Manfred Hämmerle

Direktor der BHAK und BHAS Bregenz und seit 30 Jahren in der Ausbildung für Lehr­personen, unter anderem an der WU Wien, tätig

Die KI, die sogenannten sozialen Medien und die Dummheit

Oktober 2026

Die Menschen scheinen dümmer zu werden, und zwar fast weltweit. Das zeigt nicht nur die PISA-Studie von 2025; der Befund wird durch Intelligenztests bestätigt. Doch für Vorarlberg bestünde eine Chance. 

Unter dem Titel „Werden wir immer dümmer?“ berichtete die Zeit in einer ihrer jüngsten Ausgaben von Beobachtungen zur Entwicklung der Intelligenz, gemessen am Intelligenzquotienten über viele Jahre. Während demnach bis in die 1990er Jahre eine ständige Steigerung beobachtet werden konnte, stagnierte der Wert, um in jüngster Zeit zu fallen. Das gilt auch für Kinder wohlhabender Eltern. Wie es hieß, könne das Phänomen damit begründet werden, dass die Menschen weniger lesen. Denn Lesen fördere verschiedene Hirnfunktionen, hieß es in dem Bericht: „Leser können sich verlässlicher Zahlen, Bilderfolgen oder Muster merken als Nichtleser.“ Die Stagnation beziehungsweise der Rückgang des IQ steht in einem engen zeitlichen Zusammenhang mit der Einführung des Smartphones, der sozialen Medien und der Like-Buttons. Es begann also vor der Migrationskrise und der Pandemie.
Vom Wirtschaftspädagogen Josef Aff stammt das Zitat: „Wir sind jetzt erfolgreich dabei, die Kulturtechniken Lesen und Schreiben mit Hilfe der KI erfolgreich zu entsorgen.“ Erste Befunde der Wissenschaft bestätigen diese These. Auch wenn Ähnliches schon bei der Einführung des Radios, des Fernsehers und der Videospiele gesagt wurde, sollten wir uns nicht in Sicherheit wiegen: Das zeigen die Resultate der PISA-Studie 2025. Im Umgang mit der Präsentation der jeweiligen Ergebnisse sind wir schon sehr routiniert. Wir freuen uns über – vermeintlich – positive Nachrichten wie beispielsweise darüber, dass sich die Resultate in Naturwissenschaften verbessern oder dass wir „über den OECD und EU-Schnitt“ liegen, vergessen aber, dass die Schüler sowohl im Lesen als auch in der Mathematik immer schlechter werden. 
Insbesondere die Zahl derjenigen, die die Mindeststandards nicht erreichen, steigt. Dabei ist die oft formulierte These, dass die Kinder mit Migrationshintergrund die Resultate verschlechtern, nur teilweise richtig. Rechnet man die soziale Herkunft heraus, sinkt der Abstand zum Durchschnitt. Es ist also auch eine Frage des sozialen Umfelds.

Ausgleich von Rückständen
Es braucht deshalb dringend Maßnahmen, die Lücken zu schließen. Die Kürzung der Unterrichtszeit im Jahr 2003 war wohl der größte Fehler der österreichischen Bildungspolitik seit 1945. Bis heute ist er nicht korrigiert. Umgerechnet hat ein Maturant seit damals je nach Schulform rund 100 Tage weniger Unterricht. Niemand traut sich zu sagen: Die Kürzung der Wochenstunden war falsch. Latein beziehungsweise die zweite lebende Fremdsprache und Medienkompetenz sind wichtig, deshalb weiten wir die Zahl der Wochenstunden aus und korrigieren diesen großen Fehler. Für Pflichtschüler verwenden wir diese Stunden zum Üben der Grundkompetenzen.
Mehr noch: Wollen wir wirklich, dass die Leistungen wieder besser werden, müssen wir weg von der Halbtagsschule, die insbesondere diejenigen benachteiligt, die Rückstände aufweisen, hin zu einer gut gemachten Ganztagesschule. Studien, wie beispielsweise jene, die das IHS jüngst zu Bildungsverläufen veröffentlicht hat, weisen darauf hin. Kanada oder Estland zeigen, dass Rückstände und soziale Benachteiligung dadurch verringert werden können. Erfreulich ist, dass die Bedeutung der frühkindlichen Förderung auch in Österreich erkannt wurde. Die Pflicht, zwei Jahre einen Kindergarten besuchen zu müssen und diesen als Lernort für Kinder zu sehen, ist positiv. Die Studie „The Early Catastrophe” von Hart und Risley zeigt, dass Kinder, die von ihren Eltern bewusst in ihrer Sprache gefördert werden, einen großen Vorsprung haben, der ein Leben lang wirkt. Erfahrungen weisen aber leider auch darauf hin, dass Appelle an Erziehungsberechtigte, den Wortschatz ihrer Kinder zu fördern, oft verhallen. Diese Lücken sind schwer aufzuholen, die Schule kann nur einen Teil ausgleichen.

