
Künstliche Intelligenz im Unterricht
Eine neue Herausforderung für die Lernenden und die Lehrenden.
Bücher werden in unseren Schulen bald überflüssig sein, denn man kann jede Art von menschlichem Wissen mit der neuen Technik lehren.“ Es war eine kühne These, die Thomas Alva Edison im Jahre 1913 über den Film aufstellte. Er hat sich mächtig geirrt. Im Gegenteil: Meine Wahrnehmung in 35 Jahren Unterrichtstätigkeit war eher, dass es sich die Schüler – in Erwartung der Chance des passiven Konsums – eher gemütlich machten, wenn die Lehrperson dieses Medium einsetzte. Es braucht klare Anweisungen und Arbeitsaufträge, um ein messbares Unterrichtsergebnis zu erzielen. Die Gefahr, dass die Künstliche Intelligenz die Schüler zum passiven Konsum „verführt“, ist noch größer als beim Film. Der ORF berichtete dazu über eine Studie der OECD unter der Schlagzeile: „KI kann in der Schule träge machen.“
Herausforderungen schaffen
Lernen ist jedoch häufig ein mühsamer Prozess. Gelingt es, vom Lernenden selbst Lösungen zu erarbeiten, entstehen wertvolle Erfolgserlebnisse, oft auch im Team. Werden Problemstellungen oder Aufgaben dagegen von der KI gelöst, ohne dass die Schüler eigene Denkleistungen erbringen, mag dies kurzfristig das „Problem“ beseitigen – langfristig führt es jedoch zu Nachteilen, da die Nachhaltigkeit des Lernens fehlt. Es ist deshalb für Lehrpersonen eine sehr wichtige – nicht zu unterschätzende – Aufgabe, Lernprozesse so zu gestalten, dass die KI zwar unterstützend, aber nicht „lösend“ angewendet wird. Dies ist insbesondere für lernschwächere Schüler wichtig, die Hilfe mehr brauchen.
Ohne Wolle (Wissen) kann man nicht stricken
Diese Wahrheit habe ich vor fast 40 Jahren das erste Mal von Rolf Dubs gehört. Konrad Paul Lissmann spricht von Wissen, das gegen Veränderungen resistent ist und das Grundlage für Lehrpläne sein könnte, befürchtet aber, in Anspielung an den Namen des Bildungsministers, die „ewige Wiederkehr des Gleichen.“ Er hat recht! Seit vielen Jahren wird mehr „Kompetenzorientierung“ gefordert, im Moment im Zusammenhang mit der KI. Dabei kann ChatGPT eine perfekte Bilanzanalyse zeigen; kennt ein Schüler den Unterschied zwischen Anlage- und Umlaufvermögen oder Eigen- und Fremdkapital nicht wirklich, ist er mit dem Ergebnis vollkommen überfordert. Dasselbe gilt wohl für (fast) alle Fächer und Themen. Die Erfahrungen zeigen, dass das Interesse an Inhalten/Wissen motivierend für Schüler sein kann. Das gilt auch für das Lernen von Fremdsprachen. Die aktuelle Diskussion um die Kürzung der Lateinstunden ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Der HAK-Absolvent Armin Wolf meint allerdings dazu: „Mir ist diese Latein-Fetischisierung ein echtes Rätsel. Warum sind Menschen stolz darauf, dass sie mit fünfzig Jahren noch Ovid zitieren können, während sie den Unterschied von Gewinn und Cashflow nicht kennen? Und warum würde jemand lieber Latein können als eine lebende Sprache?“ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, außer, dass auch er die Bedeutung von Wissen betont. Sehr nachdenklich stimmt deshalb, dass ein Fach Künstliche Intelligenz eingeführt werden soll, jedoch über Inhalte noch nichts zu hören ist. Da sollte man dann die Zahl der Lateinstunden belassen und die KI als Unterstützung einsetzen. Noch besser wäre die Stärkung einer zweiten lebenden Fremdsprache neben Englisch. Mit einer Sprache lernen die Schüler auch immer die Kultur und ein Verständnis für (Wirtschafts-)Räume. Das Mercosur-Abkommen wurde von der Wirtschaft sehr begrüßt. Spanisch zu können, ist in diesem Zusammenhang sicher ein großer Vorteil. Praktisch alle Vorteile, die für das Lernen von Latein genannt werden, gelten auch für diese lebende Sprache. Dies gilt vor allem auch für den Einsatz der KI. Nüchtern betrachtet, ist Latein ein Relikt aus der Zeit, als es die lingua franca war.
