Martin Rümmele

Der gebürtige Vorarlberger ist langjähriger Gesundheits- und Wirtschaftsjournalist und lebt und arbeitet in Wien und Kärnten. Er ist Autor mehrerer kritischer Gesundheitsbücher u.a. „Zukunft Gesundheit“ und „Medizin vom Fließband“ und wurde mehrfach für seine Arbeiten über Zusammenhänge von Wirtschaft und Medizin ausgezeichnet. Er ist zudem Herausgeber des ganzheitlichen Gesundheitsmagazins „lebensweise“.

Gesunde Grenzgänger

Oktober 2015

Immer mehr Vertreter von Gesundheitsberufen zieht es aus Vorarlberg in die Schweiz oder nach Liechtenstein. Auch deutsche Arbeitgeber sind zunehmend gefragt. Denn auch dort gibt es einen wachsenden Bedarf an medizinischem Personal. Um dieses anzulocken, setzt man dort auch auf bessere Arbeitsbedingungen und höhere Gehälter.

Eigentlich habe sie ihr Mann – ein Liechtensteiner – in das Fürstentum „verschleppt“, erzählt die 40jährige Ärztin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Ähnlich wie andere Grenzgänger in Sachen Gesundheit. Das Thema ist offenbar heikel. Vielleicht auch weil es stark an Bedeutung gewinnt. In Liechtenstein mit gerade einmal 37.000 Einwohnern kennt jeder jeden, schreibt sogar die liechtensteinische Regierung in ihren Präsentationen. Und für das einzige Krankenhaus des Landes, in der Hauptstadt Vaduz, gilt das sowieso. Dort arbeiten gerade einmal 170 Menschen. Zum Vergleich: Im LKH Feldkirch sind es rund 1600.

Dabei gibt es für die österreichische Ärztin in Vaduz nichts, was sie an ihrer Arbeit und ihrem Arbeitgeber auszusetzen hätte. Im Gegenteil: „Nie wieder würde ich zurückgehen“, sagt die Allgemein- und Notfallmedizinerin, die im Liechtensteinischen Landesspital in der zentralen Notaufnahme arbeitet. Was in Österreich als besondere Errungenschaft in einzelnen Spitälern gefeiert wird, ergibt sich hier beinahe zwangsläufig. Mit ambulanten 10.000 Fällen pro Jahr oder umgerechnet etwa 28 pro Tag, würden mehrere Ambulanzen nebeneinander wenig Sinn machen. So mancher Hausarzt hat mehr zu tun.

Sie habe den Turnus in Österreich gemacht, erzählt die Medizinerin. In mehreren Spitälern, weil ihr Mann in Österreich die Facharztausbildung gemacht hat und sie oft mitwechselte. Ihr Fazit: „Gegenüber einem Turnusarzt ist das Interesse vom Mittelbau und der Chefetage daran, dass ein Nachwuchsarzt eine vernünftige Ausbildung bekommt, endenwollend.“ Das sei nirgendwo anders gewesen. „Der Turnusarzt ist der Zettelschreiber. Fertig.“ Das sei auch jetzt so, sagt sie und benennt ihre Schwester als Zeugin, die gerade ihren Turnus in Österreich mache.

Die Liechtensteiner Ärztin sieht diese Situation auch für die Zukunft des Gesundheitssystems in Österreich dramatisch. „Im Hinblick darauf, dass es schon jetzt zu wenige Hausärzte gibt, ist die Ausbildungssituation schlecht. Das tut sich keiner mehr an.“ Die Allgemeinmedizinerin weiß zu genau, wovon sie spricht, waren doch beide Eltern Landärzte und der Berufswunsch, praktische Ärztin zu werden, sei schon früh festgestanden.

Den für sie perfekten Arbeitsplatz und die dazu gehörende Wertschätzung habe sie nun in der Klinik in Liechtenstein gefunden, erzählt sie. Man werde hier bei Kollegen und von der Bevölkerung mit offenen Armen aufgenommen. „Das hier ist sicher eine kleine Insel der Seligen. Die Dienstwege sind kurz, alle versuchen, das Optimum für die Patienten zu leisten, und der Kontakt zur Führungsebene ist auch gut.“ Oder, wie die Regierung sagt: Jeder kennt jeden.

