Simon Groß

Redaktion ()

VORARLBERG I(S)ST DURCHAUS GESUND

Oktober 2021

Gesundheit hängt von vielem ab: Medizinische Versorgung, Bewegung, Job und Alltag, Stress, Ruhe und Entspannung. Vor allem aber von unserer Ernährung und dem entsprechenden Bewusstsein. Experten erklären, wie es um die Gesundheit und die Versorgung mit gesundem Essen in Vorarlberg steht.

Unser Essen versorgt uns mit vielen unentbehrlichen Substanzen, Nährstoffen und Vitaminen. Doch sorgt das bereits für ein gesundes Leben? „Essen ist für unseren Körper der Treib- und Baustoff, aber auch ein Genussmittel. Wie wir aus der Forschung wissen, können die Inhaltsstoffe unseres Essens Gesundheit aber auch Krankheit beeinflussen“, sagt Diätologin Julia Berger. Es sei schwierig – auch weil Datenmaterial kaum gebündelt werde – eine objektive Aussage zur Gesundheit der Bevölkerung zu machen. Sehr wohl aber zeigen sich in ihren persönlichen Beratungen häufig individuelle Problematiken: „Zu mir kommen Menschen, die sich gesünder ernähren wollen, weil sie bereits eine Erkrankung oder Lebensmittel-Unverträglichkeit haben. Sie wissen auch meist, inwiefern ihre Ernährungsgewohnheiten mit ihrer Gesundheit zu tun haben, sie wollen und sollen das auch optimieren. Grundsätzlich habe ich aber den Eindruck, dass den Menschen eine gesunde Ernährung wichtig ist und dass sie das zum großen Teil auch in die Tat umsetzen“, erklärt Berger.
Mitunter ist es auch das Bewusstsein für eine Ernährung, die uns gesund machen und auch halten soll. Die Vorarlberger und Vorarlbergerinnen ernähren sich sicherlich bewusst, und das „gerne“, wie man an der zelebrierten Kulinarik und Esskultur, aber vor allem auch an der regionalen Produktvielfalt von bester Qualität festmachen kann. Dabei stehen die heimische Landwirtschaft als Grundversorger, die verarbeitenden Betriebe, die Handelsbetriebe und Vertriebspartner wie auch die Gastronomie und schlussendlich die Konsumenten für ein sehr wichtiges Prinzip ein: Regionalität.

Was heißt Regionalität?

Regionalität ist kein räumlicher Begriff, sondern vielmehr eine gesamtheitliche Auffassung, die Wertschätzung gegenüber den Produkten und den lokalen Produzenten ausdrückt. Für letztere heißt Regionalität mitunter Verantwortung, Ehrlichkeit und Transparenz. „Es gilt zum einen, Qualität und Vielfalt zu stärken, aber auch, den Markt und die Bedürfnisse unserer Konsumenten im Auge zu behalten. Dazu gehört nicht nur der Anspruch höchster Qualität, sondern auch Tierwohl und kurze Transportwege“, sagt Gebhard Flatz, seit September 2020 Regionalkoordinator der Landwirtschaftskammer Vorarlberg. „Die Bevölkerung weiß, dass die Landwirtschaft ein entscheidender Faktor für die Versorgung mit gesunden und regionalen Lebensmitteln ist und schätzt deren Arbeit vom Tal bis auf die Alpen“, betont Flatz. Das funktioniere auch deswegen besonders gut, weil viele Landwirtschaftsbetriebe ihre Produkte direkt ab Hof, über Abo-Belieferungen wie Gemüsekisten, Wochenmärkte, die immer beliebteren Automaten oder an den Lebensmittelhandel und an die Gastronomie vermarkten.
Grundsätzlich steht es gut um die Gesundheit der hiesigen Bevölkerung. Gesundheitsökonomin Maria Hofmarcher stellte beim Europäischen Forum Alpbach 2020 eine bundesweit vergleichende Studie vor: Die Menschen in Vorarlberg sind gesund – die Lebenserwartung „in guter Gesundheit“ ist hoch, sie erreicht etwa 70 Jahre. Das heißt: 70 gesunde Jahre bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 83 Jahren. Dennoch leidet etwa ein Drittel der Bevölkerung an chronischen Krankheiten. Und das führt wieder zur Ernährung…

