Andreas Dünser

Chefredakteur "thema vorarlberg" (andreas.duenser@themavorarlberg.at)

„Es ist eine implizite Leugnung“

Juni 2026

Stephan Lessenich, Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, rechnet in einem aktuellen Essay mit einem gesellschaftlichen Problem der heutigen Zeit ab: So zu tun, als ob nichts wäre. „Und nicht minder zynisch“, sagt Lessenich im Interview, „ist so zu tun, als ob man etwas täte.“ Ein Gespräch über den Klimawandel, über die vermeintliche Ökoavantgarde – und „skurrilste Verrenkungen statistischer Art.“

Als ob nichts wäre: Ihr Essay trägt einen programmatischen Titel … 
Das ist die kollektive Handlungsweise in dieser Gesellschaft. Große gesellschaftliche Mehrheiten wissen um den Klimawandel und dessen Folgen und die Nichterreichbarkeit der Klimaziele und gehen dennoch sozusagen pfeifend durch den Wald. Als würde um uns herum nichts geschehen, was uns eigentlich zwingend veranlassen müsste, unsere Gesellschaft radikal zu verändern. Man tut, als ob nichts wäre, das ist der Kollektivtenor.

Aus den Augen aus dem Sinn? Das lässt sich wohl auch auf andere Bereiche ausdehnen. Beispielsweise auf den Krieg in der Ukraine …
Ja. Die Ukraine fällt einem zuerst ein. Vor unserer Haustüre sterben Tausende von Menschen, seit mittlerweile vier Jahren, und es berührt eigentlich niemanden mehr außerhalb der ukrainischen Community. Es hat sich normalisiert. Das gilt auch für das Migrationsthema und das Sterben an den EU-Außengrenzen. Als ob nichts wäre. Ich habe übrigens neulich in der FAZ einen Artikel gelesen, den ich mir gleich für unser Gespräch ausgeschnitten habe.

Was stand in dem Artikel?
Es war ein Bericht aus dem Wirtschaftsteil. Da stand, dass die Treibstoffversorgung für die Sommerflüge gesichert sei. Man müsse sich also keine Sorgen machen um die Straße von Hormus und den Krieg dort unten oder die weltwirtschaftlich weitreichenden Folgen dieses Konflikts. Hauptsache ist: Der Urlaub ist im Kasten. Diese Botschaft trifft einen Nerv des kollektiven Handelns und Verhaltens, Denkens und Fühlens.

Dafür verfolgt die Öffentlichkeit wochenlang das Schicksal des Wals Timmy. 
Ja. Wobei das ein Irrsinn für sich ist. Dass zeitgleich Millionen von Puten gekeult werden und Millionen von Schweinen und Rindern, davon will man nichts wissen. Von wegen Tierliebe. Aber offensichtlich braucht es einen Wal und der einen Kosenamen, damit die Menschen ihre Ängste, Sorgen, Bedürfnisse und Wünsche projizieren können. Aber das Schicksal eines Wals ist dann möglicherweise doch keines unserer essenziellen Probleme …

Sie schreiben: Die mittlerweile normalisierte Form des Umgangs mit ungeliebten Problemen ist jene der Distanzierung. 
Es ist eine Form von Distanznahme von den eigentlich bekannten, gewussten, bewussten existenziellen Problemen. Und es kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Klimawandel ein existenzielles Problem ist. Der Klimawandel ist vielleicht das langfristig existenzielle Problem dieser Gesellschaft, weil er die materiellen Grundlagen dieser Gesellschaft maßgeblich infrage stellen wird. Und das ist noch nicht einmal die schärfste Formulierung.
Man kann durchaus mit Recht sagen: Es ist mehr als nur eine Distanzierung. Es ist eine implizite Leugnung. Wir sind als wohlmeinende, gut informierte und politisch positionierte Personen zwar immer bereit, jene als irre Verschwörungstheoretiker zu verurteilen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen. Aber wir selbst nehmen die Realität, die Existenzialität dieses Problems, ja auch nicht zur Kenntnis.

Wie meinen Sie das?
Wir schieben’s zur Seite oder an den Horizont irgendeiner entfernten Zukunft oder lassen es hinter uns, wie auch immer. Und das ist faktisch ebenfalls eine Verleugnung. Eine Verleugnung dessen, dass wir in keiner Weise gesellschaftlich angemessen auf dieses Problem reagieren. 

Bevor sich jetzt bestimmte Gruppen in ihren moralischen Urteilen bestätigt sehen, soll eines gesagt sein: Sie teilen in Ihrem Essay nach allen Richtungen aus, nennen das Ziel der Klimaneutralität nichts anderes als: Eine veritable Mogelpackung.
Diese angebliche Klimaneutralität ist lediglich eine Beruhigungspille. Ich wohne in Frankfurt. Ich kenne die bauliche Beschaffenheit, ich kenne den Verkehr. Jetzt hat sich diese Stadt vorgenommen, 2035 klimaneutral zu sein. Dabei weiß jeder Mensch, der bei Sinnen ist, dass es unmöglich ist, diese Stadt klimaneutral zu bekommen. Oder jede andere beliebige größere oder kleinere Stadt der westlichen industrialisierten Welt, oder auch der industrialisierten Welt über den Westen hinaus. Das geht nicht. Es gilt für Städte, gilt für Länder, gilt für Staaten: Man muss skurrilste Verrenkungen statistischer Art machen, um diese angebliche Klimaneutralität auch nur irgendwie errechnen zu können. 

