Christoph Jenny

Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg

(Foto: © Dietmar Walser)

Es lohnt sich zu warten!

Dezember 2020

Unternehmerische Weihnachten ist für viele unserer Betriebe die wichtigste Zeit des Jahres. Heuer stehen diese vor mehrfachen Belastungen. Einerseits durch Corona und andererseits durch den Druck internationaler Handelsriesen wie Amazon und Co. sowie behördlicher Stilllegungen. Nehmen wir unsere Einzelhändler. Die hatten es schon in der jüngsten Vergangenheit immer schwerer gehabt, sich im Umfeld des stark steigenden Onlinehandels zu behaupten. Dennoch blieben sie ein unverzichtbarer Bestandteil und wesentliche Treiber innerstädtischen und örtlichen Lebens. Das verdient die Anerkennung und Unterstützung der Bevölkerung.
Ähnlich ist es bei der Gastronomie und Hotellerie. Ein Gast, der heute nicht kommt, ist ein verlorener Gast. Doch damit nicht genug, denn immer noch wird unterschätzt, was alles an diesen Wertschöpfungsketten „Schlafkultur“ und „Genusskultur“ hängt. Uns das stärker vor Augen zu führen, täte unserer oft unerschöpflichen Reiselust gut.
Es wäre wünschenswert, wenn die Corona-Pandemie zu einem Bewusstseinswandel bei vielen Vorarlbergerinnen und Vorarlbergern führen würde. Ein Abwandern der Weihnachtseinkäufe hin zu internationalen Onlineplattformen, die bei uns kaum Steuern zahlen, würde das Aus von zigtausenden Arbeitsplätzen in Österreich bedeuten. Da lohnt es sich doch, darauf zu warten, bis wieder alle ihre Türen öffnen! Denn auch nach Abebben der Corona-Krise benötigen wir einen funktionierenden stationären Handel. Lokale Händler und auch die Gastro- sowie Beherbergungsbetriebe, die in diesen Tagen um ihre Existenz ringen, brauchen jetzt die Solidarität der Kunden. 
Die Solidarität hat die Chance, eine neue, selbstbewusste Wir-Kultur zu schaffen. Menschen halfen sich schon im ersten Lockdown gegenseitig, gingen für Risikogruppen einkaufen, fertigten an den heimischen Nähmaschinen Mundschutzmasken, und Unternehmen produzierten statt alkoholischer Getränke oder Parfüms zeitweise Desinfektionsmittel. 
Die Corona-Krise führt unmissverständlich vor Augen, dass der Mensch nicht allein als Einzelkämpfer gegen das Virus und seine Folgen ankommt, sondern nur als Teil einer Gruppe, als Teil der Gesellschaft. Nähe und Vertrauen – Qualitäten, die sich nicht erkaufen lassen – bilden den Nährboden für ein achtsameres, sozialeres Konsum- und Genussverhalten auch nach der Krise.
Es bleibt zu hoffen, dass die neue Solidarität, die sich während der Coronapandemie entwickelt, den Handel, Konsum und Genuss der Zukunft prägen wird.

Kommentare

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Miteinander ist sicher ein gutes Thema. Mit wem möchte die WK wirklich? Interessns_Vertreter haben doch ihre Vorgaben.

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