Martin Rümmele

Der gebürtige Vorarlberger ist langjähriger Gesundheits- und Wirtschaftsjournalist und lebt und arbeitet in Wien und Kärnten. Er ist Autor mehrerer kritischer Gesundheitsbücher u.a. „Zukunft Gesundheit“ und „Medizin vom Fließband“ und wurde mehrfach für seine Arbeiten über Zusammenhänge von Wirtschaft und Medizin ausgezeichnet. Er ist zudem Herausgeber des ganzheitlichen Gesundheitsmagazins „lebensweise“.

So gesund ist Vorarlberg

Oktober 2020

Die Corona-Ampel zeigt erstmals, wie unterschiedlich eigentlich die Gesundheitssituation in Österreichs Bezirken ist. Experten sehen darin ein Beispiel dafür, wie man die Gesundheitsversorgung und den Gesundheitszustand insgesamt verbessern könnte: indem man Daten vergleicht und daraus lernt.
Doch politisch will das kaum jemand, denn alle fürchten schlechte Noten.

Gelb oder doch schon Orange? Und Rot als Bedrohung. Vorarlberg geht im Vergleich zu anderen Bundesländern schlecht in die zweite Corona-Welle. Es gibt Reisewarnungen. Deutschland stuft Vorarlberg als Risikogebiet ein. Die Corona-Ampel hat schlechte Nachrichten gebracht. Doch was sind die Ursachen dafür, fragen alle. Und wie kann man die Zahlen verbessern? Oder stimmen die Vergleiche gar nicht – und Vorarlberg oder einzelne Bezirke stehen eigentlich viel besser da, als die Zahlen vermuten lassen? Seit Tagen wird über Gesundheitsdaten diskutiert. Und es werden Maßnahmen gesetzt. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) zeigte sich Ende September bei der wöchentlichen Pressekonferenz zur Einstufung nach der Corona-Ampel voll des Lobes für Vorarlberg. Das Land habe eigene Standards gesetzt, indem man das regionale Infektionsrisiko auch nach den regionalen Strukturen definiert habe. Statt Bezirksgrenzen beurteilt man das Rheintal als Ballungsraum mit höherem Risiko als etwa den Bregenzewald.

Man kann nun über die Corona-Maßnahmen und die Umsetzung der Ampel trefflich streiten, den Sinn dahinter zweifelt kein Experte an. Doch wagen wir ein Experiment: Wie sieht es eigentlich mit den Daten in anderen Gesundheitsbereichen aus? Wie steht es grundsätzlich um die Gesundheit der Vorarlberger und um ihre Versorgung? Oder anders gefragt: Wie gesund oder krank ist die Bevölkerung? Wie groß ist die Zahl der Diabetiker? Wie viele Menschen leiden unter chronischen Rückenschmerzen? Wie steht es mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfällen, mit Krebs oder mit Demenz? Und wie ist es mit dem Vergleich mit anderen Bundesländern oder gar Bezirken? Anders gefragt: Wo liegt Vorarlberg gut und wo gibt es in Sachen Prävention oder auch in der Versorgung Handlungsbedarf?

So genau weiß das niemand. Oder besser gesagt: Man weiß es im Grunde schon, aber man redet nicht wirklich darüber. „Es gibt natürlich einen internen Datenabgleich etwa zwischen Spitälern über Behandlungsergebnisse, Erfolgs- und Misserfolgsraten von Operationen und vieles mehr“, sagt der Public Health-Experte und gelernte Mediziner Armin Fidler. Der Bregenzer arbeitete nach seinen Universitätsstudien in Innsbruck, Hamburg und an der Harvard University für die WHO in Mexico-City und ging dann als Berater für die Weltbank nach Washington, um die Regierung vor allem in Osteuropa und Asien bei der Entwicklung von Gesundheitssystemen zu beraten. Das Problem dieser Daten sei, dass sie in Österreich nicht publik gemacht werden, erklärt er. „Intern wissen Krankenhäuser genau, wie etwa die Sterblichkeitsrate bei einem Herzinfarkt ist.“ Das Problem dabei sei, wie im öffentlichen Diskurs mit solchen Informationen im Fall einer Veröffentlichung umgegangen würde. „Das ist natürlich schwer, das publik zu machen. Und komplex. Auf der Orthopädie der Uniklinik in Innsbruck sterben vermutlich mehr Menschen als in Kufstein. Das liegt aber daran, dass es in Innsbruck mehr Fälle und vor allem mehr schwerere Fälle gibt.“ Doch was ist besser und welche Schlüsse zieht man aus den Zahlen? Sind es einfach Noten, oder zeigen sie – konstruktiv betrachtet – Möglichkeiten für Ansätze?

