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Bitcoin – technologische Meisterleistung oder digitale Tulpenzwiebel?

Die Technologie, die den Bitcoins zugrunde liegt – die Blockchain – existiert bereits seit den frühen 1990er-Jahren. Bis heute ist es ein großes Geheimnis, wer sich hinter dem Pseudonym „Satoshi Nakamoto“ verbirgt, der im Jahr 2009 das Bitcoin-Weißbuch „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ veröffentlicht und damit den Grundstein für die erste Kryptowährung gelegt hat. Am 3. Jänner 2009 wurden die ersten 50 Bitcoins erschaffen und damit „Block 0“, der Genesis-Block in der Bitcoin-Datenbank erzeugt, die noch bis heute eine chronologische Abfolge aller Transaktionen enthält. Es war wohl kein Zufall, dass die ersten Bitcoins am Höhepunkt der globalen Finanzkrise erzeugt wurden. Die Autoren wollten ein neues, von Banken, Notenbanken, Aufsichtsbehörden und von staatlichem Einfluss unabhängiges Währungssystem schaffen.

Am Beginn waren Bitcoins die Spielwiese von Nerds, technologieverliebten Innovatoren und frühzeitigen Anwendern, die immer gerne etwas Neues ausprobieren. Die Kurse für die Bitcoins wurden bilateral in speziellen Bitcointalk-Foren ausgehandelt. In der Folge entstanden eigene Bitcoin-Händler und Börsen und die Anzahl der Nutzer sowie der Bitcoin-Kurs stiegen rasant. Im Laufe des Jahres 2017 bildete sich – beflügelt von asiatischen Marktteilnehmern – eine klassische spekulative Blase. Ausgelöst von der Ankündigung mehrerer Regierungen, den Markt verbieten oder zumindest regulieren zu wollen – und in Verbindung mit teilweise sehr kritischen Testimonials einflussreicher Meinungsbildner wie JP Morgan, Morgan Stanley, Warren Buffet oder Bundesbank-Präsident Jens Weidemann ist die Blase Ende des Jahres 2017 geplatzt. Die Kryptowährung hat von ihrem Höchstkurs bei knapp 20.000 Dollar Mitte Dezember 2017 bis Anfang Februar auf unter 6000 korrigiert und dabei 70 Prozent an Wert eingebüßt. Ende Februar notieren Bitcoin wieder bei knapp 10.000 Dollar.

Angesichts dieser Kurs­kapriolen liegt die Frage nahe, ob Bitcoins so etwas wie die digitale Neuauflage der Tulpenmanie im Holland des 17. Jahrhunderts oder doch die technologische Revolution mit weitreichenden Auswirkungen auf die globale Wirtschaft sind.

Aus meiner Sicht muss man streng zwischen der Blockchain-Technologie und Bitcoins, die nur eine Anwendung dieser Technologie sind, unterscheiden. Die Blockchain-Technologie wird in Verbindung mit unseren heutigen technologischen Möglichkeiten unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit in vielen Bereichen – von neuen Verträgen über neue Formen des Logistik-Managements bis hin zu vielschichtigen Anwendungen im Finanzbereich – massiv und nachhaltig verändern. Bitcoins sind bloß eine austauschbare und nicht einmal sehr ausgereifte Anwendung dieser Technologie. Bitcoins sind weder einzigartig, patentiert, noch aus sonstigen Gründen unverzichtbar. Die Blockchain-Technologie ist ein öffentliches Gut und für jeden frei verfügbar – jeder kann sie für seine Ziele und Projekte nutzen. Schon heute existieren weit über 1000 verschiedene Kryptowährungen, die alle mehr oder weniger die gleichen Funktionen erfüllen wie Bitcoins. Von einer Knappheit der Ressourcen oder gar einem Monopol auf die neue Technologie kann keine Rede sein und ich sehe keinen Grund für explodierende Kursentwicklungen.
Bitcoins haben einen reellen Wert, der in ihrer Funktion als Wertspeicher und als Zahlungsverkehrsinstrument liegt. Für diese Funktionen gibt es allerdings auch massenhaft Konkurrenz und Alternativen – und gerade die Zahlungsverkehrsfunktion der Bitcoins leidet an massiven Kinderkrankheiten wie einer fehlenden Skalierbarkeit. Heute kann man maximal sieben Transaktionen pro Sekunde abwickeln, sicher viel zu wenig, um als Grundlage für eine „neue Wirtschaftsordnung“ zu dienen. Der Algorithmus, der die Integrität der Transaktionen sicherstellt, das sogenannte Bitcoin-Mining, ist ein extrem rechenintensiver Prozess. Mehrere Miner versuchen, in Konkurrenz zueinander eine Lösung zu finden und verbrauchen dabei Unmengen an Energie, so viel wie zwei bis drei Millionen Haushalte!
Während große Konzerne oder der Bäcker ums Eck medienwirksam ankündigen, jetzt auch Bitcoins als Zahlungsmittel zu akzeptieren, spielen sie in der tatsächlichen Abwicklung von Handelsströmen kaum eine Rolle. Laut einer Analyse von Morgan Stanley akzeptierten 2017 gerade einmal drei der Top 500 Online-Händler Bitcoins als Zahlungsmittel. Das tägliche, über Bitcoins abgewickelte „Bezahlvolumen“ wird auf unter 300 Millionen Dollar geschätzt, verglichen mit rund 17 Milliarden Dollar bei Visa. Online-Händler benötigen für die Abwicklung ihrer Transaktionen Stabilität und Sicherheit – und nicht die massiven täglichen Kursschwankungen von Bitcoins.
In dem Markt gibt es keinerlei Aufsicht und wenn man sich die vielen Fälle von Datendiebstählen durch Hacker ansieht, bekommt man ein wenig den Eindruck, dass es bei den Bitcoins zugeht wie in den Pionierzeiten des 19. Jahrhunderts im „Wilden Westen“.

Bitcoins sind eine Anwendung einer neuen, überaus vielversprechenden Technologie – fern von Perfektion. Institutionen, Universitäten und Firmen forschen stetig, wie man den Zahlungsverkehr der Zukunft verbessern und einen idealen Wertespeicher schaffen kann. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das Ergebnis nicht „Bitcoin 2.0“, sondern etwas anderes, basierend auf der Blockchain-Technologie, sein wird.

03.03.2018

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Erich Obersteiner

war von 1999 bis 2005 Mitglied des Vorstandes der Wiener Börse AG. Danach war er unter anderem Managing Director im Investmentbanking der UBS. Heute berät und unterstützt er im Rahmen von DEO Capital Unternehmen in Finanzierungs- und Kapitalmarktfragen. Erich Obersteiner hat ein Doktorat in Wirtschaftsinformatik von der Universität Wien und ist gerichtlich beeideter Sachverständiger für das Bank- und Börsewesen.

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