Simon Groß

Redaktion ()

„mir Tuand an Jass!“

Juli 2019

Da Jass hat in Vorarlberg Tradition und ist mit Sicherheit das beliebteste Kartenspiel. Ein Sensationsfund des Vor­arlberger Landesarchivs aus dem Jahr 1999 belegt die frühe Entwicklung des Kartenspielens im Land. Bei der Restaurierung des Pergamenteinbands einer Handschrift des Klosters Mehrerau kam unter anderem ein vollständiges Kartenspiel mit 48 handbemalten Karten aus dem 16. Jahrhundert zum Vorschein. Und das unter kuriosen Umständen: Die vollständigen Karten und Fragmente weiterer Spielkarten wurden von einem Buchbinder neben Handschriften, Urkunden und Briefen offensichtlich als Makulatur zur Verstärkung des Einbands verwendet. Die ältesten Spielkarten des Landes wurden auf etwa 1570 datiert: quasi ein Altpapierfund. Darauf, dass man im heutigen Vorarlberg vor über 450 Jahren auf jeden Fall schon Karten gespielt hat, deutet auch darauf hin, dass große Teile der restlichen Einband-Makulatur aus dem Kloster Mehrerau und dem Raum Bregenz stammen. „So wie die in dem Klebedeckelband aufgefundenen Handschriftenfragmente im Gebrauch des Klosters gestanden waren, so darf man es auch für die Karten vermuten“, schrieb der frühere Landesarchivar Karl Heinz Burmeister zum Spielkartenfund.

Vom Stammtisch ins „Internet“

Der Begriff „Jass“ stamm jedenfalls aus dem Niederländischen: „Im Niederländischen gibt es die Redensart, mit ‚Jas en Nel‘ (mit Trumpfunter und Nell) bereit zu stehen, womit gesagt werden soll, dass man alles hat, was man braucht.“ Die Entstehung einer solchen Redensart lasse den Stellenwert der beiden Trumpfkarten („Buur und Nell“) erkennen, betonte Burmeister. Populär wurde das Jassen in der Schweiz und Vorarlberg im Laufe des 19. Jahrhunderts.
„Deutlich mehr gejasst wurde in allen Milieus jedenfalls im 20. Jahrhundert“, sagt der Vorarlberger Kulturwissenschaftler Bernhard Tschofen. Durchaus könnte das Jassen eine Art Höhepunkt in den 1950er- und 1960er-Jahren gehabt haben. „Solche Annahmen sind nicht ganz unbegründet und stützen sich auf die Tatsache, dass es zu dieser Zeit deutlich mehr öffentlichen Raum gab. Das Preisjassen oder die Jasserrunden hatten hier die wichtige Funktion der Vergesellschaftung und Gemeinschaftsbildung“, führt Tschofen aus. Er selbst habe nie so viel gejasst, wie in seiner Zeit als Vorarlberger in Wien: „Über Spiele kann man sich identifizieren und Zugehörigkeit zu einer Gruppe ausdrücken.“ Jassen ist also auch ein wesentliches Identitätssymbol, neben Kässpätzle oder Vorarlberger Dialekt. Sogar die Jasskarte selbst ist ein starkes Vorarlberg-Symbol. In der Vergangenheit war sie schon Plattform für politische Agitation, heute noch geben Banken oder Brauereien ihre eigenen Jasskarten als beliebte Werbegeschenke heraus.

„Tua mr an Jass“

Interessant beim Jassen ist auch die Verbindung zur Stammtischkultur – wobei es keinesfalls an Wirtshaus und „Jassertisch“ gebunden sein muss. So manches Kartendeck hat es im Gepäck auf Urlaubsreisen schon in die entferntesten Winkel der Welt geschafft. Außerdem kann man „An ghöriga Jass ou digital klopfa“, denn das Spiel ist sogar auf Online-Plattformen zugänglich und hat sich somit theoretisch weltumspannend etabliert – in der Praxis bleibt es aber wohl etwas regionaler bei „Ländlejass“ und Co.
Es geht beim Jassen um Entspannung, Spaß und Zeitvertreib ebenso wie um Kontakt, das Pflegen sozialer Beziehungen und den Austausch von Neuigkeiten. Casino-Flair hat das Jassen nie gehabt und reich wurde damit vermutlich auch noch keiner – auch wenn angeblich manche „Bündt“ und ganze Erbschaften verspielt worden sind. Darum geht es aber auch gar nicht. Beim beliebten Preisjassen, das früher wie heute gerne im Rahmen verschiedenster Veranstaltungen organisiert wird, kommen die Leute zusammen, haben Spaß am Spiel und am heiteren Zusammensein, und obendrein gibt es meist nette Preise. In den 1960er-Jahren waren sogar Fernsehgeräte beliebte Preise, auch Autos zählten bei legendären großen Preisjass-Events heimischer Fußballklubs zu den Hauptpreisen. Hier und da mag die Ausbeute wohl doch Vorrang gegenüber Heiterkeit und Spaß gehabt haben. Ausgerechnet Fernseher waren als Preise begehrt, die ironischerweise ja den öffentlichen Raum und damit den Nährboden für die gemeinschaftsbildende Kultur des Jassens beschnitten, wenn auch marginal. Immerhin gibt es inzwischen ja, wie schon erwähnt, das Online-Jassen.

Emotionale Passion

Das Jassen kann in Vorarlberg teils sehr laut und äußerst emotional werden. Das gegenseitige, nicht ganz ernst gemeinte Anschnauzen bei „Spielfehlern“ kann sehr rabiat erscheinen. Dabei wird einfach nur die große Leidenschaft deutlich, die sich im Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen, Haareraufen, auf den Tischklopfen und eben auch im Schimpfen äußert. So manchen sind vom Jassen mit den Profis „traumatische“ Erinnerungen à la „Mitam … han i mi nie meh traut zum Jassa. Der heat all gschnorrat, dass i in koan Schuah meh inepasst han!“ geblieben. „Die Emotionalität beim Jassen ist ein Teil von Erziehung und Sozialisation. Wer lernt, sich in das Spiel einzudenken, der fügt sich indirekt auch in die Gemeinschaft ein, die sich über das Spiel identifiziert“, sagt Tschofen. Das Jassen und die entsprechenden Emotionen hätten insofern sehr viel mit Disziplinierung zu tun: „Es hat die Funktion, uns zu lehren, mit Emotionalität umzugehen – Einstecken und Austeilen“, führt der Kulturwissenschaftler aus: „Man schmeißt sich beim Jassen immerhin keine Gläser an den Kopf und in der Regel ist es bald vergessen, wenn es mal einen Wickel gibt.“ Also, kein Grund zum „Nochejassa“.

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