
Wendy und das Wiesel
In meiner Jugend, in den wilden 90ern, hatten wir eine Katze namens Wendy. Mittelgroß, durchschnittlich intelligent, regulär getigert und ausreichend sozial. Alles in allem darf ich sie mit hoher Wahrscheinlichkeit als damals wie heute normalstes Mitglied unserer Familie bezeichnen. Jedenfalls brachten wir von einem Ausflug ein neues Spielzeug mit, ich denke, es war der Geburtstag des Liechtensteiner Fürsten. Also vom Volksfest, nicht vom Schloss. Das Spielzeug war eine Art Plüsch-Wiesel, das mittels unsichtbarer Schnur an einer motorisierten, rollenden Kugel befestigt war. So sah es aus, als ob das drollige Kerlchen die Kugel im ausgelassenen Spiel durchs Zimmer jonglieren würde. Unsere Katze Wendy war erschüttert. Von Safe Space unter der Couch aus musterte sie schweigsam und regungslos den Neuankömmling und die Aufmerksamkeit, die er auf sich zog. Was ging damals in ihrem Kopf vor?
Lass uns etwas rauszoomen. Besser gesagt, ziemlich weit sogar. Kennst du das Fermi Paradoxon? Im Grunde genommen besagt es: Statistisch gesehen ist es so gut wie sicher, dass es in unserer Galaxie von Zivilisationen nur so wimmelt. Aber warum meldet sich dann niemand bei uns? Und warum hat sich keine dieser Zivilisationen aufgemacht, die Sterne zu besiedeln oder um uns zu unterjochen?
Zugegebenermaßen wird es jetzt ein bisschen kompliziert. Ich habe ein Buch durchgeackert, das 75 mögliche Lösungen für dieses Paradoxon der Stille aufarbeitet. Eine mögliche Lösung heißt „Der dunkle Wald“. Sie beschwört das Bild von Zivilisationen, die als Jäger:innen durch einen dunklen Wald schleichen und versuchen, zu überleben. Der dunkle Wald besagt, dass es als fortschrittliche Zivilisation in der Galaxie aufgrund von Statistik und Spieltheorie nur eine vernünftige Verhaltensweise gibt, nämlich sich zu verstecken, die Schnauze zu halten und abzuwarten und zu horchen. Und wenn sich eine andere Zivilisation – absichtlich oder versehentlich – meldet? Sofort vernichten, sofern möglich. Das ist die logische Verhaltensweise.
Flucht, erstarren, angreifen. Das sind die drei Möglichkeiten, mit einer Bedrohung umzugehen. Hardcoded in unserem Stammhirn, quasi Reflex. Und wenn es hart auf hart kommt, übernimmt die Natur unser Denken und Handeln. Angst ist ein starker Antrieb. Und trotzdem, oder gerade deshalb: Ich glaube daran, dass auch ein anderer Weg möglich und konstruktiv ist. Freundlichkeit, Zuversicht und Vertrauen, sogar im Vorschuss. Ich halte daran fest, dass die besten Aspekte unserer Zivilisation und Gesellschaft auf diesem durch und durch unlogischen Verhalten basieren.
Wenn die Zeiten wieder einmal härter werden, sollten wir uns das vor Augen halten. Ja, manchmal wird unsere Freundlichkeit und Offenheit nicht erwidert oder gar ausgenutzt und gegen uns verwendet. Und trotzdem: Zuversicht im Besonderen ist eine Eigenschaft, in der ich mich täglich übe. Es gelingt mir nicht immer, aber immer öfter. Auch ein Muskel, den man trainieren kann, offenbar. Und manchmal kommt mir vor, es ist so ähnlich wie mit dem Beckenboden: im regulären Training kaum erreichbar, aber dennoch existenziell wichtig für uns alle. So ist das zumindest bei mir. Wer mich kennt, der kennt auch mein Lieblingszitat von Karl Valentin, das mir immer wieder in den Sinn kommt: „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“
Aber wie ging es mit Wendy und dem Wiesel weiter? Als abends die Batterie schwach und die Familie müde wurde, legte sich die Dunkelheit über das kleine Einfamilienhaus in Gisingen. Und am nächsten Morgen offenbarte sich der dunkle Wald, der in unserer Katze steckte. Wendy hatte das Wiesel regelrecht hingerichtet. Zerkaut. Zerfetzt. Vernichtet. Und damit hat sie uns klar gemacht: Die Natur kennt keine Gnade. Schnurrend und ganz im Reinen mit sich erwartete Wendy ihr Frühstück. Another Day in Paradise.
P.S.: Der Physiker Enrico Fermi, auf den das Paradox zurückgeht, erfand übrigens auch den Kernreaktor – Bäm! Das Spielzeug heißt offiziell „Squirrelball“. Mehr zum dunklen Wald findest du in der erwähnten „Trisolaris Trilogie“ von Liu Cixin (Achtung, 1750 Seiten) oder bei Stephen Webb: „If the Universe Is Teeming with Aliens … where is everybody?“ Der dunkle Wald ist nur eine Theorie von vielen und aktuell wird von der NASA ein anderer Favorit propagiert: „Der große Filter.“ Der besagt, dass alle Zivilisationen an einem gewissen Punkt ihrer Entwicklung eine Entdeckung machen, die sie vernichtet, noch bevor sie in den Weltraum vordringen können. Aber davon sind wir Homo sapiens noch weit entfernt. Oder?







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