Kurt Bereuter

56, studierte BWL, Philosophie und Politikwissenschaften. Organisationsberater und -entwickler, freier Journalist und Moderator, betreibt in Alberschwende das Vorholz-Institut für praktische Philosophie.

Eine Medizin-Uni in Vorarlberg – die letzte Chance?

Mai 2024

Eine private Medizin-Universität für Allgemeinmedizin in Vorarlberg ist schon länger Thema und der Initiator, der Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks), findet nun Unterstützung bei medizinischem Führungspersonal in den Vorarlberger Krankenhäusern. Eine Liste des aks mit unterstützenden Primarii aus verschiedenen Vorarlberger Krankenhäusern liegt vor.
Schon seit gut zwei Jahren versucht der aks in Vorarlberg eine private Medizin-Universität auf die Beine zu stellen, um dem drohenden Ärztemangel im Land entgegenzuwirken. Und zwar im Bereich der Allgemeinmedizin, die grundsätzlich am Anfang einer Erkrankung von größter Bedeutung ist. Die richtige Diagnose und Einleitung des geeigneten Therapiepfades sind oft entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung. Genau diesen Bereich soll die private Medizin-Uni in Vorarlberg abdecken. Sie wäre eine einhundertprozentige Tochter der privaten Salzburger „Paracelsus Medizinische Privatuniversität“ (PMU), die neben Salzburg (seit über 20 Jahren) auch in Nürnberg eine private Medizin-Uni betreibt. Vorarlberg wäre nun mit einer Bodensee-Medizin-Universität eine gewünschte regionale Ergänzung. 
Von Bundes- und Landesseite war die Unterstützung in Vorarlberg bisher überschaubar. Ein bis ins letzte Detail ausgearbeiteter Studienplan und ein exakter Finanzierungsplan wurde erstmals vor mehr als zehn Jahren von Professor Dr. Heinz Drexel und anderen vorgelegt und publiziert. Mittlerweile ist es den Verantwortlichen im aks gelungen, mehrere Primarärzte für eine solche private Med-Uni zu begeistern, wenn auch unabhängig vom Betreiber. Für sie würde eine solche medizinische Universität im Land vor allem dem drohenden ärztlichen Personalengpass vorbeugen. 
Primar und Privatdozent Dr. Matthias Frick, Abteilungsvorstand für Innere Medizin I im Landeskrankenhaus Feldkirch, ergänzt: „Mit einer privaten Medizin-Universität könnten die Karrierechancen der Mediziner und Medizinerinnen im Krankenhaus gesteigert werden und eine Medizin-Universität im Land Vorarlberg würde die Reputation des Standortes steigern, was nicht ‚nur‘ zu interessanten Bewerbungen bei Medizinern führen würde, sondern auch bei anderen medizinischen Berufsgruppen (Pflege, Physiotherapie etc.). Zudem könnte mit einer Medizin-Universität durch die wissenschaftliche Tätigkeit und Lehre das medizinische Niveau weiter ausgebaut werden.“
Der Primar der Chirurgie in Feldkirch und Bludenz, Professor Dr. Ingmar Königsrainer, spricht gar von einer „Beflügelung“ für unser Land in Hinblick auf die internationale Sichtbarkeit und Nachhaltigkeit in idealer Lage im Dreiländereck: „Eine derartige Struktur würde Spitzenmediziner und Vielfalt mit dem Potenzial eines wissenschaftlichen und kulturellen Diskurses ins Land bringen. Die Ausgangslage als akademische Lehrkrankenhäuser und das Vorhandensein zahlreicher habilitierter Mediziner im Lande sind dafür eine sehr gute Ausgangslage. Beinahe der gesamte klinische Bereich des Studiums kann vorgehalten werden, ein erheblicher Impulsgeber für klinische Forschung wäre zu erwarten. Die Lehre ist bereits gut aufgestellt, es bestehen Kooperationen mit Universitäten im In- und Ausland wo unsere Dozenten zum Teil ihren Lehrverpflichtungen nachkommen müssen/können. Forschung und Lehre gelten neben der klinischen Expertise auch als kompetitives Karrieresprungbrett für akademische Mitarbeiter. Dies wiederum steigert die Attraktivität des Standortes.“ Die chirurgische Abteilung in Feldkirch sei vorbereitet, diesen Weg in die Zukunft zu beschreiten, sagt Primar Königsrainer. 
Neben der Salzburger Paracelsus-Privatuniversität (PMU) gibt es laut Büro von Landesrätin Martina Rüscher mehrere Interessenten, die mit der Vorarlberger Landesregierung in Kontakt sind und teilweise auch Konzepte vorlegten. Ein Standort für eine Universität wäre laut aks leicht zu finden, zwischen Feldkirch und Hard, um auch dem Namen „Bodensee-Medizin-Universität“ gerecht zu werden. Wobei den Betreibern die Nähe zu Deutschland wichtig sei, sollen doch die Hälfte der Studierenden aus Deutschland stammen. 