Dazu kommt, dass das Gehaltsniveau in Liechtenstein deutlich höher ist als in Österreich. Wie viel genau, kann oder will die Medizinerin nicht sagen. Sie habe keine genauen Vergleichswerte, da sie in Österreich ja nur den Turnus gemacht habe. Zudem relativiert sich der Wert, denn die Krankenversicherung ist wie in der Schweiz aus der eigenen Tasche zu bezahlen. Und die wiederum deckt auch nicht alles ab. Staatliche Unterstützung gibt es nur, wenn man sich die Versicherungsbeiträge nicht leisten kann. Die Prämien selbst wiederum richten sich nach der Höhe der Leistungen beziehungsweise der Selbstbehalte. Ähnlich wie bei einer Kaskoversicherung für ein Auto gilt: Je mehr die Versicherung leistet, umso höher sind die Prämien. Nimmt man höhere Selbstbehalte in Kauf, sind dafür die Prämien niedriger.

Klar geregelt sind seit Langem auch die Arbeitszeiten. „Wir arbeiten jene Stunden, die im Dienstplan vorgesehen sind.“ Kommt es zu Überstunden, was selten der Fall sei, würden diese auch entsprechend vergütet. „Man wird für das bezahlt, was man leistet. Natürlich wird auch viel verlangt, aber eben auch sauber honoriert. Das Spital ist ein hochanständiger Arbeitgeber.“

Ebenfalls in Liechtenstein arbeitet Barbara R. Sie ist Diplom­krankenpflegerin und führte in Vorarlberg sogar einmal als Pflegedienstleiterin ein Altersheim. Jetzt – in der Nähe von Vaduz – arbeitet sie wieder als „normale“ Schwester. Das Gehalt ist dennoch höher. Selbst nach Abzug der Versicherungsprämien, die sie als Grenzgängerin zu bezahlen hat, bleibt ihr netto mehr als früher, erzählt sie. Das Gehalt sei aber nicht der Hauptgrund für den Wechsel gewesen. Vielmehr seien hier das Arbeitsklima und vor allem die Wertschätzung besser.

Ähnlich argumentiert auch die aus dem Bregenzerwald stammende Ergotherapeutin Kornelia G. Sie arbeitet in einer Reha-Klinik in der Schweiz. Ihr Motiv für den Wechsel: das Arbeitsklima beim alten Job in Vorarlberg. Druck und Arbeitsstress seien höher gewesen, die Arbeit mit Patienten sei oft zum Akkord verkommen, erzählt sie. Nahezu wörtlich die gleichen Aussagen kommen von Alexandra H., die als Gynäkologin zuerst in einem Vorarlberger Spital arbeitete und dann nach St. Gallen ging. Dort arbeiten am Kantonsspital mehr als 60 Ärzte aus Österreich – vorwiegend aus Vorarlberg. Als Gründe für den Wechsel ins Ausland nennen die Ärzte vor allem flachere Hierarchien, innovative Behandlungskonzepte sowie starke Entlastungen weil es ausreichend Personal in der Pflege und Administration gibt.

Dabei hat die Vorarlberger Krankenhausbetriebsgesellschaft KHBG schon vor zwei Jahren auf die Entwicklungen reagiert. Während andere Bundesländer mit der Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie bis zum heurigen Jahreswechsel gewartet haben, stellte die KHBG schon früher auf wöchentlich maximal 48 Stunden um. Gleichzeitig wurden die Gehälter für Turnusärzte um 20 Prozent angehoben. Doch gerade bei Facharzt­gehältern und im Pflegebereich hinkt man noch hinterher.

Dazu kommt die komplexe Arztausbildung, die nach jahrelangen Diskussionen in Österreich nun reformiert wird. Der Turnus fällt weg und wird durch ein Klinisch-Praktisches Jahr ersetzt. Danach soll bereits der Einstieg in die Facharztausbildung möglich sein. Österreich schließt damit zu anderen Ländern wie eben die Schweiz, Liechtenstein oder Deutschland auf. Auch das war lange ein Grund für Abwanderungen.

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