Klaus Feldkircher

(geb. 1967) lehrt an der FH Vorarlberg, ist als freier Journalist tätig und betreibt das Kommunikationsbüro althaus7. Als Autor, Texter und Konzepter hat er bereits zahlreiche Sachbücher veröffentlicht. Weiters ist er in der Erwachsenenbildung tätig und lehrt Deutsch und Latein an der Schule Riedenburg/Bregenz.

Helmut Gstöhl, der Möglichmacher

Juli 2026

Samstagabend, die Gäste haben gut gelaunt Platz genommen. In der Küche laufen die letzten Vorbereitungen. Das Fleisch hat die richtige Kerntemperatur, das Gemüse ist angerichtet, der Wein dekantiert. Ein letzter Handgriff noch. Die Deckel der Gewürzdosen klicken, ein Duft von Kräutern, Pfeffer und exotischen Aromen steigt auf. 

Was für die meisten nur ein kurzer Moment beim Kochen ist, markiert den Endpunkt einer erstaunlich langen Wertschöpfungskette. Einer Kette, die von Versuchsküchen und Produktionshallen über internationale Rohstoffmärkte bis hin zu landwirtschaftlichen Betrieben reicht. Und die ihren Ursprung überraschenderweise nicht in einer Gewürzmetropole, sondern bei einem Unternehmer aus Vorarlberg hat. Helmut Gstöhl hat aus dem Salzburger Unternehmen Zaltech einen international tätigen Lebensmitteltechnologiespezialisten aufgebaut, der heute Kunden in mehr als 50 Ländern beliefert. Mit der Konsumentenmarke Stay Spiced bringt er hochwertige Gewürze in die Küchen Europas. Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Denn Gstöhl ist weit mehr als Gewürzunternehmer. Er ist Lebensmitteltechnologe, Landwirt, Investor, Netzwerker und vor allem eines: ein Unternehmer, der Chancen erkennt, bevor sie für andere sichtbar werden. Gstöhl gehört zu jener Generation, die selten Schlagzeilen macht. Während sein Name vielen Konsumentinnen und Konsumenten kaum bekannt ist, begegnet man seinen Produkten beinahe täglich: beim Frühstücksei, in der Wursttheke, auf dem Grill oder im Gewürzregal. Mit Zaltech hat er einen international erfolgreichen Lebensmitteltechnologiespezialisten aufgebaut, mit Stay Spiced eine Premium-Gewürzmarke mitentwickelt, mit „Wanderhuhn“ neue Wege in der Landwirtschaft beschritten und über zahlreiche Beteiligungen Projekte angestoßen, die weit über das eigentliche Kerngeschäft hinausreichen. Was all diese Projekte verbindet? Eine Haltung, die auf Eigenverantwortung, Pragmatismus und Entscheidungskraft basiert. „Tun, einfach tun“, so Gstöhl. Kaum ein Satz beschreibt seinen Werdegang treffender.

Vom Spar-Lehrling zum Lebensmitteltechnologen
Der Ursprung dieser Geschichte liegt nicht in einem Hörsaal, auch nicht in einer Business School. Er beginnt in einem Familienbetrieb in Götzis, in dem Landwirtschaft, Obstbau und Handel zum Alltag gehören. Nach der Schule beginnt er eine Lehre als Einzelhandelskaufmann bei Spar. Bereits im dritten Lehrjahr übernimmt er die Leitung der Fleischabteilung. Er absolviert eine Metzgerlehre, legt die Meisterprüfung ab und spezialisiert sich zum Fleischereitechniker in Deutschland. Dort verbindet sich erstmals, was später zum Fundament seines Erfolgs werden soll: handwerkliches Verständnis, technologische Kompetenz und unternehmerisches Denken. Nach leitenden Funktionen in der Lebensmittelindustrie macht sich Gstöhl selbstständig. Ein Praktikum in Finnland eröffnet neue Perspektiven. Aus einzelnen Beratungsaufträgen entstehen internationale Projekte. Bald arbeitet er für Unternehmen in Estland, Kanada und Asien, optimiert Produktionsprozesse, entwickelt Produkte und begleitet Lebensmittelhersteller rund um den Globus. „Das war immer meine DNA. Ich habe mein Metier von der Pike auf gelernt.“ Ein Satz, der viel über sein Selbstverständnis verrät. Er denkt vom Produkt, vom Prozess und vom Kunden, nicht vom Schreibtisch aus.