Bundesminister Johannes Rauch sagte in einem Interview, er sei grundsätzlich der Meinung, dass die medizinische Ausbildung in die öffentliche Hand gehört. Er verwies dabei auf die Erfahrungen mit der privaten Sigmund-Freud-Universität in Wien, der die fortgesetzte Akkreditierung verweigert wurde. Dabei urteilte die Akkreditierungskommission nicht über die Ausbildungsqualität, schon gar nicht im Vergleich zu öffentlichen Med-Unis, sondern nur, ob die Konzeptbedingungen weiterhin erfüllt werden. Die Sigmund-Freud-Privatuniversität brachte nach eigenen Angaben eine Beschwerde gegen den Bescheid beim Bundesverwaltungsgericht ein und bekam insofern Recht, als die Akkreditierungsstelle neuerlich prüfen muss. Eine neuerliche Entscheidung steht aus. Die private Paracelsus-Universität hat mit solchen Problemen bisher nicht zu kämpfen. Im Übrigen gibt es auch in Niederösterreich, Krems, schon zwei private Medizin-Unis und dann sollte es doch in Vorarlberg auch möglich sein, eine solche auf die Beine zu stellen, meint aks-Vorstandsmitglied Dr. Hans Concin.
Durch ein Studium im Land sollten also die jungen Ärztinnen und Ärzte gar nicht erst „verloren“ gehen. Im Ausgleich für die Studiengebühren in Höhe von 25.000 Euro pro Jahr könnten sich die Familien die Kosten für eine Unterbringung außerhalb des Landes sparen, bringt Concin vor. Für finanzielle Unterstützung von begabten Vorarlberger Medizinstudierenden, die sich die Gebühren nicht oder nur eingeschränkt leisten könnten, seien Stipendien von Sponsoren vorgesehen, die teilweise schon stehen würden, erklärt Concin weiter. Dafür dauert dieses Studium bis zum fertigen Dr. med-univ. nur fünf Jahre (inklusive dem klinisch-praktischen Jahr), nicht zuletzt wegen verkürzter Ferien. Die Studienzeit wird wegen des streng durchgetakteten Studienplanes in der Regel eingehalten und es gebe bei der PMU nur eine sehr geringe Drop-out-Quote. Es schließen 85 Prozent das Studium erfolgreich ab und zwei Drittel der Studenten würden im Land bleiben, so die Erfahrungen aus Nürnberg. 
Die Finanzierung der Paracelsus-Privat-Med-Uni wurde laut aks-GF Georg Posch in ein schlüssiges Konzept verpackt. Der aks rechnet mit 50 Studierenden, die jährlich an der Uni aufgenommen würden. Nach fünf Jahren würde sich diese Uni selbst tragen. Was die Betreiber vom Land Vorarlberg fordern, ist eine von der Akkreditierungsstelle geforderte Ausfallshaftung für die ersten fünf Jahre des universitären Betriebs. Das entspräche einem maximalen Finanzierungsrisiko eines mittleren zweistelligen Millionenbetrages für das Land Vorarlberg, was auch in Salzburg gefordert war, aber laut aks-Geschäftsführer Hans Concin nie schlagend wurde.  
Und wann könnte so eine Private Med-Uni in Vorarlberg Realität sein? Laut Büro der für Gesundheit zuständigen Landesrätin, Martina Rüscher, ist die Vorarlberger Krankenhausbetriebsges.mbH (KHBG) federführend mit einer Machbarkeitsstudie beauftragt, die bis Ende des Jahres vorliegen soll. Die Umsetzung einer privaten Medizin-Uni biete aus Sicht des Landes Vorteile sowohl für die Fachkräftegewinnung als auch für die Fachkräftebindung. Der notwendige Ressourceneinsatz und die qualitativen Vorgaben müssten aber detailliert betrachtet werden. Eine Festlegung auf eine bestimmte Partneruniversität gebe es nicht, das Projektteam führe Gespräche mit mehreren Institutionen, um die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit auszuloten. Im Zuge dieser Machbarkeitsstudie sollen auch mögliche Stipendienmodelle erarbeitet werden. Aber es ist wieder einmal abzuwarten, wenigstens bis Ende des Jahres. 
Georg Posch erklärt, dass es für heuer und wohl auch für 2025 wieder zu spät ist und bei einer zweijährigen Vorlaufzeit ein Studienbeginn frühestens im Herbst 2026 möglich sein wird. 
Unterstützung erhalten die Betreiber übrigens nicht nur aus dem Krankenhausbereich, sondern auch von der SPÖ, von den Neos und der FPÖ. Auch die Vorarlberger Arbeiterkammer unter Ex-Direktorin Eva King und die Wirtschaftskammer Vorarlberg, Direktor Christoph Jenny, stehen diesem Projekt positiv gegenüber. Jenny zufolge steht auch die ÖGK diesem Projekt positiv gegenüber, weil es sich auch für die ärztliche Versorgung im niedergelassenen Bereich positiv auswirken könne. Das Konzept müsse selbstredend passen.  
Es werden also jetzt die Wahlen vor­übergehen und dann wird sich weisen, ob und wann es in Vorarlberg eine private Medizin-Uni geben wird. An mangelnder Unterstützung und nachgewiesenem Bedarf aus der Ärztebedarfsstudie des Landes kann es jedenfalls nicht liegen. 
Nach zehn Jahren wäre eine Entscheidung der Politik mehr als erwartbar: hopp oder dropp, meint der aks. Diese Entscheidung müsse nun noch dieses Jahr fallen, nachdem die längst erwartete Machbarkeitsstudie des Landes noch heuer präsentiert werden soll, so Georg Posch, sonst sei diese langjährige Chance wohl vertan. Das wäre angesichts der Argumente und der Unterstützung von vielen Seiten unverständlich.

Kommentare

To prevent automated spam submissions leave this field empty.