Simon Groß

Redaktion ()

Ein Hinweis geht nie verloren

Mai 2020

Ein missglückter Drogendeal in Dornbirn-Haselstauden: Die Uneinigkeit über die Preisverhandlungen wird einem 27-jährigen Unterländer zum Verhängnis. Er erleidet einen tödlichen Bauchstich. Ein Jahr ist vergangen, und es wird noch immer nach dem Täter gesucht. Die bekannte Fernsehsendung Aktenzeichen XY lieferte kürzlich wertvolle Hinweise.

26. April 2019: Gegen 21:00 Uhr trifft sich ein junges Paar mit einem Drogendealer in einem kleinen Wäldchen in der Nähe des Bahnhofs Dornbirn-Haselstauden. Doch Käufer und Dealer geraten in einen heftigen Streit, bis der Tatverdächtige schließlich mit einem spitzen Gegenstand auf sein Opfer einsticht. Er flüchtet mit dem Bus, passiert dabei nochmals den Tatort und steigt am Bahnhof Dornbirn in eine Regionalbahn Richtung Feldkirch ein. Um 21:17 Uhr geht bei der Polizei ein Notruf ein, dann fällt die Anruferin in einen Schockzustand: Ihr 27-jähriger Freund verblutet noch an Ort und Stelle vor ihren Augen.

„Wir sind in der Nacht gerufen worden, dass es einen Vorfall gegeben hat, mit einer verstorbenen Person. Dann sind wir zum Tatort und haben uns alles angesehen“, erzählt Kontrollinspektor Bernd Marent. Marent ist seit sechs Jahren stellvertretender Leiter des Ermittlungsbereiches „Leib und Leben“ im Landeskriminalamt und blickt auf 15 Jahre Erfahrung in diesem Ermittlungsbereich zurück. Noch in derselben Nacht wurde die traumatisierte Augenzeugin auf der Dienststelle befragt. „Wir haben versucht, so behutsam wie möglich so viele Informationen wie möglich zu gewinnen. Denn die ersten – wie in diesem Fall leider sehr frischen – Informationen sind mitunter die wichtigsten“, sagt der Ermittler. Die Ermittlungen begannen, die Sofortfahndung lief an: „Mit allem, was man dann hat und an Information bekommen kann, versucht man, die nächsten Schritte zu planen.“

Dabei sei entscheidend, wie viel Zeit verstrichen ist. „Das muss man alles relativ sehen. Ist ein Vorfall gerade vor ein paar Minuten passiert, stehen die Chancen natürlich besser. Aber ein Zeitraum ist nie eine Garantie. Und selbstverständlich gilt auch: Je genauer die Beschreibung, desto enger kann man ein Netz um den Tatort legen und wieder einholen.“ Die Sofortfahndung blieb in dieser Nacht leider erfolglos. Der Verdächtige konnte sich vermutlich sehr rasch ins Ausland absetzen.
Den Ermittlern scheint schnell klar: Der Mann gehört vermutlich einer professionellen serbischen Drogenbande an, die in Vorarlberg, der Ostschweiz und im deutschen Bodenseeraum tätig ist. „Wir gehen davon aus, dass der Täter sofort Unterstützung seiner Hintermänner erhalten hat. Es ist anzunehmen, dass er sich seither in Serbien aufhält. Der konkrete Hinweis darauf fehlt aber – noch!“, sagt Marent energisch.

Spur führt ins Milieu

Polizeilich war der Mann zuvor unbekannt. „Nach Ermittlungen im Drogenmilieu konnten wir dann bald die Erkenntnis gewinnen, dass sich der mutmaßliche Täter in der Zeit zwischen Jänner und April 2019 in Vorarlberg aufgehalten und zwischen Bregenz und Feldkirch auch einige Abnehmer versorgt hat.“ Nach dem Vorfall seien die Geschäfte jedenfalls abrupt abgebrochen. „Gerade auch die momentane Situation macht es den Dealern nicht einfach, über die Grenzen zu kommen. So fehlen konkretere Anhaltspunkte, mit denen man auf die Gruppierung zugehen könnte.“ Eigentlich seien die Menschen aus dem Milieu diejenigen, die am ehesten Hinweise geben können und könnten: „Sie haben Kontakte, bekommen viel mit und die Kommunikation untereinander funktioniert recht gut.“ Einige Leute seien bereit gewesen, zu helfen: „Schlussendlich hat das aber auch nicht zu einem ganz konkreten Hinweis geführt. Die, die wirklich etwas sagen könnten, sind oft sehr zurückhaltend“, erklärt Marent und führt aus: „Das hat klarerweise seine Gründe: Etwa die Angst, selber Schwierigkeiten zu bekommen. Oder weil verständlicherweise auch niemand mit so einem schlimmen Vorfall zu tun haben möchte.“ Man könne mit Menschen aus dem Milieu aber sehr wohl sprechen: „Sucht und Leid schließen Verlässlichkeit und den Willen, zu helfen, nicht automatisch aus. Das Problem ist hier wie da einfach, dass man Hinweise oft nur schwer einordnen kann, gerade wenn es um Hörensagen geht. Der Aufwand ist immer sehr hoch. Aber das ist normal und überrascht uns nicht.“
Deswegen wird aber nicht alles gleich verworfen. „Es gibt Stadien, in denen wir einfach noch nichts haben, man geht aber jedem einzelnen Detail nach. Die Erfahrung spielt dabei schon eine sehr große Rolle, vor allem, was die erste Einordnung eines Hinweises betrifft. Aber überprüft wird alles, und es gibt auch Sachen, die man irgendwann wieder herausholen muss, weil sie später zu etwas passen können. Das ist ein ganz lebendiger Prozess, da ist ständig etwas im Wandel: Ein Hinweis geht nie verloren, sondern bleibt evident, egal wie sich die Dinge entwickeln.“

Breite Öffentlichkeitsfahndung

Irgendwann kam ein Anruf von den Produzenten der Fernsehsendung Aktenzeichen XY. Man bot an, zu helfen. „Wir hatten das zwar bereits ins Auge gefasst, es aber für einen späteren Zeitpunkt erwogen. Wir mussten uns die Frage stellen, ob sich ermittlungstechnisch vorerst nicht noch mehr ergeben könnte.“ Eine Öffentlichkeitsfahndung in diesem Ausmaß sei zudem an bestimmte Bedingungen und Rechtswege geknüpft: „Wir brauchen zuerst einen Auftrag der Staatsanwaltschaft. Wir sind zwar die ermittelnde Behörde, aber immer im Auftrag der Staatsanwaltschaft, die das Ermittlungsverfahren leitet. Die Entscheidung fiel schlussendlich, und sie hat sich rentiert“, sagt Marent, dem der Aufwand der Produktion erst dann richtig bewusst wurde: „Detailfragen, Fallbesprechungen, Drehbücher, der ständige Austausch zwischen Ermittlern, Justiz, Staatsanwaltschaften, Produktionsteams, monatelange Vorlaufzeiten, passende Schauspieler, Drehorte, sogar eigene Filmmusik – es ist unglaublich, was alles hinter so einem 10-15-minütigem Beitrag steckt. Millimeterarbeit von einer Armada an Leuten!“, erzählt der Ermittler, der selbst in der Sendung auftrat.

Die Richtung stimmt

Zum Fall sind bereits kurz nach der Sendung einige Hinweise eingegangen – sowohl vom In- als auch vom Ausland. „Jetzt ist aber noch nicht der richtige Zeitpunkt, genauer auf diese einzugehen“, stellt Marent klar. Aber: Es hätten sich neue Wege aufgetan. Mit vielversprechenden Ansatzpunkten.

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