Christoph Jenny

Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg

(Foto: © Dietmar Walser)

Mehr denn je

Mai 2020

Diese Pandemie ist eine Zäsur in unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung. Corona markiert in gewisser Weise auch das Ende vieler Erfahrungswerte und fordert recht schonungslos zum Schaffen von neuen heraus. 
Noch wissen wir nicht, in welcher Weise es heuer und in den Folgejahren weitergehen wird. Gibt es bald einen Aufschwung? Oder droht eine längere Stagnation wie nach den Finanzkrisenjahren 2008/2009? Bekommen auch andere Länder Covid-19 schnell in den Griff und es kehrt eine gewisse „Normalität“ ins internationale Wirtschaftsleben ein? Sicher ist nur eines: Es wird vieles überdacht und neu geordnet werden. Covid-19 führt uns dazu, unsere Werte und Strategien zu überprüfen. Ein systemischer Umbruch scheint damit in Gang gesetzt worden zu sein, der am Ende aber nicht notgedrungen zum Schlechteren führen muss. Der Standort Österreich ist dank seiner hohen Leistungsfähigkeit im Grunde gut gerüstet für das, was da noch kommt. Die Welt nach der Krise wird vielleicht hin und wieder eine sozial distanziertere sein, doch der Zusammenhalt wird digitale Formen annehmen. Neue digitale Formate in Wirtschaft und Gesellschaft sind keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit, auch in der regionalen, kleinstrukturierten Wirtschaft. Diese Rückkehr zur „Normalität“ wird auch eine sein, die das Regionale schätzt, die solide, werthaltige Arbeit der vielen KMU, die jetzt so massiv unter Druck geraten sind.

Damit einhergehend stellt sich die Frage, ob Wertschöpfungs- und Lieferketten quasi alternativlos über den ganzen Planeten verteilt sein müssen? Umso wichtiger könnte für unsere Wirtschaft wieder die EU werden. Statt übereilter Abgesänge braucht es vielmehr eine Renaissance des Binnenmarktes und der europäischen Freiheiten, ein Erstarken der europäischen Einigkeit oder gar eine Strukturveränderung auf Basis eines gestärkten europäischen Zusammenhaltes.

In diesem Europa werden wir uns künftig noch besser auf Krisen wie diese vorbereiten und Reindustrialisierung stärken müssen, um in der Lage zu sein, wichtige Güter regional zu produzieren. Gerade jetzt ist Unternehmertum gefragt, das durch kreative und innovative Ideen neuen wirtschaftlichen Aufschwung und Arbeitsplätze schafft. Wer weiß, vielleicht gewinnen wir ja durch Corona letzten Endes für unsere Unternehmen, aber auch für unsere Gesellschaft ein Mehr an Widerstandskraft, Kooperationsfähigkeit und Flexibilität. 

Für den Aufbruch aus der Krise brauchen wir ein gemeinsames Zusammenstehen von Gesellschaft und Wirtschaft. Mehr denn je.

 

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