Die Lehre könnte mehr sein

Für eine Lehre muss sich ein Jugend­licher im Alter von 15 Jahren entscheiden. Viele stellen sich nach der Lehrabschlussprüfung mit 18 die Frage nach der weiteren Berufslaufbahn. Da die Meisterprüfung an Attraktivität verloren hat, ist die Lehrabschlussprüfung zum „allgemein gesellschaftlich wahrgenommenen“ Abschluss einer Berufsausbildung geworden. Ein potenzieller Akademiker hat sich erst nach der Matura für sein Studienfach zu entscheiden. Die Anforderungen in der Berufswelt sind beim Großteil der Berufe derart komplex, dass mit dem Lehrabschluss im besten Fall ein Überblick über die möglichen Aufgaben und Anforderungen gegeben ist. Im Idealfall wird man nach einer Einarbeitungsphase von mehreren Jahren mit Überzeugung von sich sagen: „Ich bin Tischler“, „Ich bin Optiker“, „Ich bin Koch“ ... Das Modell „Lehre mit Matura“ kann aktuell auch als Ausweg aus dem „Arbeiterleben“ wahrgenommen werden. Die vielfach geforderte Durchlässigkeit der Bildungssysteme darf nicht zur Einbahn werden. Eine gegenseitige Belebung sollte das Ziel sein. Dazu scheint es notwendig, dem dualen Bildungsweg längeren Atem zu verleihen. Wege zu finden, die Gesellenjahre und die Meisterprüfung vermehrt in den Fokus der Bildungspolitik zu rücken, scheint eine Möglichkeit zu sein, um einerseits langfristige Perspektiven zu schaffen, und gleichzeitig sich einzugestehen, dass es eben auch Zeit benötigt, um ein Handwerk, eine Dienstleistung fundiert ausüben zu können.
Ein junger Mensch sieht sich mit dem Abschluss der Matura, dem Erhalt des Bachelorzeugnisses oder dem Masterdiplom gesellschaftlich breit bestätigt. Dies von den Personalabteilungen in der Wirtschaftswelt gleichermaßen wie vom sozialen Umfeld. Was hindert uns daran, ähnliche Eckpfeiler für eine praxisorientierte Berufslaufbahn zu schlagen? Warum nicht das duale System um einen aufbauenden, zweiten und dritten Teil erweitern?