Regionalität in aller Munde, früher unbewusst eine Selbstverständlichkeit

Das Interesse anhochwertigen regionalen Produkten nimmt – bedingt auch durch die Pandemie – immer weiter zu. Für die Landwirtschaft ist das Herausforderung und Chance zugleich, sagt Flatz: „Die Menschen essen immer bewusster und achten auf eine ausgewogene Ernährung. Die Gewohnheiten ändern sich laufend, auf diese muss die Versorgung auch reagieren. Deswegen gehen wir auf Konsumenten zu und zeigen, welche Produkte wir haben und wo man diese bekommt. Es gehört aber auch dazu, der Landwirtschaft marktabhängige Empfehlungen zu geben: ‚Produziere, was die Menschen wünschen!‘ Bio-Freilandeier seien – beispielsweise – heutzutage gefragter denn je, auch lasse sich eine gewisse Rückbesinnung auf ältere oder traditionellere Sorten feststellen: „Im Getreidebau ist neben Dinkel und Riebelmais auch der alte Emmer wieder auf den Vorarlberger Feldern zu finden.“ Riebelmais wird seit dem 17. Jahrhundert im gesamten Vorarlberger Rheintal angebaut; die alte Sorte passt gut zu den neuen Anforderungen an „gesunde“ Lebensmittel: Mais ist von Natur aus glutenfrei. Zum Vergleich: Der Glutengehalt bei Weizen liegt bei bis zu 80 Prozent.

Altes studieren, Neues ausprobieren

„Man sollte Altes studieren und auch Neues ausprobieren. Alte Rezepte aufleben lassen, vielleicht einmal bei den Großeltern fragen, wie man dies und jenes früher machte. Denn eines ist klar: Da sind schon fast ausschließlich regionale Produkte dabei. Leider wissen heute viele Menschen nicht mehr, was man beispielsweise aus Kohl alles machen kann. Den Leuten gehen ein bisschen die Ideen aus“, betont Diätologin Berger. Dass eine bewusste Ernährung immer mehr in den Vordergrund rückt, führt die Expertin auch darauf zurück, dass Themen wie Unverträglichkeiten an Bedeutung gewonnen haben. „Deswegen ist das für viele betroffene Menschen mehr ein Thema als noch vor Jahrzehnten. Dazu kommt, dass in diesem Bereich sehr viel geforscht wird und es laufend neue Erkenntnisse gibt, von denen sich auch Trends ableiten lassen: Früher war es Low Fat, dann kam Low Carb.“ Die heutige Arbeitswelt, die Freizeitgestaltung und das ökologische Bewusstsein seien wichtige Faktoren zur Gestaltung der Ernährung, sagt Berger.

Bio im Trend

Insbesondere der Bio-Sektor wächst stark, ist aber auch einer, der mit vielen Erwartungen verbunden ist. Im Jahr 2020 war die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in Österreich so hoch wie noch nie. Allein im Lebensmittelhandel wurde Bioware im Wert von über 713 Millionen Euro gekauft. Das entspricht einer Steigerung von 23 Prozent gegenüber dem Jahr 2019. „Die Anzahl der Biobetriebe und das Ausmaß von biologisch bewirtschafteter Fläche wächst stetig, die Corona-Pandemie hat für einen nochmals stärkeren Zuwachs gesorgt“, berichtet Flatz. In Vorarlberg werden über 7000 Hektar Fläche biologisch bewirtschaftet (19 Prozent am Gesamtanteil), es gibt 507 Biobetriebe. 36 Höfe sorgen mit einem 47-prozentigen Bioanteil am Gesamtgemüse für eine beachtliche Versorgung.

Die hohen Standards seien allerdings eine Herausforderung: „Da muss ich alles händisch machen, Unkraut hacken. Wenn ich Insekten drinnen habe, da kann ich auch nicht einfach drüberfahren. Das zeigt auch, dass die Landwirte das schon auch von Herzen machen“, stellt Flatz klar. Nun gelte es, Konsumenten nachhaltig an die Biolandwirtschaft zu binden. 

Kein schlechtes Gewissen

Es tut sich bereits sehr viel im Land und die Bevölkerung ernährt sich recht gesund – aber dennoch: „Es muss nicht immer Bio sein. Noch wichtiger ist die Regionalität. Wenn ich die Wahl zwischen einem Bio-Kokos-Öl und einem konventionellen, mit hohen Standards produzierten Rapsöl aus Österreich habe, dann sollte ich mich an das Rapsöl halten“, sagt Berger. Sehr viel richtig macht, wer sich an den Grundsatz „regional – saisonal – biologisch“ hält, wobei regional und saisonal ohnehin Hand in Hand gehen. Auch Gebhard Flatz ist der Meinung, dass es nicht immer Bio sein muss, denn auch die konventionellen Produkte sind qualitativ sehr hochwertig und entsprechend gesund: „Wichtig ist, dass es aus der Region kommt. Das muss es uns allen wert sein, nicht nur wegen der Ökobilanz.“
Liege im Einkaufswagen dann doch einmal ein Filet vom Seelachs oder eine Avocado, dann solle man nicht sofort ein schlechtes Gewissen haben, sagt Berger: „Besser ist, dass man derartige Produkte nicht zu oft im Einkaufswagen hat. Wenn jeder seltener solche Produkte kauft, dann regelt das auch das Angebot. Aber als Ausnahme oder wenn man einfach wirklich Lust darauf hat, dann sollte man sich das schlechte Gewissen sparen. Wir haben aber ohnehin eine große Vielfalt an Obst, Gemüse, Getreide, Milchprodukten, Fisch und Fleisch – das macht es uns leicht, ausgewogen und schmackhaft, aber dennoch regional und abwechslungsreich zu essen. Einig sind sich Berger und Flatz darin, dass die Konsumenten insgesamt aber sehr entschieden auf dieses vielfältige Angebot zurückgreifen.