Verrenkungen welcher Art?
Unberücksichtigt bleibt in einer solchen Bilanzrechnung die Treibhausgasbelastung all jener Güter und Rohstoffe, die im Ausland produziert oder gefördert und im Inland konsumiert oder weiterverarbeitet werden, vom russischen Erdgas bis zur spanischen Tomate, vom indischen T-Shirt bis zum chinesischen Notebook. All das taucht in hiesigen ‚Erfolgsbilanzen‘ einer Reduktion von Emissionen nicht auf. Das sind Milchmädchenrechnungen, das ist ein Täuschungsversuch. Politiker wollen wiedergewählt werden, und verkünden deshalb solche Ziele und deren Erreichbarkeit; aber auch große gesellschaftliche Mehrheiten wollen, dass ihnen genau das suggeriert wird. Ich nenne das ein Gleichgewicht des Schreckens.

Nicht minder zynisch sei: So zu tun, als ob man etwas täte.
Beides ergänzt sich. Die einen tun so, als ob nichts wäre, und die anderen tun so, als ob sie etwas täten. Das ist nicht minder zynisch. Es ist ein großer gesellschaftlicher Selbstbetrug, die ultimative Form simulativer Politik: Von der Brücke der Titanic wird pflichtschuldigst Problembearbeitung signalisiert, was die Gäste an Bord mit aufatmender Leichtgläubigkeit quittieren. Hauptsache, die Reise kann ungehindert weitergehen. Bis auf Weiteres …

Sie rechnen auch mit der von Ihnen so bezeichneten Ökoavantgarde ab.
Mir geht es in der gesamten Debatte nicht um Individuen, die im Alltag durchaus ehrenvolle Praktiken ausüben. Mir geht es um ein bestimmtes selbstgerechtes Milieu, das sich gesellschaftlich gut positionieren kann, weil es von sich selbst behauptet: Wir sind die Guten. Und wären alle so wie wir, dann hätten wir das Problem gelöst. Lächerlich. Es gibt eine selbsternannte Ökoavantgarde, die sich mit sozialen Distinktionsgewinnen gegenüber den angeblich bildungsfernen und also ökologiefernen Schichten schmückt. Dabei wissen wir aus entsprechenden Statistiken, dass gerade dieses Milieu keinen kleineren ökologischen Fußabdruck hat.

Nein?
Man erfreut sich am ganzjährigen Biokonsum tropischer Früchte, fährt elektrogetriebene Schwerstautomobile – oder legt Konsumpraktiken beispielsweise des Reisens an den Tag, die im Fall von Fernflügen die gesamte Klimabilanz dieser Menschen von heute auf morgen für mehrere Jahre ruinieren. Wobei ich nicht moralisieren will. Ich will diesen Leuten nicht zurufen, sie sollten sich schämen. Ich will, dass man die gesellschaftliche Dimension dieses Problems erkennt und dass diejenigen, die sich selbst für reflektiert und avanciert halten, eines erkennen: Dass wir uns kollektiv in die Tasche lügen. Das wäre das Ziel.

Das Ziel?
Das einzige Ziel, das in relativ kurzer Frist überhaupt erreichbar ist: Dass diese Gesellschaft, vermittelt über ihre öffentlichen Debatten und Diskurse, sich Rechenschaft darüber ablegt, was hier eigentlich los ist. Man muss reinen Tisch machen. Und darf sich nicht länger in die Tasche lügen, als ob man entweder durch technologische Innovation oder durch Verhaltensänderung auf individueller Ebene das Problem des Klimawandels irgendwie in den Griff bekommen könnte. Das wird nicht der Fall sein. Und das stille Einvernehmen wird sich auch nicht mehr aufrechterhalten lassen, wenn die Sommer noch heißer werden, wenn noch mehr Klimamigration an unsere Türen pocht, wenn Ressourcenströme unterbrochen werden, wenn klimabedingte Ressourcenkonflikte kriegerischer Art sich verschärfen. Man muss das in so düsteren Farben malen. Ist es bei Ihnen in Vorarlberg Ende Mai eigentlich auch so heiß?

Ja. Nur: Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man resignieren. Aber Resignation kann ja nicht die Lösung sein.
Da haben Sie einen guten Punkt! Ich will mit meinem Text und mit meinen Argumenten keinen Anstoß zu Depression und Untätigkeit geben. Ich will, dass diese Gesellschaft kollektiv aus ihrem langen Winterschlaf aufwacht. Die Menschen müssen sich bewusst sein, dass kein umweltpolitischer Maverick kommen wird, der, zufällig irgendwie in ein Amt gewählt, mit Entscheidungsgewalt die Sache durchzieht. Diese Gesellschaft muss sich selbst aufklären.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Stephan Lessenich, * 1965 in Stuttgart, ist Professor für Gesellschaftstheorie und Sozialforschung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Direktor des Instituts für Sozialforschung. Zuletzt erschienenes Buch von Lessenich ist „Nicht mehr normal. Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs“, 2022, Hanser Berlin. Der Essay, der Basis dieses Interviews ist, trägt den Titel „Als ob nichts wäre“. Er ist im Sammelband „Gesellschaften unter Handlungszwang“ erschienen, Bertz + Fischer, 2025, Lessenich ist Mitherausgeber.

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