Peter Melichar

Historiker „vorarlberg museum“

Größe und Untergang der Vorarlberger Textilwirtschaft

Februar 2016

Die Witwe eines Textilingenieurs übergab dem vorarlberg museum vor Kurzem interessante Utensilien aus der Hinterlassenschaft ihres Mannes. Ihr Gatte, Richard B., Jahrgang 1949, hatte zwischen 1964 und 1969 zunächst die Textilschule in Dornbirn und anschließend die HTL für Textilindustrie in Wien besucht. Diese Ausbildung hatte er gewählt, weil die Textilbranche als zukunftsträchtig galt und sich Herr B., der Vorarlberger, beste Chancen auf eine erfolgreiche Karriere ausrechnete.

Vorarlberg galt als Textilland, und das seit langer Zeit. Von Joseph Rohrer, bekannt durch sein Werk „Uiber die Tiroler“ (1796), stammt eine der frühesten Schilderungen der Textilproduktion in Vorarlberg: „Gleich bey dem Eintritte in die Bauernstuben (…) wird man angenehm überrascht. Man findet um den Tisch so viele Schweitzerräder in Bewegung, als Weibspersonen im Hause sind (…) Man verfertiget in Vorarlberg so feine Gespinnste, als nur immer in der Schweiz. Noch mehr! Wer sich naher erkundiget, wird finden, daß die Schweitzer die feinsten Gespinnste bey uns verfertigen lassen.“ Rohners Schilderungen zeigen, dass der Textilwirtschaft große Bedeutung zukam, er erwähnt die „Geschicklichkeit der Vorarlbergischen Landleute im Mousselinsticken“, vor allem im Bregenzerwald, er hebt die Flachspinnerei im Montafon hervor und berichtet, dass viele Schweizer Textilhersteller ihre Stoffe in einer großen Bleicherei in Meiningen bleichen ließen.

Besonders hob Rohrer die hohe Qualität der Produkte hervor und erwähnte eine Reihe von Kaufleuten aus Vorarlberg, die nach Wien, Graz, Brünn, Preßburg und gar nach Lemberg lieferten. Was Rohrer anschaulich, aber nur skizzenhaft beschrieb, hat Hubert Weitensfelder in seinem 2001 erschienenen Werk „Industrie-Provinz“ präzise aufgearbeitet – die Entwicklung der ersten Manufakturen und Verleger, die Gründung der ersten Industriebetriebe, samt all den sozialen, kulturellen und politischen Begleiterscheinungen – furchtbare Arbeitsbedingungen, schlechte Löhne und entsprechende Wanderungsbewegungen. Und Kinderarbeit. Vierzehnstündige Arbeitszeiten von 5.30 bis um 19.30 waren die Regel. Der legendäre Vorarlberger Kreishauptmann Johann Nepomuk Ebner, selbst an mehreren Industriebetrieben beteiligt, beklagte die „unmenschliche Behandlung von Kindern“ durch die Fabrikherren und schrieb in seinem Tagebuch vom 1. Juni 1836, von einer „Sklaverei der weißen Bevölkerung“. Wirklich verboten wurde die Kinderarbeit erst 1918.

Die Industrialisierung beschränkte sich nicht auf die Textilbranche. Aber sie war in diesem Bereich in Vorarlberg besonders erfolgreich, weil – durch jahrhundertelange Heimarbeit erworbene – Kompetenzen vorhanden waren und ähnliche Traditionen in der Schweiz Vorbildwirkung zeitigten, und zudem keine nennenswerten Rohstoffe vorhanden waren, die andere Produktionszweige begünstigt hätten. Schon um 1850 dominierte die Textilindustrie mit 90 Betrieben (von insgesamt 107), die Textilindustrie erbrachte 60 Prozent der gesamten Erwerbssteuer. Dazu kam, dass sich mit den Schindlers, Jennys und Schöllers kapitalkräftige Schweizer Fabrikanten in Vorarlberg ansiedelten, um das Gebiet der Monarchie als Absatzgebiet zu nutzen.

Die Effekte der Industrialisierung waren vielfältig. So führte sie, erstens, zu einer Um- und Neugestaltung von Teilen der Landschaft durch die Errichtung großer Fabriksbauten und durch das Entstehen oftmals ganzer Ensembles, bestehend aus mehreren Werkhallen, Kraftwerksbauten und einer Fabrikantenvilla; später kamen dann manchmal noch Arbeitersiedlungen dazu. Ein besonders schönes Beispiel ist die Villa Falkenhorst, die der schottische Industrielle John Douglas (1803–1870) inmitten eines Parks 1837/38 nahe seiner gerade errichteten Fabrik in Thüringen bauen ließ. Beeindruckend ist auch das Ensemble von Fabrikantenvillen im Dornbirner Oberdorf. In Dornbirn ließ der Industriepionier Karl Ulmer (1773-1846) einen Kanal errichten, den er für eine Bleiche brauchte. F. M. Hämmerle errichtete gemeinsam mit der Fa. Winder den Stausee Staufensee, um ab 1900 fertiggestellte Kraftwerksanlagen zu betreiben – es ließen sich weitere Beispiele aufzählen.

