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Die Kamera ist grausam Goldin, Model, Arbus: Hommage an die Vielfalt des Seins

Im Flatz Museum in Dornbirn sind noch bis 30. Juni unter dem Titel „Die Kamera ist grausam“ Meisterwerke der drei Grandes Dames der amerikanischen Fotografie-Geschichte – Lisette Model, Diane Arbus und Nan Goldin – zu sehen. Die Ausstellung wurde von Gerald Matt kuratiert, der Werke aus der Wiener Privatsammlung Jelitzka um Werke Goldins aus der Sammlung Gundlach erweiterte, in einer exklusiven Zusammenschau vereinte. Die Ausstellung zeigt drei Generationen von Fotopionierinnen, die den Blick auf die menschliche Gesellschaft um „das andere, das Außergewöhnliche, Verfemte und vordergründig Hässliche, um soziale Außenseiter und Randfiguren“ erweiterten.

Es war nicht die Welt der Reichen, Schönen, des Luxus und der Moden, die Lisette Model, Diane Arbus und Nan Goldin interessierte, es waren die sozialen Dimensionen des Zusammenlebens und die Randfiguren der Gesellschaft. Dabei brachen sie mit ihren Bildern fotografische Konventionen – Model mit Dynamik und Expressivität, Arbus mit einer eigensinnigen Steifheit und Inszenierung und Goldin mit ihrer intimen Schnappschussästhetik. So unterschiedlich in Generation, Zeit und Milieus sind ihre Arbeiten auch Hommagen an die Vielfalt des Seins.

Lisette Model formulierte geradezu programmatisch und selbstbewusst: „Fotografiere niemals etwas, das dich nicht interessiert!“ Und Sie interessierte sich vor allem für den Alltag, für menschliche Schwächen und Exaltiertheiten, die Welt, wie sie ist und nicht, wie sie sein könnte. Ihr Terrain waren die Straßen, Bars, Parks, Restaurants, die Armut des großstädtischen Alltags, das Nachtleben Manhattans sowie die Strände von Coney Island und in ihren Anfängen von Paris und Nizza.
Lisette Model wurde 1901 als Elise Amelie Stern in Wien geboren. Bekannt wurde sie bereits mit ihrer in Nizza an der Promenade des Anglais 1934 entstandenen Bilderserie, ironische Bilder wenig sympathischer Repräsentanten einer verklingenden großbürgerlichen Gesellschaft; Bilder, in denen sich bereits ihre spätere künstlerische Haltung und Handschrift offenbarte. Nach Ihrer Emigration 1938 in die Vereinigten Staaten erhielt sie vom ihre radikale Arbeit bewundernden Art Director von „Harper‘s Bazaar“ ihre ersten Aufträge. Nicht lange jedoch hielt ihr Interesse für Laufstege und Models an. Bereits 1940 lieferte Model für ihre Zeit außergewöhnliche, ja extravagante Fotos, die den Blick auch auf das vordergründig Hässliche, das Heruntergekommene und auf Außenseiter und Verlierer richteten. Anfang der 1950er-Jahre verlor sie ihren Job und arbeitete fortan als freie Fotografin.

Ihre Fotos entstanden im Unterwegssein, sind Schnappschüsse, die sie rasch und sicher aus den Eingebungen und Eindrücken des Augenblicks heraus machte, Bilder, die man heute der Street Photography zuordnen würde. Motiv und Perspektive perfektionierte sie auch durch das oft radikale Zurechtstutzen ihrer Negative auf das ihrer Bilder. Model sagte über sich selbst: „Ich liebe den Schnappschuss, er kommt von allen Bildern der Wahrheit am nächsten.“ Ihre New Yorker Arbeiten, insbesondere auch ihre Jazz-Impressionen, Spiegelbilder und „Laufenden-Beine-Porträts“ erzählen über das Individuum hinausgehende soziale Porträts der Gesellschaft ihrer Zeit. Sie sind Zeugnisse einer urbanen Lebenswelt, einer vibrierenden und in ständigem Wandel befindlichen Metropole, der ihre Leidenschaft galt. Mitte der 1950er-Jahre wandte sich Model von der aktiven Fotografie ab, da ihr amerikanische Behörden kommunistische Aktivitäten unterstellten und damit neue Aufträge erschwerten. So lehrte die Künstlerin ab 1953 bis zu ihrem Tod 1986 an der New School for Social Research in New York City. Eine ihrer bekanntesten Schülerinnen sollte Diane Arbus werden.

Während Lisette Model mit ihren Bildern ein schillerndes Kaleidoskop urbanen Treibens erschuf und mit ihren radikalen Bildern des Alltags die Grenzen zwischen schön und hässlich und der Gesellschaft und ihren Rändern aufhob, interessierte sich Arbus vor allem für das „andere“, Surreale und Bizarre, für Außenseiter, und brach mit deren Darstellung künstlerische und soziale Tabus. Dem fotografischen Kosmos von Diane Arbus gehörten körperlich und geistig behinderte Menschen, Zirkusartisten, Nudisten, Kleinwüchsige, Zwillinge, Transvestiten, Prostituierte an. Selbst wenn Sie sich mit „Durchschnittsmenschen“ auseinandersetzte, wirken diese in Positionierung und Posen seltsam fremd und fern von ihrer Wirklichkeit.
Diane Arbus wurde als Diane Nemerov 1923 in New York geboren. Ihrer Familie gehörte das Modekaufhaus Russels an der Fifth Avenue. Auch am Beginn ihrer Karriere stand die Modefotografie. Nach einem Studium bei Lisette Model etablierte sie sich jedoch als freie Fotografin und spürte dem Extremen und Abseitigen und deren Modellen in New Yorks schrägsten Orten wie „Huberts Museum“, einem Sideshow-Gauklerkeller, oder dem Transvestiten-Treff „Club 82“ nach: „Lisette befreite mich von meinen bürgerlich-puritanischen Vorurteilen. Fotografien, die Bewunderung verdienen, haben die Kraft, aufzuschrecken.“ Im Gegensatz zu Lisette Model orientierte sich Arbus an der Arbeit im Studio und verband das Kalkül überlegter Komposition mit der Ästhetik des Schnappschusses. Ihre Personen wissen, dass sie fotografiert werden und haben Zeit, sich vor der Kamera zu präsentieren. Susan Sontag kommentiert Arbus’ Haltung und Arbeitsweise in ihrem Text „Über Fotografie“: „Die Menschen, die in Arbus’ Welt angesiedelt sind, enthüllen sich immer selbst. Hier gibt es keinen ‚entscheidenden Moment‘. … Statt sie zu überreden, eine ‚natürliche‘ oder typische Haltung einzunehmen, ermunterte sie ihre Modelle, ..., zu posieren. Wenn sie so steif dastehen oder dasitzen, wirken sie bereits wie Abbilder ihrer selbst.“