Zaltech ruft
Ende der 1990er-Jahre erhält Gstöhl einen Anruf, der seinen weiteren Weg grundlegend verändern wird. Am anderen Ende der Leitung sitzt Horst Zalto. Dessen Unternehmen Zaltech produziert Gewürzmischungen und funktionelle Zutaten für die Lebensmittelindustrie. Wirtschaftlich befindet sich der Betrieb allerdings in einer schwierigen Phase. Zunächst lehnt Gstöhl ab. Warum ein Unternehmen übernehmen, dessen Zukunft ungewiss ist? Doch Zalto bleibt hartnäckig. Schließlich steigt Gstöhl im Jahr 2000 als Geschäftsführer ein. Was folgt, ist kein radikaler Kahlschlag, sondern eine konsequente Neuausrichtung. Der Fokus wandert zurück zum Kunden. Produktentwicklung, Anwendungstechnik und Vertrieb rücken ins Zentrum. Anderthalb Jahre später übernimmt Gstöhl das Unternehmen. Aus einem kleinen Betrieb entsteht so Schritt für Schritt ein international tätiger Spezialist, der Kunden in 52 Ländern beliefert. Hinter vielen Produkten, die täglich konsumiert werden, steckt Know-how aus Oberösterreich mit Vorarlberger Handschrift.
Bemerkenswert ist dabei die Strategie der Internationalisierung. Gstöhl richtet den Blick bewusst nach Osteuropa, Zentralasien und in Märkte, die damals von vielen westlichen Unternehmen kaum beachtet werden. Sein Credo: lieber neue Märkte erschließen als alte verteidigen. Wer Zaltech ausschließlich mit Gewürzen verbindet, unterschätzt das eigentliche Geschäftsmodell. Tatsächlich versteht sich das Unternehmen vor allem als Lebensmitteltechnologiespezialist. Die Produkte kombinieren Geschmack, Funktion, Haltbarkeit, Textur und lebensmittelrechtliche Anforderungen. Gstöhl vergleicht die Lösungen gerne mit einer Backmischung: Der Kunde erhält nicht einzelne Zutaten, sondern ein durchdachtes Gesamtsystem.

Der Weg in die Küchen Europas
2019 folgt ein weiterer strategischer Schritt. Mit der Übernahme von Spiceworld und der Marke Stay Spiced betritt Gstöhl das Endkundengeschäft. Während Zaltech bisher vor allem Industriekunden beliefert, richtet sich Stay Spiced direkt an Hobbyköche und Genussmenschen. Die Grundidee ist denkbar einfach: dieselbe Qualitätsphilosophie, die Industriekunden überzeugt, auch in private Küchen zu bringen. Heute werden jährlich mehr als eine Million Gewürzdosen verkauft. 
Wer aber glaubt, dass ein international erfolgreiches Unternehmen ausreichen müsste, kennt Helmut Gstöhl schlecht. Vor rund zehn Jahren beteiligt er sich am Projekt Wanderhuhn. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie konsequent: Mobile Hühnerställe werden regelmäßig versetzt, damit die Tiere dauerhaft Zugang zu frischem Grünland haben. Heute produziert „Wanderhuhn“ jährlich Millionen Eier und arbeitet mit zahlreichen Vertragsbauern zusammen.

Unternehmer aus Leidenschaft
In den vergangenen Jahren sind weitere Projekte hinzugekommen: Weinbau, Landwirtschaft, Immobilienentwicklungen und zahlreiche Unternehmensbeteiligungen. Auffällig dabei ist, dass Gstöhl kaum als klassischer Investor agiert. Ihn interessieren Projekte mit Substanz, Menschen mit Haltung und Ideen mit Potenzial. „Viele sind ängstlich und wollen die dritte Kommastelle kennen. Die Chance ist dann aber längst vorbei.“ Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieses Unternehmers, das er auch der nächsten Generation, Tochter Michaela und Schwiegersohn Timothee, mitgibt: Nicht die spektakuläre Geschäftsidee, das einzelne Unternehmen und das außergewöhnliche Marktgespür zeichnen ihn aus, sondern die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen, wenn andere noch rechnen.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.