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Die Kehrseite der Medaille

Italien tickt in vielen Dingen anders, diese Erkenntnis hat der Urlaub dem einen oder anderen sicher auch heuer gebracht. Zu dieser Feststellung gab es diesen Sommer einen weiteren Anlass. Am 1. August ging die Nachricht um die Welt, dass der Italiener Alessio Figalli, Jahrgang 1984, Professor für Mathematik an der ETH in Zürich die Fields-Medaille, eine Art Nobelpreis der Mathematik, gewonnen hat. Er erhielt die Auszeichnung für seine Beiträge zur Theorie des optimalen Transports.

Anstatt den Erfolg ihres compaesanos zu bejubeln, startete die Kampagne der Entrüstung in den Sozialen Medien wenig später – angestachelt von lokalen Polit- Funktionären, die sich ereiferten, wie egoistisch eigentlich diese jungen Forscher seien, die sich in Italien teuer ausbilden lassen, um dann ihr Glück anderswo zu suchen.

Anstatt nun seine Arbeiten einem breiten Publikum vorstellen zu können, musste sich Figalli in den italienischen Medien rechtfertigen, weshalb er eine Karriere außerhalb Italiens angestrebt hatte. Der pasticcio war perfekt, als weitere Politiker eine Bühne erkannten, den Exodus der gut Ausgebildeten (in Italien nennt sich dieser fuga dei cervelli – Flucht der Hirne) dem jeweiligen politischen Gegner und dessen Versäumnissen in die Schuhe zu schieben.

Anstatt sich mit konkreten Maßnahmen zum Beispiel gegen einen unfair zweigeteilten Arbeitsmarkt einzusetzen oder die duale Ausbildung zu forcieren, die parteiübergreifend als großes Manko in Italien anerkannt wird, entzündet sich der Streit nun an jenen, die ihr Glück anderswo suchten.

Eine kurze intensive Diskussion, die aber Bände über die Mischung aus Resignation, Wut und Lähmung spricht, mit denen die Länder im Süden Europas auf die Probleme einer „verlorenen Generation“ junger Menschen reagieren.

19.09.2018

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Andreas Pichler

Geschäftsführer BIFO – Beratung für Bildung & Beruf

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