Herausforderungen schaffen
Christoph Metzger, ein Wirtschaftspädagoge der Universität St. Gallen, schlägt vor, Schüler auch einmal mit einem schwierigen Text zu konfrontieren. Die „Didaktisierung“ und Zerstückelung von komplexen Inhalten habe auch seine Nachteile. Es sei angebracht, junge Menschen auch einmal zu fordern. 
Dies ist ganz im Sinne des oben angeführten Befundes. Den jungen Menschen sollte etwas zugetraut werden. Wenn sie beispielsweise mit Hilfe eines Sprachmodells einen Text formulieren (lassen), soll das Ergebnis anhand von Kategorien kritisch hinterfragt werden. So ist Lernen auf höherem Niveau möglich. Die KI wird den Unterricht stark verändern. Sie bietet beispielsweise auch die Chance einer stärkeren Individualisierung des Unterrichts, angepasst an das Leistungsniveau und das Alter der Lernenden. 
Die Lehrperson wird dadurch nicht weniger wichtig. Digitale Medien und KI erfordern eine straffe Unterrichtsführung mit klaren Anweisungen, das finden wir bei „Europameister“ Estland. Das frühere Vorzeigeland in Sachen Bildung – Finnland – ist möglicherweise in den PISA-Studien auch deshalb abgestürzt, weil die Schüler mit den Laptops zu sehr allein gelassen wurden und auf zu viel offenes Lernen gesetzt wurde. Als Konsequenz gibt es dort ein Zurück zu den Schulbüchern und zu strafferem Unterricht. Es muss das Ziel sein, dass Digitalisierung und KI die Lücke zwischen guten und schwachen Schülern nicht weiter vergrößern. Dazu braucht es klare Regeln auf Schulebene und in der Bildungspolitik.

Phasen ohne digitale Medien
Mit großer Euphorie wurde in den vergangenen Jahren in Österreich die „Digitalisierung des Unterrichts“ vorangetrieben. Dabei wurde zumindest teilweise übersehen, dass ein didaktisches Konzept und Regeln notwendig sind. Anders formuliert: Junge Menschen mit digitalen Geräten allein zu lassen, ist zu wenig. Zu den Regeln gehören strikte Handyverbote und Phasen ohne Laptops. Möglicherweise ist das ein Grund dafür, dass Bildungsminister Wiederkehr in Sachen Digitalisierung auf die Bremse tritt. Es soll wieder mehr von Hand geschrieben, mit Büchern gearbeitet und gelesen werden. 
Dass das Hin und Her bei den Lehrpersonen auf Kritik stößt, ist verständlich, grundsätzlich ist der Weg jedoch richtig. Schüler sollen nicht zu früh und auch nur Schritt für Schritt an das digitale Lernen herangeführt werden. Dazu braucht es Phasen des Unterrichts ohne Handy und Laptop. Klassische Methoden wie ein gut gemachter Gruppenunterricht, Erkundungen, Exkursionen, Versuche im Labor, Fallstudien und die Konfrontation mit kognitiv anspruchsvollen Problemstellungen fördern das Lernen mit Kopf, Herz und Hand und lösen damit Erfolgserlebnisse aus, die so wichtig sind. Denn positive Emotionen fördern das Lernen. 
Wenn die „Welt dümmer“ wird, muss das für Vorarlberg nicht so sein. Es sind viele Beispiele zu beobachten, bei denen Schüler und Lehrlinge ihre Leistungen mit großem Stolz präsentieren. Das kommt allerdings nicht von allein. Der konsequente Ausbau einer gut geplanten, verschränkten Ganztagsschule und die Umsetzung des lang geforderten Vorhabens, Vorarlberg zur gesetzlichen Modellregion für die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen zu machen, sind unumgänglich. Gleichzeitig muss das Land die Lehre, etwa durch zukunftsweisende Modelle wie die Lehre mit Matura und Lehre nach der Matura, weiter als Alternative zum akademischen Weg stärken. Dies alles ist nicht nur für die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes von größter Bedeutung.

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