Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

Vom Drang nach Neuem

Juni 2026

Der Innovationsbericht 2026 der Wirtschaftsstandortgesellschaft liegt vor: Die Ausgaben der Vorarlberger Unternehmen für Forschung und Entwicklung sind stabil bis steigend. F&E-Fachkräfte bleiben gefragt, Nachfrage herrscht vor allem nach technischem Fachwissen.

Künstliche Intelligenz und Digitalisierung sind auch hierzulande die dominierenden Zukunftstechnologien. Vorarlberger Unternehmen haben eine hohe Innovationskraft, könnten allerdings mehr Projekte für eine Förderung einreichen. Und das Ökosystem der überbetrieblichen Forschung entwickelt sich laut den Zuständigen in die richtige Richtung. Das sind drei zentrale Erkenntnisse aus dem von der Wirtschaftsstandortgesellschaft erstellten Innovationsbericht 2026, der Anfang Juni von der Wisto in einer Förderveranstaltung vorgestellt wurde.
 
Stabil bis steigend
Der Bericht selbst beginnt mit der guten Nachricht, dass die Ausgaben der Unternehmen für Forschung und Entwicklung stabil bis steigend sind. Etwas detaillierter: An dem im Bericht enthaltenen Innovationsbarometer – einer von der WISTO zwischen Februar und April durchgeführten Umfrage - hatten sich 57 überwiegend mittelgroße und große Vorarlberger Unternehmen quer durch alle Branchen beteiligt. Demnach rechnen 60 Prozent mit gleichbleibenden, 35 Prozent mit steigenden F&E-Ausgaben. Nur vier Prozent planen Einsparungen in diesem Bereich. In Zeiten wie diesen, sagt Heinzl im Gespräch mit Thema Vorarlberg, sei der Umstand, dass sich die konjunkturelle Delle offenbar nicht auf die F&E-Tätigkeit der Unternehmen auswirke: „Eine gute Nachricht.“ Und das in gleich zweifacher Hinsicht. Denn zum einen würden viele Vorarlberger Unternehmen ihrem Willen zur ständigen Innovation und damit ihrem Geschäftsmodell treu bleiben. „Und zum anderen“, erklärt Heinzl, „kann eine stärkere Innovationstätigkeit durchaus auch als Frühindikator einer wieder anspringenden Konjunktur gesehen werden.“ Und doch bleibt: Luft nach oben.
 So steht im Bericht auch: „Marktbedingte Verwerfungen, fehlende Ressourcen für F&E-Projekte sowie hoher Qualifizierungsbedarf im Bereich des technischen Expertentums bei KI hemmen unternehmerische Innovationsleistungen der Vorarlberger Betriebe.“
 
Fachwissen gefragt
 Analog zeigt der Innovationsbericht, dass entsprechende F&E-Fachkräfte gefragt bleiben: Mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen sucht personelle Verstärkung, wobei technisches Fachwissen, digitale Qualifikationen und Innovationsmanagement gefragt sind. Zitiert wird Jamine Ponudic von Fusonic, zuständig für Prozessbegleitung und Organisationsbegleitung: „Innovationskraft entsteht dort, wo qualifizierte Menschen auf Strukturen treffen, in denen sie ihr Wissen wirksam entfalten können.“ Laut Innovationsbericht melden 77 Prozent der befragten Unternehmen Patente oder sonstige Schutzrechte an, im Schnitt gibt es 4,5 Neuentwicklungen pro Betrieb pro Jahr.
 
Eine hohe Quote
Laut Innovationsbericht betreiben 94 Prozent dieser befragten Unternehmen Forschung und Entwicklung und haben 88 Prozent eine eigene F&E-Abteilung. Den befragten Unternehmen ist – mit wenigen Ausnahmen - eine hohe Exportquote gemein. Innovation und Export stehen in engem Zusammenhang. In einer Beschreibung des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung heißt es: „Innovative Unternehmen exportieren mit einer höheren Wahrscheinlichkeit und erzielen einen höheren Anteil ihrer Umsätze im Export als Nichtinnovatoren. Die Innovations- und Exporttätigkeiten von Unternehmen sind somit eng verknüpft. In Betrieben, die sowohl exportieren als auch Innovationen einführen, wachsen Beschäftigung und Produktivität im Durchschnitt schneller als in anderen Unternehmen.“
 
