Simon Groß

Redaktion ()

Baden wie damals

Juli 2021

Ein Rückblick auf frühere Zeiten, in denen Badekultur noch strikten Moral- und Sittenvorstellungen folgen musste.
Doch wo diese auftauchten, ging der Spaß trotzdem nicht unter.

Wir haben einzigartige und wunderschöne Naherholungsgebiete im Land. Und bei einem herrscht vom Arlberg bis nach Lochau Einigkeit: Der Bodensee ist nicht nur schön anzusehen, sondern auch das Baden im drittgrößten See Mitteleuropas nach dem Plattensee und dem Genfer See ist ein wahrer Genuss. Er bietet schönes Ambiente, sauberes Wasser und eine mittlere Wassertemperatur von 20 Grad im Juli. Für Hartgesottene ist der „Schwumm“ schon ab Anfang Mai möglich, aber bis mindestens Mitte September ist badetechnisch jedenfalls alles gut machbar. Trotz weitreichender Naturschutz-Uferabschnitte, die eine fantastische Vielfalt an Flora und Fauna beheimaten, gibt es heute zahlreiche attraktive Bademöglichkeiten. Die Freizeitbeschäftigung Baden – so wie wir sie heute kennen – gab es früher nicht, vielmehr stand hier die Körperhygiene im Vordergrund. Schwimmanstalten und öffentliche Bäder kamen in Europa erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Auch wenn immer deutlicher der freizeitliche zusätzlich zum gesundheitlichen Aspekt an Bedeutung gewann. 
Frei zugängliche (Sand-)Strände, Stege, Strandbäder und auch berühmte Badehäuser wie die Mili, die ehemalige Militärschwimmschule, bieten vielfältigen Badespaß – und dokumentieren auch ein Stück weit die Entwicklung der Badekultur am Bodensee. Das Bregenzer Stadtarchiv hat 2020 eigens eine Ausstellung zur Geschichte der Badekultur in und um die Stadt Bregenz entwickelt. Diese hat auch heuer bis Ende Oktober geöffnet und viele spannende Geschichten und vor allem lustige Anekdoten zu bieten – ein paar Einblicke dazu möchte ich in diesem Artikel vorwegnehmen.

Sitte und Moral

In den vergangenen Jahrhunderten war die Einhaltung von Sitte und Moral vor allem beim Baden unverzichtbar, erklärt Stadtarchivar Thomas Klagian. Das brachte – so lässt es sich für Vorarlberg zumindest bis in das 17. Jahrhundert nachweisen – auch strenge Regeln mit sich, die sich unter anderem in expliziten Badeordnungen widerspiegelten. Wer denkt, dass dies mit den folgenden Jahrhundertwechseln passé sein sollte, irrt: Denn noch 1962 war am Bodenseeufer sogar ein behördliches Bikiniverbot verhängt worden, obwohl der schicke Zweiteiler längst überall populär war – Marylin Monroe ließ sich bereits 1946 im Bikini ablichten, 1962 stand Bond-Girl Ursula Andress dem Helden auf der Jagd nach Dr. No im Bikini zur Seite. Zu viel Sex, zu viel Freizügigkeit, zu viel Selbstbestimmung im „subera Ländle“… Aber: Wo Sitte und Moral auftauchten, ging der Spaß trotzdem nicht unter.

Jo mein Gott, isch doch ned so wild!

Verbote und Ordnungen hin oder her – auf das erfrischende Baden und das lustvolle Planschen und „Sünnala“ wollte niemand verzichten, auch wenn manchen Geistlichen das „wilde Baden“ ein Dorn im keuschen Auge war. Augenscheinlich konnte – trotz Kontrollen der Gendarmerie – das tatsächlich wilde Baden aber dennoch kaum unterbunden werden: Sogar Zugreisende beschwerten sich immer wieder über Badende im Adamskostüm entlang der idyllischen Bahnstrecke am See. „Beim geregelten Baden arrangierte man sich schließlich aber mit den für Frauen und Männer getrennten Badeplätzen und jeweiligen Badezeiten und befolgte auch die Anweisung, sich ‚geziemend‘ zu bedecken“, sagt Klagian. Aber auch so kam es zu „Übertretungen“:
Vor allem junge Badegäste nutzten alle Möglichkeiten für den einen oder anderen „Güxler“. Das wird von Erzählungen untermauert, etwa jene von Wolfgang Rusch in „Bloß it vageassa“, einem mehrteiligen Erinnerungs- oder Erzählungsband: „Wenn wir durch Astlöcher und Spält vom Trockenraum, der zwischen Männlein und Weiblein war, zue da Wiiber ummegüxlet hond, dann haben uns besonders jene stattlichen Damen imponiert, die nach dem Schwimmen die klatschnassen Stoffbadeanzüge ausgezogen haben und sich dann, in riesige weiße Tücher gewickelt, zusammengesetzt haben.“ Und nun nicht nur des Genderns wegen: Auf der Seite der Gäst:innen wird es vermutlich nicht anders gewesen sein.

Badespaß für alle – gleichzeitig

Die steigende Anzahl von Bädern ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts und sicherlich auch der Boom der Bademode – vor allem auch jener aus dem Textilland Vorarlberg – zeigte deutlich auf, dass Baden längst massentauglicher Freizeitspaß und auch wegen des Fremdenverkehrs wirtschaftlicher Faktor geworden war. Mit der Zeit wünschten sich Gäste und auch Bevölkerung Bademöglichkeiten für die ganze Familie und für den gemeinsamen Zeitvertreib. Die ersten Bregenzer Strandbäder wurden zwar schon in den 1920er-Jahren errichtet, aber lediglich mit Kassa und Garderobe ausgestattet – und weiterhin nach Geschlechtern getrennt, so wie es in der bereits 1890 errichteten und 1948 abgebrochenen „Städtischen“ gepflogen wurde. Das war für Touristen allerdings unattraktiv, und so verbrachten diese ihren Urlaub dann auch lieber in Hard, wo es bereits ein Familienbad gab. 
Mit einem solchen zog Bregenz dann erst 1932 nach und trumpfte 1935 schließlich mit dem Strandbad auf, das damals als das modernste am Bodensee galt und 1979 im Rahmen der neuen Seeufergestaltung erweitert wurde. Es mag die Bregenzer überraschen: Auch im restlichen Vorarlberg gab und gibt es schöne Freibäder. Das Schwimmbad Felsenau in Frastanz ist seit 1903 übrigens das älteste noch bestehende Schwimmbad im Land. Und: Es gibt ohnehin über 33 Freibäder im ganzen Land, die man ausprobieren kann. Der Sommer wird lang und heiß. Hoffentlich.

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