Der zweite wichtige Effekt bestand in der Umstrukturierung der Bevölkerung durch Migrationsbewegungen und Berufsumschichtungen. Sowohl die Industrie als auch der durch industrielle Interessen forcierte Bahnbau zog tausende Arbeitskräfte nach Vorarlberg. Gleichzeitig entzog die Mechanisierung des Webens und Spinnens vielen Bewohnern der Bergtäler ihren Nebenerwerb – das Montafon, das Klostertal, das Große Walsertal und der Bregenzerwald waren durch sinkende Einwohnerzahlen betroffen. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Einwanderer stetig. So war Vorarlberg um 1910 innerhalb der Monarchie nicht nur das Land mit der höchsten Industrialisierungsquote, sondern auch das mit dem höchsten Ausländeranteil, vom Sonderfall Triest abgesehen. 46 Prozent der Berufstätigen in Vorarlberg waren in der Industrie beschäftigt, der österreichische Durchschnitt betrug 24,3 Prozent.

Der dritte Effekt der Industrialisierung war, dass die Unternehmer über den erworbenen Reichtum Macht und Einfluss erwarben und diesen auch politisch geltend machten. Eine bedeutende Figur war der Textilindustrielle Carl Ganahl (1807–1889), der sowohl in der Gemeinde Feldkirch als auch im Landtag politisch tätig wurde und auch als Präsident der auf seine Initiative hin gegründeten Wirtschaftskammer. Vielerorts engagierten sich Industrielle vor allem in der Kommunalpolitik und versuchten über ihre Verbindungen ihren Einfluss zu Politikern auf Landes- und Bundesebene geltend zu machen. Nicht selten geschah dies indirekt: In Dornbirn wurden keine Entscheidung gegen den Willen der maßgebenden Gesellschafter von F. M. Hämmerle getroffen. Eine ganze Reihe von Bürgermeistern waren quasi Hämmerle-Abgesandte.

Die NS-Zeit nutzten einige Textil­industrielle, um jüdische Firmen außerhalb Vorarlbergs zu arisieren, etwa um in Wien oder Niederösterreich einen Konkurrenzbetrieb zu erwerben oder sich aus dem Maschinenpark jener jüdischen Betriebe, die liquidiert wurden, günstige Webstühle anzueignen. Nach 1945 und der Rückkehr in die Normalität gelang es dann, mit Hilfe der Marshallplan-Gelder (ERP-Kredite) am Wirtschaftswunder zu partizipieren. Während international die Textilindustrie schon in den Sechzigerjahren in die Krise geriet, verdienten die Vorarlberger Textilindustriellen noch sehr gut, vor allem aufgrund der exorbitant geringen Löhne, die eine hohe Fluktuation mit sich brachten und die Notwendigkeit, Gastarbeiter anzuwerben. Mitte der 1960er-Jahre sprach die Landesregierung von einem „gestörten Arbeitsmarkt“, da viermal so viele Stellen angeboten wie nachgefragt wurden. Anwerbeabkommen mit der Türkei und Jugoslawien milderten die Situation. Kritische Stimmen behaupteten, die Vorarlberger Textilindustrie habe so lange überlebt, weil sie „Dritte-Welt-Bedingungen“ importiert habe. Anfang der 1970er-Jahre arbeiteten in der Textilindustrie schließlich doppelt so viele Ausländer wie in den anderen Branchen, dennoch kam ab den 1980er-Jahren eine endgültige Wende.

Der Niedergang lässt sich in Zahlen ausdrücken: Umfasste 1965 die Industrieproduktion in Vorarlberg noch 70 Prozent des gesamten Volumens, waren es 1985 gerade noch 40 und 2005 wenig mehr als 10 Prozent. Einige der großen Firmen hatten schon früh Standorte außerhalb Europas, vor allem in Südafrika, errichtet – etwa F. M. Hämmerle und Mäser. Manche Unternehmen wurden von der Krise überrascht, manche schafften den geordneten Rückzug in Würde und verbanden die Liquidation noch mit der Herausgabe einer gut gemachten Firmengeschichte. Allerdings war in manchen Fällen auch weniger die Krise verantwortlich, sondern Streit unter den – meist miteinander verwandten – Gesellschaftern. Mit dem Schicksal der Firmen war das von tausenden Mitarbeitern verflochten. Waren 1955 noch über 72 Prozent der Beschäftigten in der Vorarlberger Industrie in der Textilbranche tätig, waren es 1993 gerade noch 34 Prozent.

Kehren wir zurück zu Richard B: Der bestens Ausgebildete begann 1970 bei Sannwald in Hörbranz, arbeitete dort als Leiter der Weberei und Spinnerei. 1987 ging die Firma in Konkurs. Nach einem Jahr in der Arbeitslosigkeit fand er bei I. M. Fussenegger in Dornbirn wieder eine Stelle – und musste dort, als Webereileiter, 1994 alle seine 150 Mitarbeiter kündigen, zuletzt sich selbst. Für ein halbes Jahr fand er 1996 eine befristete Anstellung bei F. M. Hämmerle, bevor er 1997 bis 2003 letztmalig in der Textilindustrie arbeitete – als Leiter der Veredelung bei Wolff in Hard. Von 2004 bis kurz vor seinem Tod 2010 war der einstige Textilfachmann Verkäufer in einem Sportgroßhandel in Lochau. Richard B.s Berufsleben dokumentiert den Niedergang der Textilindustrie. Aber vielleicht hatte der Untergang der Unternehmen ja auch sein Gutes. In so manchem Wirtschaftspark, der sich in die ehemaligen Industriekomplexe von Hämmerle, Rhomberg & Co. einquartierte, sind heute mehr Leute beschäftigt als in den guten alten Zeiten, als die Webstühle noch liefen.

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