Thomas Köllen

Er arbeitet seit 2004 an der WU Wien am Institut für Gender und Diversität in Organisationen. Derzeit ist er als Gastprofessor an der Dalhousie University in Halifax/Kanada tätig.

Arbeiten inmitten von „Piefkefressern“ Deutsche Beschäftigte in Österreich

Mai 2016

Die Zahl der in Österreich lebenden Deutschen hat sich von 2002 bis 2015 auf rund 170.000 mehr als verdoppelt. Seit 2007 sind sie die größte Ausländergruppe in Österreich, wobei umgekehrt auch etwa 180.000 Österreicher in Deutschland leben. Eine von der WU Wien durchgeführte Studie untersucht erstmals das Arbeitsklima für deutsche Beschäftigte in Österreich.

Einmal in Österreich angekommen, erleben viele Deutsche, dass ihnen vielerorts mit gewissen Ressentiments begegnet wird und dass viele Österreicher recht stabile, stereotype Vorurteile über Deutsche haben, die dann oft die Basis für alltägliche, unterschwellig ablaufende oder offen vorgebrachte Anfeindungen sind (Aussage 3 in der Grafik). Obwohl Anti-Germanismus bzw. Deutschenfeindlichkeit in Österreich weit verbreitet und tief verankert ist, ist dieses Phänomen aus der österreichischen Diversity-Forschung bisher komplett ausgeblendet worden.

„Gegen Deutsche und Deutschland gerichtete Ressentiments basieren zu einem großen Teil darauf, dass für viele Österreicher das Nicht-Deutsch-Sein ein zentrales, konstituierendes Element ihrer österreichischen nationalen Identität ist. […] Negative Zuschreibungen Deutschen gegenüber bedeuten damit gleichzeitig eine positive Aufwertung des eigenen Österreichisch-Seins“ (Köllen, 2016). Diese Funktion, die Deutschland für das Selbstbild vieler Österreicher hat, ist vergleichbar mit einem fotografischen Negativ. Betrachtet man beispielsweise – aus österreichischer Sicht – die zentralen Elemente der Bilder von sich selbst und von „den Deutschen“, so wird deutlich, dass häufig die gleichen Kategorien wichtig sind, wobei Österreich dann zumeist jeweils positiv und Deutschland negativ eingefärbt wird, etwa bei den Kategorien Humor, Liebenswürdigkeit, Gelassenheit, Genussfähigkeit, kulturelle Feinsinnigkeit und Leitungsfähigkeit, Qualität des Essens, internationale Beliebtheit, Mitteilungsbedürftigkeit oder die Fähigkeit zur Selbstrelativierung. Am Arbeitsplatz werden diese Bilder dann häufig im Umgang mit deutschen Kollegen herangezogen (Aussage 2), nicht zuletzt, um Österreichisch-Sein in ein positives Licht zu rücken. Alltägliche Polarisierungen zwischen Deutschem und Österreichischem am Arbeitsplatz nehmen oft ihren Ausgang in aktuellen politischen oder sportlichen Ereignissen; da müssen dann Merkel, Böhmermann oder deutsche Formel-1-Fahrer für die Generalisierung von negativen Deutschlandbildern herhalten, die dann implizit Österreich natürlich aufwerten (Aussage 5).

Die Erzeugung dieses Selbst- und Fremdbildes ist eng verbunden mit der Koalitionsgeschichtsschreibung in Österreich nach 1945 (siehe Studienbericht). „Die Deutschen“ waren von nun an „die Anderen“, auf die alles Negative projiziert wurde, und sowohl das Benennen von möglichen Gemeinsamkeiten als auch das Andeuten möglicher positiver Fassetten von Deutschen oder Deutschem konnte dann gleich mit dem Generalverdacht sanktioniert werden, „deutschnational“ zu sein und Österreich an sich infrage zu stellen – ein Vorwurf, der auch heute teilweise noch zieht. Damit gehörte Deutschenfeindlichkeit zum guten Ton und war im Sinne eines „gesunden“ Austro-Patriotismus politisch durchaus korrekt. Dieser Zusammenhang besteht ebenfalls zum Teil auch heute noch (Aussage 4), wobei allzu offener „Deutschenhass“, wie ihn der damalige deutsche Botschafter für 1955 in Wien beschreibt (siehe Bericht), im direkten Kontakt mit Deutschen eher impliziten und unterschwelligen Formen gewichen ist – nicht zuletzt auch aus ökonomischen Gründen. Die meisten der in Österreich arbeitenden Deutschen gehen daher auch davon aus, dass ihre Kollegen ihre antideutschen Ressentiments vor allem dann verstärkt zum Ausdruck bringen, wenn sie unter sich sind (Aussage 1). Explizit ausgedrückter Anti-Germanismus hat sich eher auf die Ebene des „nationalen Selbstgesprächs“ verlagert. Vor allem in Berufsfeldern, die in einem hohen Maße einen freundlich-wertschätzenden Umgang mit deutschen Kunden erfordern, kann der Kompensationsbedarf nach innen besonders groß ist.

In Politik und Medien wird zu diesem Thema im Wesentlichen geschwiegen, oder aber es wird bagatellisiert und relativiert. Häufig wird so getan, als ob Bayern (oder generell Süddeutschland) nicht mitgemeint wären, wenn gegen Piefkes gehetzt wird – diese Wahrnehmung kann durch die Daten allerdings nicht bestätigt werden. Innerhalb Österreichs scheint es ein gewisses Ost-West-Gefälle beim Abgrenzungs- und Abwertungsbedürfnis gegenüber allem Deutschen zu geben, das in Wien besonders ausgeprägt zu sein scheint. Auch kann davon ausgegangen werden, dass heutige Schüler dieses Bedürfnis weniger stark haben als deren Elterngeneration. Dennoch gibt es die antideutsche Grundstimmung nach wie vor. Am Arbeitsplatz ist ein solches Klima natürlich nicht besonders förderlich, um deutsche Beschäftigte ans Unternehmen zu binden und ihnen zu ermöglichen, ihre volle Leistungsfähigkeit ins Unternehmen einzubringen. Es spricht daher viel dafür – sofern im eigenen Betrieb ein solches Klima besteht –, diesem durch geeignete (Diversity-)Maßnahmen etwas entgegenzusetzen.

Der kurze Studienbericht von Köllen (2016), „Arbeitssituation und Arbeitsklima für Deutsche in Österreich“, ist online verfügbar unter http://epub.wu.ac.at/4967/

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