Das Fundament
 Vorarlbergs exportierende Unternehmen sind mit ihren Produkten, Verfahren und Dienstleistungen auf Wettbewerbsmärkten tätig. „Dieser Wettbewerb“, sagt Heinzl, „lässt sich nicht über den Preis gewinnen, sondern einzig über Qualität und Innovation. Denn in Märkten mit hohem Qualitätsbewusstsein und hohen qualitativen Standards verkauft der Zweitbeste genau gar nichts.“ Entsprechend hoch sei die Innovationskraft der hiesigen Unternehmen, wobei das auch „mit deren Drang zum Neuen“ zu tun habe. Heinzl sagt: „Das Fundament unseres wirtschaftlichen Erfolges ist tatsächlich die hohe Innovationskraft.“ Auch WKV-Präsident Karlheinz Kopf erklärt, dass die Unternehmen mit ihren eigenbetrieblichen Innovations- oder F&E-Aktivitäten die Schlüsselplayer für Innovationskraft seien: „Ihre Übersetzungsleistung von Forschung in konkrete Innovationen, die auf den Märkten wettbewerbsfähig sind und nachgefragt werden, schafft die Basis für Fortschritt und Wachstum. Für mehr Innovationskraft im Land brauchen wir insgesamt mehr Unternehmertum – und mehr Freiheit für das Unternehmertum.“
 
Die große Herausforderung
Mit Blick auf die umkämpften Weltmärkte wird Kopf noch deutlicher. Im globalen Wettbewerb um Wachstum sei Innovation der entscheidende Erfolgsfaktor: „Nur Innovationen ermöglichen Produktivitätsfortschritte als unverzichtbare Basis für Löhne und Gehälter, die breiten Wohlstand, gesellschaftliche Stabilität und sozialen Frieden gewährleisten. Von unserer Innovationskraft hängt letztlich der Bestand unseres gesamten Wirtschafts- und Sozialmodells ab.“ Österreich und Europa würden jedoch derzeit Gefahr laufen, gegenüber den USA und Asien zurückzufallen. Noch ist die Europäische Union eine der reichsten Regionen der Welt. Asien wird das 21. Jahrhundert aber entscheidend beeinflussen. China wird bis 2050 zur größten Volkswirtschaft der Welt werden.“ Und das heißt: Die Dynamik anderer Länder bringt Österreich unter Zugzwang. Die große Herausforderung für Österreich und für Vorarlberg liege also darin, „mit den besten Talenten und Ideen wirksame Innovationen für mehr Wertschöpfung zu schaffen. Es muss uns noch besser gelingen, die Ergebnisse von Forschung und Entwicklung in marktfähige Produkte und Dienstleistungen zu transformieren.“
 
„Grundvernünftig“
Ein kurzer Einschub? Innovation hat verschiedene Ausprägungen, sie kann disruptiv sein oder inkrementell. Während im Rahmen der disruptiven Innovation vollkommen neue Produkte, neue Dienstleistungen oder neue Prozesse entwickelt werden, handelt es sich bei einer inkrementellen Innovation in erster Linie um die evolutionäre Weiterentwicklung von einem Produkt oder einer Dienstleistung. Vorarlbergs Unternehmen sind sehr gut in dieser schrittweisen, inkrementellen Innovation. Und wenn Kritiker mitunter bemängeln, dass radikale Neuerungen hierzulande weitestgehend ausbleiben, dann kontert Heinzl.
Denn eine radikale Innovation werde weder zwingend noch schnell ein Markterfolg, sagt der Geschäftsführer der Wirtschaftsstandortgesellschaft: „Wer dagegen inkrementell innoviert, kennt den Markt und weiß, was der Markt nachfragt.“ Eine schrittweise Verbesserung eines bereits bestehenden Produkts ist in diesem Sinn die konkrete Lösung einer Problemstellung im Marktbetrieb: „Und deshalb ist dieser starke Fokus auf die angewandte Forschung grundvernünftig für Vorarlberger Unternehmen.“ Man könnte auch sagen: Innovation entsteht dort, wo Forschung neues Wissen liefert und Entwicklung daraus praktikable Lösungen für Wirtschaft und Gesellschaft schafft.
 
