Diana Panzirsch

Keynote Speakerin, Podcasterin und Mutmacherin 

Fachkräftemangel? Das größte Potenzial sitzt längst im Haus

Juli 2026

Das größte ungenutzte Potenzial liegt nicht auf dem Arbeitsmarkt. Es sitzt bereits in den Unternehmen – und verschwindet still.

Vorarlberg bietet viel – hohe Lebensqualität, Familienunternehmen mit Generationenwissen, Weltmarktführer – und trotzdem kämpft die Region seit Jahren gegen denselben Engpass wie alle anderen: zu wenige Fachkräfte. Was im Wettbewerb um die besten Köpfe allerdings gerne übersehen wird? Das brach liegende Potenzial im eigenen Unternehmen in Form von Mitarbeitenden, die liefern, aber nicht performen. Ein Widerspruch? Mitnichten. Denn wir sprechen nicht von innerer Kündigung oder Burnout – das ist das laute Ende. Wir sprechen von der stillen Mitte. Von Menschen, die jeden Morgen kommen, liefern, funktionieren, und dabei still und unbemerkt auf bis zu dreißig Prozent ihrer Möglichkeiten verzichten. Keine Eskalation, kein HR-Gespräch, kein Abgang – nur schleichendes Potenzial, das teurer ist als jedes Burnout.

Ein Rechenbeispiel
Bei einem Vorarlberger Durchschnittsgehalt von rund 51.000 Euro brutto im Jahr (laut aktuellen Gehaltsvergleichen) bedeuten bis zu 30 Prozent weniger Engagement einen Produktivitätsverlust von über 15.000 Euro – pro Person, pro Jahr. Im durchschnittlichen Vorarlberger Betrieb mit rund 150 Mitarbeitenden summiert sich das auf knapp 2,3 Millionen Euro. Eine Summe, die in keinem Jahresbericht auftaucht, aber reale Folgen für Wachstum, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit hat.
Wer das für theoretische Mathematik hält, ist eingeladen, im aktuellen Gallup Engagement Index 2025 handfeste Belege zu finden. Mitarbeitende mit hoher emotionaler Bindung fehlen 41 Prozent seltener als jene ohne Bindung. Und während nur 3 Prozent der hoch Gebundenen aktiv auf Jobsuche sind, sind es bei den emotional Ungebundenen 39 Prozent. Das sind Zahlen für Deutschland, doch österreichische Umfragen zeichnen dasselbe Bild. Laut IMAS Jobwechselradar beispielsweise sind mehr als 40 Prozent der Beschäftigten hierzulande offen für einen neuen Arbeitsplatz.
Vorarlberg investiert enorm in Rekrutierung, politisch, wirtschaftlich, strukturell, und trotzdem bleibt der Fachkräftemangel das größte Wachstumsrisiko. Wer dann noch gute Leute still verliert, verschwendet genau das, wofür er so hart gearbeitet hat.
Was Menschen wirklich hält, nicht nur anwesend, sondern in ihrer vollen Gestaltungskraft, ist längst bekannt, und es ist weder die Gehaltserhöhung noch der gratis Obstkorb. Was Mitarbeitende suchen, sind Sinn – das Gefühl, dass die eigene Arbeit zu etwas Größerem dient, Zugehörigkeit – das Gefühl, Teil von etwas zu sein und nicht bloß austauschbar, und gesehen zu werden – als Mensch, nicht nur als Funktion. Doch hier endet die halbe Wahrheit dieser bekannten Trias. Denn selbst wenn ein Unternehmen die besten Bedingungen bietet, greifen diese nicht, wenn ein Mensch nie gelernt hat, hinzuhören. 
Wir sind Kinder einer Sozialisierung, die uns eine einfache Gleichung mitgegeben hat: gute Ausbildung, sicherer Job, Karriere – Lebensglück. Bei den wenigsten geht diese Gleichung auf und es dauert oft Jahre, diese Täuschung zu durchschauen. Manche tun es nie. Denn die einzig relevante Frage, und diese gilt für Mitarbeitende genauso wie für Führungskräfte und die Geschäftsführung, ist unbequem: Funktioniere ich noch, oder lebe/gestalte ich schon?
Das ist die Frage, die sich jeder Einzelne stellen darf. Für Führungskräfte gibt es eine weitere: Schaffe ich einen Rahmen, in dem meine Leute die Frage nach dem Funktionieren überhaupt stellen dürfen, bevor sie sie still für sich beantworten und innerlich gehen? Und weiter, vielleicht noch wesentlicher: Warum führe ich eigentlich? Weil Führung der nächste logische Schritt auf der Karriereleiter war, oder weil es mich wirklich erfüllt, Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten? Wer Menschen einen Raum geben will, in dem sie spüren dürfen, ob sie noch mit Begeisterung dabei sind, muss diesen Raum zuerst in sich selbst kennen.
Auch Gallup kommt zu dem Schluss, dass Führungskräfte der zentrale Hebel für die emotionale Bindung im Unternehmen sind und dass der erste Schritt zu besserer Führung die ehrliche Selbstreflexion ist. Was also auf den ersten Blick nach einer weichen Haltungsfrage klingt, ist in Wahrheit ein betriebswirtschaftlicher Faktor. 
Bessere Führung beginnt mit dem Mut, hinzuschauen, wo bisher weggeschaut wurde. Denn das stille Verschwinden hat keine Krankmeldung und keine Kündigung, an der man es ablesen könnte. Es zeigt sich nur dem, der präsent ist und merkt, wann jemand aufgehört hat, Fragen zu stellen, Ideen einzubringen, sich einzumischen.
Vorarlbergs Unternehmen investieren Millionen, um die besten Köpfe zu gewinnen. Die eigentliche Chance liegt woanders: in den besten Köpfen, die längst da sind. Wer sie nicht an die stille Gleichgültigkeit verlieren will, fängt besser nicht bei der nächsten Recruiting-Kampagne an. Sondern bei der Frage, ob im eigenen Haus nur noch funktioniert oder schon gestaltet wird.

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