1967 wurden ihre Werke in der Ausstellung „New Documents“ im Museum of Modern Art präsentiert. Ihr zunehmender künstlerischer Erfolg ging einher mit zunehmenden Einbrüchen im kommerziellen Geschäft. So nahm auch Sie Ende der 1960er-Jahre Lehrtätigkeiten an der Cooper Union und an der Rhode Island School an. Diane Arbus litt zeitlebens an schweren Depressionen. 1971 nahm Sie sich das Leben. 1972 war sie die erste amerikanische Fotografin, die auf der Biennale Venedig gezeigt wurde. Ihre 1972 erschienene Monografie „Diane Arbus: An Aperture Monograph“ machte sie zur Kultfigur und ist eines der meistverkauften Bücher der Fotogeschichte.

Auch wenn Diane Arbus die Grenzen des „Normalen“ und „Schönen“ und der tolerierten gesellschaftlichen Ästhetik überschritt und die psychologische Dimension des Bildes und der Abgebildeten beleuchtete, stellte sie ihre Protagonisten nicht bloß.

Nan Goldin und Diane Arbus verbindet ihr Interesse und Respekt für die Ränder der Gesellschaft, die sie mit ihrer Arbeit und ihrem Leben sichtbar machten, ja geradezu feierten. Nan Goldin setzte anstelle des oftmals distanzierten und inszenierten Blickes von Arbus Schnappschüsse ihres Lebens, intime Bilder voller Verbundenheit mit Menschen und Szenen, denen sie selbst zugehörte. So verewigte sie mit ihren Schnappschüssen den Zeitgeist New Yorks, der Drogenszene Manhattans und insbesonders der Bowery, der Post-Punk- und New-Wave-Musikszene und Post-Stonewall-Gay-Subkultur. Bild für Bild erzählt Nan Goldin von ihren persönlichen Erlebnissen, von ihren Freunden, von deren Leben aber auch Sterben, von ihren Lieben und Verlusten, von Ekstase und Schmerz, Sex und Drogen, Abhängigkeit, Gewalt und Krankheit, von den Höhen und Tiefen ihres Lebens in den jenen Jahren. Goldin ist die Fotografin der New Yorker Subkultur der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre, die von der LGBT-Community, Aids und Drogensucht geprägt war.

Nan Goldin wurde 1953 in Washington, D.C., geboren. Sie studierte an der School of the Museum of Fine Arts in Boston. Dabei sollten Einflüsse von Andy Warhol, frühe Filme von Jack Smith oder auch Federico Fellini wichtig für die Entwicklung ihrer Bildsprache werden. 1978 ging Sie nach New York, wo sie auch heute neben Berlin und Paris lebt und arbeitet. Ihre Kamera wurde ihr nicht nur Instrument der Selbstdefinition und Selbstfindung, sondern auch ein politischer Schlüssel, um in USA totgeschwiegene Themen aufzugreifen. Ihr Anliegen war jedoch keine soziale Analyse, sondern eine Hommage „der Respekt für eine Lebenskultur und –Form“. Die Szene war ihr weder bizarr noch exotisch. Es war ihr Leben: „Ich fühlte mit den Dragqueens und lebte mit ihnen.“ Als andere ihren Stil kopierten, lehnte sie eine Kommerzialisierung der Ästhetik unter dem Stichwort „Heroin Chic“ als „verwerflich und böse“ ab.

Mit oft ungenügendem Licht und in Bewegung erzielte sie die für sie typischen Bilder von Dragqueens, Schwulen und Lesben, von sich selbst und ihrer Szene vor Spiegeln, in Bars und Badezimmern, beim Sex und Drogenkonsum, als Teil einer Kultur des Überschwangs und der Angst, der Obsession und der Abhängigkeit. Ihr Anliegen ließe sich mit dem einem Song von Velvet Underground entlehnten Titel einer ihrer Serien „I‘ll Be Your Mirror“ am besten zusammenfassen.
Model, Arbus und Goldin erweiterten die Fotografie radikal um eine andere Sichtweise, die gesellschaftliche und ästhetische Grenzen hinter sich lässt und die Menschen und die Welt in ihrer Vielfalt zeigt. Wenn Diane Arbus postuliert „Die Kamera ist grausam“, so ist dies als Provokation zu verstehen. Die Werke der Künstlerinnen zeigen, dass nicht die Kamera grausam ist, es sind oft die Menschen.

02.06.2018

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Gerald A. Matt

Kunstmanager, Publizist und Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst Wien

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