Kooperationen
Noch ein Aspekt aus dem Bericht: „Für 77 Prozent der Unternehmen ist Innovation kein Tüfteln im stillen Kämmerlein, sondern gelebte Open Innovation durch Kooperation.“ Am häufigsten genannt werden dabei unternehmensübergreifende Partnerschaften, gefolgt von der Zusammenarbeit mit Forschungsinstitutionen, wie zum Beispiel im Verbund mit der FHV. Interessant auch: 75 Prozent der befragten Unternehmen sprechen sich für einen weiteren Ausbau überbetrieblicher Forschungsstrukturen aus. 78 Prozent nutzen Forschungs- oder Innovationsförderungen. Aber es gibt auch kritische Stimmen. Demnach nennen die Unternehmen, die keine Förderungen in Anspruch nehmen, vor allem einen hohen administrativen Aufwand, unpassende Förderprogramme oder negative Erfahrungen in der Projektabwicklung als Gründe.
 
„Fördert den Versuch“
Wolf Lotter, Publizist und Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins Brand eins, beschäftigt sich nach eigenem Bekunden bereits lange mit dem Begriff der Innovation. In einem Buch zur Sache, einer „Streitschrift für barrierefreies Denken“, schreibt der Österreicher, dass Innovation nicht in Seminaren und nicht in langweiligen Meetings geschaffen werde: „Innovation entsteht vielmehr dort, wo Unternehmen arbeiten.“ Ihm zufolge ist Innovation „das Kind einer Kultur der Neugier, verbunden mit Geduld und Durchsetzungsvermögen.“ Lotter schreibt auch: „Innovatoren sind Unternehmer. Ihre Arbeit braucht Begeisterung, Ausdauer, Nüchternheit, Know-how, Leidenschaft, Pragmatismus, von allem reichlich. Sein Rat: „Fördert das Experiment, den Versuch, das Ausprobieren – und lasst die, die das tun, in Ruhe.“
 
Erfolgreich
Im Kontext des Berichts äußerten sich die beiden jungen Unternehmer zum Thema Innovation: Clemens und Noa Fröwis, Mitgründer und Mitgründerin des jungen Dornbirner Unternehmens Metriqa. Mit ihrem Start-up haben sie eine Plattform entwickelt, die die Performance von Unternehmen, Städten und Institutionen analysiert – und mit international wählbaren Marktbegleitern vergleicht. Benchmarks von Mitbewerbern auf Knopfdruck? Das junge Unternehmen bietet genau das an. Laut den Betreibern – Clemens Fröwis hat das Start-up gemeinsam mit Noa Fröwis, Juraj Ivkovac und Viktor Beck gegründet – wird damit datenbasiertes Handeln mit Struktur ermöglicht. Was Metriqa anbietet, ist neu. Denn bisher, sagt Mitgründerin Noa Fröwis, würden „viele Parameter häufig isoliert betrachtet, ohne systematischen Vergleichsrahmen, ohne klare Priorisierung.“ Das Start-up setzt da an. „Statt vager Eindrücke werden präzise Analysen, Trends und Kennzahlen analysiert, die eine sichere Grundlage für strategische Entscheidungen und gezielte Maßnahmen schaffen“, heißt es auf der Homepage des Unternehmens. Einher geht das Ganze mit KI-gestützten Empfehlungen: Auf Basis der erhobenen Daten werden konkrete Handlungsvorschläge formuliert, zur tatsächlichen Verbesserung der digitalen Performance.
 Der Managementberater Hermann Simon sagt übrigens: „Wir messen, wenn wir ein Unternehmen bewerten, die Anlagegüter. Aber was an Wissen, Innovationspotenzial, Motivation in einem Unternehmen steckt, ist für die Zukunft viel entscheidender.“

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