Den theoretischen Ansatz der Vergleiche von Gesundheitsdaten gibt es in Österreich mit den vor einigen Jahren definierten Gesundheitszielen, wie etwa der Senkung der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und vielem mehr, sagt Fidler. „Wenn man das weiterentwickelt mit den Indikatoren, hat man Vergleiche. Man müsste nur bestehende Gesundheitsziele benchmarken. Das passiert vermutlich auch im Ministerium. Da laufend die Daten sicher irgendwo zusammen und dann sieht sich das sicher jemand an.“ Sie werde aber nicht in einen Handlungsakt umgesetzt und münden nicht in Maßnahmen, wenn etwa eine Region im Hintertreffen ist. Fidler: „Alles, was gemessen wird, kann man in positive Bahnen leiten oder in negative, wo dann unangenehme Dinge vertuscht oder kleingeredet werden.“ Corona zeige auch, dass man Gesundheit steuern kann, sagt der Experte. Steigen die Zahlen, kann man sogar binnen kurzer Zeit gegensteuern. „Ich bin positiv überrascht, was wir hier gemeinsam geleistet haben. Das kann man auch auf andere Bereiche beim Thema Gesundheit anwenden.“
Doch wie steht Vorarlberg wirklich da in Sachen Gesundheit? Im August hat die Gesundheitsökonomin Maria Hofmarcher beim Europäischen Forum Alp­bach eine Studie mit einem bundesweiten Vergleich veröffentlich. Ihr Fazit: Die Menschen in Vorarlberg sind gesund. „Die Lebenserwartung in guter Gesundheit ist hoch, sie erreicht etwa 70 Jahre.“ Die Zahl der vermeidbaren Todesfälle vor dem Alter von 75 Jahren ist aber höher als im österreichischen Durchschnitt. Verbesserungsbedarf ortet die Expertin in der Versorgungsqualität von Krebserkrankungen und Erkrankungen der Atemwege. Die Wartezeiten im niedergelassenen Bereich liegen im österreichischen Durchschnitt. Vorarlberg habe aber wenige Hausärzte pro 100.000 Einwohner. Gesamt gesehen sei das Vorarlberger Gesundheitssystem teurer als in anderen Bundesländern. Grund dafür seien aber die hohen Löhne, die an das ärztliche Personal im stationären und ambulanten Bereich gezahlt werden müssen, um die Versorgung sicherzustellen. Die hohen Ausgaben führen aber deshalb „nur bedingt zu einem besseren Gesundheitszustand“.

Die Analyse bestätigt auch der Lustenauer Hausarzt Günter Diem. Er ist Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Public Health und hat deshalb viel im solchen Vergleichen zu tun. „Wir können in Vorarlberg mit einer Lebenserwartung von 83 Jahren und mit 69,5 Jahren guter Gesundheit rechnen. Das ist gut. Und doch: An chronischen Erkrankungen leidet etwa ein Drittel der Bevölkerung.“ Die Problembereiche seien im Bereich Lebensstil weiterhin das Rauchen, „hier liegen wir an zweiter Stelle nach Wien“. „Beim Übergewicht liegen wir zwar unter dem Bundesschnitt, trotzdem bleibt dies ein wesentliches Gesundheitsrisiko, vor allem angesichts der seit Jahren zu beobachtenden Gewichtszunahme der Schulkinder.“ Bei den Kassenvertragsärzten pro 100.000 Einwohnern lag Vorarlberg 2018 bei unter 40 und damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Noch 2007 waren es 45. Positiv wiederum sei die sehr gut strukturierte mobile Pflege in Vorarlberg, die 67 Prozent der Pflegebedürftigen versorgt, sagt Diem. Das in Vorarlberg sehr gut etablierte Darmkrebs-Früherkennungsprogramm sei wiederum „ein erfolgreiches Beispiel für eine zeitgleiche Prävention und Intervention“. Das wünscht sich der Experte auch beim Thema Rauchen.
Ein genauer Blick in die Gesundheitsdaten könnte folglich Handlungsfelder aufzeigen. Wichtig sei aber ein emotionsloser Zugang dazu, sind sich die Experten einig. Gesundheitsminister Anschober formulierte das im Hinblick auf die Einstufen nach der Corona-Ampel so: „Das ist keine Zeugnisverteilung. Es ist eine Hilfe.“

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