„Wichtig ist, dass es aus der Region kommt. Das muss es uns allen wert sein, nicht nur wegen der Ökobilanz.“

Gebhard Flatz, Regionalitätskoordinator der Landwirtschaftskammer

Zeit und Aufmerksamkeit

Gesunde Lebensmittel und das Bewusstsein für eine gesunde Ernährung sowie das entsprechende Kauf- und Konsumverhalten sind also entscheidende Faktoren, die Diätologin Berger mit den Attributen Zeit und Hingabe ergänzen möchte: „Wenn ich mir selbst etwas zubereitet habe, dann weiß ich, welche Arbeit von der Saat bis zu meinem Essen auf dem Teller steckt.“ Das dadurch bewusste, entspannte und aufmerksame Essen hat viele Vorteile: „Es regt die Verdauungssäfte mehr an, das heißt weniger Verdauungsprobleme. Man spürt die Sättigung besser und länger, ist zufriedener nach dem Essen. Das hilft auch jenen, die mit Heißhunger zu kämpfen haben. Die Achtsamkeit reduziert auch Stress. Und gerade beim Essen kann man das gut üben, weil man sozusagen ja keine Zeit verliert“, sagt Berger.
Wo die Diätologin noch Handlungsbedarf sieht, ist die Filterung und Bündelung des vielfältigen Informationsangebots zum Thema gesunde Ernährung: „Angebote gibt es viele, insbesondere im Internet. Doch die allein reichen nicht. Es gibt noch viel Potenzial in Sachen Prävention: Ob Kochkurse, Vorträge oder Workshops – es wäre gut, wenn es hier noch mehr direkte Angebote gäbe, die dann auch finanziell gefördert und somit für viel mehr Menschen zugänglich wären. Es gibt viele Berufsgruppen, die sich damit beschäftigen: Ernährungstrainer, Ernährungswissenschaftler, Diätologen. Das Wissen ist da – nutzen und fördern wir dieses Potenzial noch mehr, gerade auf betrieblicher Ebene und in den Bildungseinrichtungen“, appelliert die Diätologin. Die Betriebe würden das schon sehr gut umsetzen, „der gute alte Obstkorb-Standard ist vielerorts schon weit übertroffen: Vor allem für die Wirtschaft ist es interessant, sich die Ernährung auch im Zusammenhang mit Leistungsfähigkeit und auch Krankenstandtagen anzusehen. Da gibt es Untersuchungen, die diesen Zusammenhang klar belegen. Wenn man hier Zeit und Geld in die Hand nimmt, dann ist das ganz klar eine Win-win-Situation.“

 

„Wir sollten im Alltag achtsam mit unserer Gesundheit umgehen – nicht erst bei Krankheitssymptomen.“

Martina Rüscher, Gesundheitslandesrätin

Achtsam im Alltag

Das Land werde der Gesundheitsförderung und -vorsorge einen noch größeren Stellenwert geben, betont Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher. Als Entscheidungsgrundlage für das Gesundheitsprogramm der Landesregierung zählt vor allem die Meinung der Bevölkerung: „In einer ersten Befragung wurde klar, dass sich die Bevölkerung sehr stark mit dem Thema Gesundheit und Ernährung auseinandersetzt.“ Durchaus werden Verbesserungen beim leichteren Zugang zu Lebensmitteln aus regionaler, biologischer Produktion oder mehr – insbesondere praktische – Ernährungs- und Sportangebote bereits in Kindergärten, Schulen und am Arbeitsplatz gewünscht. Viele aktuelle Programme und Initiativen mit dieser Zielsetzung werden bereits in Anspruch genommen. Dennoch liege der Fokus weiterhin darauf, den Zugang zu gesunden und regionalen Lebensmitteln weiter zu erleichtern, „etwa durch niederschwellige Verfügbarkeit auf Märkten und im Lebensmittelhandel sowie durch Informationen und Bewusstseinsbildung von Beginn an. Dafür steigen wir noch stärker in die Steuerung von gesundheitsfördernden Maßnahmen, Programmen und Projekten ein und entwickeln die Sanitätsabteilung zum Vorarlberger Kompetenzzentrum für Public Health.“ Doch bei allen Aktivitäten, die gesetzt werden, ist Rüscher wichtig: „Wir sollten im Alltag achtsam mit unserer Gesundheit umgehen – nicht erst bei Krankheitssymptomen.“

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