
Was verloren geht
Bei Spitzensportlern ist jedem klar, dass Topleistungen in der Regel nur im frühen Erwachsenenalter möglich sind, weil mit zunehmendem Alter die körperliche Leistungsfähigkeit abnimmt. Bei kognitiven Fähigkeiten nahm man lange an, dass es sich mit ihnen ebenso verhielte, sodass diese Fähigkeiten ab dem Alter von ungefähr 30 Jahren wieder abnehmen würden. Neueste Forschungsarbeiten zeigen, dass dem nicht so ist. Jedoch spielt ein wichtiger Faktor dabei eine große Rolle.
Im Berufsleben spielen kognitive Fähigkeiten wenig überraschend eine bedeutende Rolle. Es geht dabei aber nicht nur um die Intelligenz, die man in Intelligenztests messen kann, sondern auch stark um Lese- und Rechenkompetenzen, die für die Bewältigung des Alltags, aber auch für berufliche Entscheidungen relevant sind.
Lesekompetenz bedeutet, dass man schriftliche Texte verstehen und die darin enthaltenen Informationen für eigene Ziele oder Aufgaben nutzen kann. Diese Fähigkeit ermöglicht einen Zugewinn an Wissen, was wirtschaftliche und soziale Entscheidungen positiv beeinflussen kann. Viele Studien belegen, dass eine höhere Lesekompetenz mit besseren Ergebnissen am Arbeitsplatz (etwa durch schnelleren Aufstieg oder durch höhere Zufriedenheit im Beruf) und mit stärkerer sozialer Teilhabe (etwa durch Engagement in verschiedenen Vereinen oder Organisationen) einhergeht.
Rechenkompetenz meint nicht, dass man komplizierte Integralrechnungen lösen kann (was zwar nicht schadet, aber im Alltag äußerst selten gebraucht wird), sondern dass man mathematische Informationen in Texten verstehen, für Problemlösungen anwenden, richtig interpretieren oder gegenüber anderen Menschen verständlich kommunizieren kann.
Angesichts der Menge an quantitativen Informationen, die jeden Tag auf uns einprasseln – man denke etwa an die neuesten Daten zur Höhe der Inflation oder die prozentuelle Anhebung der Kollektivvertragslöhne oder der Pensionen –, ist Rechenkompetenz genauso wie Lesekompetenz eine wichtige Fähigkeit, um sowohl im Berufs- wie im Privatleben richtige Entscheidungen zu treffen.
Seit den frühen 2010er Jahren erhebt die OECD (die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) auf der Basis von repräsentativen Stichproben die Lese- und Rechenkompetenz in ihren über 30 Mitgliedsländern, wozu Österreich, Deutschland und die Schweiz gehören. Das entsprechende Testprogramm ist als PIAAC bekannt, was für „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“ steht und das Erwachsene im Alter von 16 bis 65 Jahren testet.
Ein Beispiel für eine Testfrage zur Rechenkompetenz sieht so aus: Angenommen, in einem Land soll ein Atomkraftwerk abgeschaltet werden, das pro Jahr durchschnittlich 3572 Gigawattstunden an elektrischer Energie produzierte, wie viele Windkraftstationen würde man brauchen, um die Abschaltung des Atomkraftwerks zu kompensieren, wenn eine Windkraftstation im Schnitt circa 6000 Megawattstunden an Energie produziert?
Lesekompetenz wird beispielsweise getestet, indem die Teilnehmer zuerst eine Seite mit Informationen über die Regeln in einem fiktiven Kindergarten bekommen und dann zu einer der Regeln befragt werden, beispielsweise, bis wann in diesem Kindergarten die Kinder am Morgen spätestens eintreffen müssen.
In der jüngsten Befragungswelle 2022/2023 schnitten die österreichischen Teilnehmer bei der Lesekompetenz schlechter als der OECD-Durchschnitt ab, bei der Rechenkompetenz besser als der Durchschnitt. Besorgniserregend ist aber der Umstand, dass sich der Anteil der Personen mit niedriger Lese- beziehungsweise niedriger Rechenkompetenz seit der ersten Messung 2011/2012 sehr stark erhöht hat (um zwölf Prozentpunkte auf 29 Prozent bei der Lesekompetenz und um fast sieben Prozentpunkte auf 22,6 Prozent bei der Rechenkompetenz). Das ist für den österreichischen Arbeitsmarkt, aber auch für das alltägliche Leben der betroffenen Menschen keine gute Nachricht.
Ein anderer Aspekt, der bei der Messung der Lese- und Rechenkompetenz immer wieder im Zentrum der Diskussion steht, ist die Frage, ab welchem Alter diese Kompetenzen wieder zurückgehen. Schließlich ist man ja kaum einmal in seinem Leben so gut gebildet wie nach dem Abschluss der Schule, in der man allerhand Dinge lernen konnte und musste. Die klassische Annahme über viele Jahre bestand darin, dass Lese- und Rechenkompetenz ab dem Alter von circa 30 Jahren wieder abnehmen. Wenn dem so wäre, wäre das ebenfalls keine gute Nachricht.
Eine aktuelle Studie von Ludger Wößmann vom ifo-Institut in München und weiteren Autoren hat aber erstmals anhand von deutschen Längsschnittsdaten feststellen können, dass dem nicht so ist. Ganz im Gegenteil, die Autoren fanden heraus, dass die kognitiven Fähigkeiten in Lese- und Rechenkompetenz bis ins fünfte Lebensjahrzehnt (also bis in die Vierzigerjahre) im Schnitt stark zunehmen. Danach gibt es im Durchschnitt bei der Lesekompetenz einen leichten und bei der Rechenkompetenz einen stärkeren Rückgang.
Besonders hervorzuheben ist dabei der folgende Aspekt: Die Kompetenzen gehen im höheren Alter nur bei jenen Personen zurück, die ihre Kompetenzen (vor allem im Beruf) wenig nutzen. Deshalb schreiben die Autoren in ihrem Titel von „Use it or lose it“. Das heißt, eine regelmäßige Beschäftigung mit Lesetexten und deren Interpretation beziehungsweise mit quantitativen Angaben und einfachen bis mittelschweren Berechnungen hilft dabei, Lese- und Rechenkompetenzen während des gesamten Berufslebens hoch zu halten, was wiederum für den Erfolg im Berufsleben vorteilhaft ist, wie eingangs schon erwähnt. Dies spricht dafür, dass Konzepte wie lebenslanges Lernen auch am Arbeitsplatz in Politik, Wirtschaft und Bevölkerung mehr Beachtung finden sollten.








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