qualität –, dass unsere Produktionen von der heimischen Szene zunehmende Professionalität erhielten.
Mit den neuen Möglichkeiten im Funkhaus schwanden auch immer mehr die Angriffe von innen und außen auf die Popkultur im Land und ihre führenden Protagonisten, die nun regelmäßig im neuen Haus verkehrten: etwa Armin Egle, Heli Burtscher und Reinhold Bilgeri mit „Clockwork“, „Mülltonne“ mit Gerty Sedlmayer, „Head First“, „Twist of Fate“ oder Formationen, die vor 50 Jahren im damaligen Geniestreich eines Dornbirner Jazzseminars von Universal-Bassist Rolf Aberer und Benny Gleeson gegen viele Widerstände ein Eigenleben entwickelten. Es gab mit der Zeit sogar so etwas wie eine Lobby im Land für diese neuartigen Klänge. Mit Sicherheit hat der Sensationserfolg des internationalen „Woodstock-Festivals“ 1969 manches Umdenken auch bei uns bewirkt, auch lokale kulturpolitische Marksteine wie das Festival „Flint“ 1970 und dessen theatralisch zu Grabe getragene Zweitauflage ein Jahr später, auch die Bregenzer Randspiele von 1972 bis 1976, haben bestimmt zu einer Öffnung und Erweiterung des Denkvermögens mancher Zeitgenossen von damals beigetragen.
Die Jugend und die kritischen Geister des Landes haben sich in der Folge einfach nicht mehr alles gefallen lassen, was ihnen von der Kulturpolitik des Landes aufgezwungen wurde, und Sendungen wie das „Pop-Lädele“, das sich in weit über 100 Folgen munter über fünf Jahre bis 1990 gehalten hat, haben dieser Strömung jenen Platz geboten, den die Musiker für ihre öffentliche Wahrnehmung und Akzeptanz gebraucht haben.

Gerty Sedlmayr

Über 13 Jahre hinweg war sie die Seele des „Pop-Lädele“. Die Schlagzeile von 1984: Pop-Mädele macht „Pop-Lädele“.
Im Dialekt sprechend moderierte sie jugendlich frisch und frech die neue Sendung, für die sie auch inhaltlich verantwortlich war. Bei der ersten Ausstrahlung war sie erst 23 Jahre alt, aber bei weitem kein unbeschriebenes Blatt.
Die Dornbirnerin war Rock- und Pop-Fans längst ein Begriff, mischte sie doch kräftig in der heimischen, von Männern dominierten Musikszene mit. Auf einer soliden Ausbildung an den Konservatorien von Innsbruck und Bern aufbauend prägte sie verschiedene Bands, wie „Mülltonne“, „Glasshouse“ oder „Good Morning“ und produzierte nebenbei auch noch Kinderhörspiele.
An immer wieder anderen Sendeplätzen und mit unterschiedlicher Frequenz war die Sendung über die Jahre zu einer Institution bei Radio Vorarlberg geworden. Der Schreck und die Enttäuschung war daher umso größer, als 1990 das „Pop-Lädele“ ohne Vorwarnung abgesetzt wurde, offiziell einer „Programmreform“ zum Opfer fallend. Da nutzte auch ein Leserbrief von Jazz-Urgestein Sigi Konzett nichts mehr: „Es war immer interessant, von heimischen Musikern deren neue Projekte im Radio zu verfolgen. Ebenso die Interviews, die gekonnt von G. Sedlmayr geführt wurden. Und nun soll auf einmal Schluß sein! (Schlagzeile von 1990: „Kein Bock auf Rock“)

Die legendäre Radiosendung „Pop-Lädele“ aus den 1980er-Jahren schien unwiederbringlich verloren, da sie im ORF-Vorarlberg- Archiv nicht auffindbar war. Bis der Musiker und Autor Peter Bader vor etwa zehn Jahren der Landesbibliothek 132 Folgen überreichte, die er zuhause mit dem Kassettenrekorder aufgenommen hatte. Schon als Teenager hatte er damals das Gefühl, dass es sich dabei um eine wichtige Quelle handeln könnte. Gerettet war somit ein Stück Medien- und Musikgeschichte Vorarlbergs. Nachzuhören im Radio- und Fernseharchiv der Vorarlberger Landesbibliothek.

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