Lernanlässe und Potenziale
Wie kann Lernen mit KI gestaltet werden? Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum Denken kann die Formulierung der Fragen (Prompts) oder der Problemstellung an die KI anregen. Naheliegend ist beispielsweise auch, dass das, was dann die KI liefert, „kontrolliert“ und diskutiert wird. Dies kann mit gezielten Fragen geprüft und besprochen werden. Ein Vergleich mit anderen und eine Analyse der Quellen ist möglich. Aus der Antwort der KI können weitere Fragen entwickelt werden. Mit Notebook LM können künstliche Dialoge in Englisch generiert werden, die in der Klasse gehört und diskutiert werden. Zu alldem ist die Unterstützung einer Lehrperson wichtig. Sie kann die weiteren Möglichkeiten zur Individualisierung des Unterrichts nutzen. KI erleichtert beispielsweise mit dem „Copilot“ von Microsoft das „Einsammeln von Schülerleistungen“ massiv. Deshalb ist die individuelle Rückmeldung wesentlich einfacher.
Besonders herausfordernd für Lehrpersonen wird es auch sein, die KI selbst zum Thema zu machen, weil im Hintergrund komplexe Prozesse laufen. In diesem Sinne gilt es den Begriff „Medienkompetenz“ zu konkreten Inhalten zu operationalisieren. Dem Schulträger obliegt die Aufgabe, die notwendigen Mittel (Programme, Geräte usw.) zur Verfügung zu stellen und darauf zu achten, dass Datenschutzregeln eingehalten werden. Es ist auch zu betonen, dass Lernen sehr oft mit Emotionen und Persönlichkeit einher geht. Weil positive Emotionen das Lernen fördern, sollen durchaus Glücks- und Erfolgsmomente geschaffen werden. In einem Text in dieser Zeitung (Februar-Ausgabe) „Wie künstliche Intelligenz uns verblöden lässt“, werden insbesondere diese Aspekte angesprochen. Der Autor warnt davor, nicht authentisch zu sein und sich zu sehr auf die KI zu verlassen.
Die Einführung des Taschenrechners in den 1970er-Jahren hat den Unterricht in Mathematik stark verändert. Die Geräte haben sich seit damals zu „Minicomputern“ weiterentwickelt. Sie lösen komplexe Probleme. Weil sie allerdings den Schülern zumindest teilweise das Denken, das Verstehen und das Handeln abnehmen, geht die Mathematikdidaktik dazu über, Aufgaben zu geben, die nicht mit Taschenrechnern zu lösen sind beziehungsweise den Taschenrechner bei der Lösung von Aufgaben nicht zuzulassen. „Künstliche Intelligenz im Unterricht ist wie ein Taschenrechner fürs Denken“, mahnt Hans Peter Siller von der Universität Würzburg. „Sinnvoll, wenn er das Verständnis vertieft, aber gefährlich, wenn er das Verständnis ersetzt.“ Es braucht unbedingt Phasen ohne KI und Aufgaben, die mit der KI nicht zu lösen sind. Letztlich arbeitet sie ja nur mit Daten, die im Netz vorhanden sind.
Die Erfahrungen zeigen: Unterricht ist ein komplexes Geschehen – dafür reicht es nicht, „nur ein Pferd ins Rennen zu schicken“. Hätte Thomas Edison gesagt: Der Film kann eine wichtige Ergänzung für den Unterricht sein, wäre er genau richtig gelegen. Gleiches gilt für die KI.








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