Nora Weiß

Redakteurin Thema Vorarlberg

Foto: Weissengruber

 

 

 

Herbert Motter

Die Krise und der Arbeitsmarkt: Folgen und Perspektiven in Vorarlberg

Februar 2021

Die Einschränkungen aufgrund der Gesundheitskrise haben dramatische wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen. Aber auch arbeitsmarkpolitisch ist die Corona-Pandemie ein Dilemma. Eine Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln.

Mit der verlorengegangenen Wirtschaftsdynamik, den behördlich angeordneten Schließungen und den durch die Reisewarnungen fehlenden Gästen für den Tourismus hat sich die Vorarlberger Arbeitswelt massiv verändert. Binnen kürzester Zeit verloren Tausende ihren Job. Experten sprechen von Verwerfungen historischen Ausmaßes. „Bis Februar verzeichneten wir eine sehr gute Entwicklung, schließlich befanden wir uns in einer wirtschaftlichen Hochkonjunkturphase. Dann kam der März mit dem ersten Lockdown, und der Arbeitsmarkt veränderte sich urplötzlich dramatisch“, blickt Bernhard Bereuter, AMS-Landesgeschäftsführer, zurück. Ende April wurden 17.928 Arbeitslose gezählt, der absolute Höchststand im Jahr 2020. Mit 15.695 arbeitslosen Personen ist man diesem Wert im Dezember des vergangenen Jahres allerdings wieder sehr nahegekommen. Im Vergleich dazu waren Ende Februar 9.700 Menschen in Vorarlberg arbeitslos.
Besonders im Haupterwerbsalter zwischen 25 und 50 Jahren war der Zuwachs an arbeitslosen Menschen spürbar. Die Arbeitslosenquote in Vorarlberg ist 2020 gegenüber 2019 um 2,4 Prozent auf 7,7 Prozent gestiegen. Sie blieb aber dennoch unter dem österreichischen Schnitt von 9,9 Prozent. Lediglich Oberösterreich (6,5 Prozent) sowie Salzburg (7,3 Prozent) erzielten hier bessere Werte.

Große Branchen-Unterschiede

Bei näherer Betrachtung der Branchen lassen sich erhebliche Unterschiede erkennen. Etwa im Bereich der Metallbearbeitung und -verarbeitung betrug die Arbeitslosenquote im Jahresschnitt „nur“ 3,5 Prozent. Dies ist ein Wert, der nahe an Vollbeschäftigung heranreicht. Im Vergleich dazu lag die Quote bei der Beherbergungs- und Gastronomiebranche bei 22,2 Prozent (+11,2 Prozent).    „Das waren Entwicklungen, die man sich davor nicht vorstellen konnte“, erklärt Bereuter und sagt: „In diesem Bereich wären jetzt sicher 2.000 Menschen mehr in Beschäftigung, wenn die Wintersaison gestartet hätte.“ Im Vergleich zum Jahr 2019 reduzierte sich die Anzahl der unselbstständig Beschäftigten um 3.371 (oder -2,0 Prozent) auf 165.000 im Jahresdurchschnitt. 
Gravierende Umstände, die das Arbeitsmarktservice Vorarlberg vor enorme Herausforderungen stellte und immer noch stellt. „Es galt, sich zwei zentralen Themen zu stellen. Das eine war die Existenzsicherung der Menschen, die Antragsbearbeitung für das Arbeitslosengeld, da die Zahlen um knapp 8000 Fälle anstiegen. Dies alles unter erschwerten Bedingungen, weil ja die persönlichen Kontakte vermieden werden mussten. Die anderen Themen waren die Kurzarbeit und das dringende Bestreben, möglichst viele Menschen in Beschäftigung zu halten.“
Die Kurzarbeit erwies sich als gutes Hilfsmittel, um die Auswirkungen der Corona-Krise am Arbeitsmarkt abzufedern und die Einkommen der Haushalte zu sichern. Sie trug zum Erhalt von Arbeitsplätzen bei und ermöglichte Unternehmen ein schnelleres Wiederhochfahren, wenn die Nachfrage nach und zwischen den Lockdowns wieder zunahm. Zusätzlich konnten dadurch Kosten für Entlassungen und Neueinstellungen von Fachkräften vermieden werden, und der Staat sparte sich die Arbeitslosenunterstützung. Aber auch für Arbeitnehmer brachte die Kurzarbeit Vorteile. Ohne Kurzarbeit wäre die Arbeitslosigkeit – insbesondere zu Jahresbeginn – noch deutlich stärker angestiegen. 
Höchststand in Sachen Kurzarbeit war Ende Mai. 68.000 Beschäftigte – das sind über 40 Prozent aller Beschäftigten in Vorarlberg – befanden sich in diesem von der Sozialpartnerschaft über Nacht ausgehandelten Modell mit einem Budgetvolumen für Kurzarbeitsbeihilfen von über 280 Millionen Euro bislang.
Besonders betroffen von der Kurzarbeit waren dabei Tourismus, Industrie und Handel, während andere Branchen diese kaum in Anspruch genommen haben – etwa in der Energieversorgung, wie eine Sonderauswertung des Arbeitsmarktservice für die Agenda Austria zeigt. Auch Angestellte der Branche Kunst, Unterhaltung und Erholung befanden sich sehr häufig in Kurzarbeit. Mit März läuft nun die mittlerweile dritte Phase aus. Der neue Arbeitsminister Martin Kocher sieht in der Kurzarbeit keine Dauerlösung. „Die Kurzarbeit wird in der einen oder anderen Form auch nach Auslaufen der Phase drei Ende März bestehen bleiben. Die Frage des Wie hängt von der Entwicklung der Infektionslage und der Nachfrage ab. Eine mögliche Nachfolgeregelung ist gerade Gegenstand von Gesprächen mit den Sozialpartnern.“

Wer am stärksten betroffen ist

Von Verlierern und Gewinnern auf dem Arbeitsmarkt durch Corona möchte Bereuter nicht sprechen, denn „auf dem Arbeitsmarkt gibt es immer benachteiligte Personengruppen. Personen mit geringer Qualifikation, mit körperlichen oder gesundheitlichen Einschränkungen und Menschen mit einer geringen Betriebszugehörigkeit.“ Und genau die mit fehlender Bindung zum Unternehmen habe es am härtesten getroffen. Heißt, wer eine geringe Beziehung zum Betrieb hatte, lief Gefahr, als Erster freigesetzt zu werden.
Zudem sind Personen mit maximal Pflichtschulabschluss nachweislich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Menschen mit einer höheren schulischen oder beruflichen Ausbildung. Aktuell haben 45,2 Prozent aller beim AMS Vorarlberg vorgemerkten Personen maximal einen Pflichtschulabschluss.
Massive Wechsel in andere Branchen aufgrund der Krise kann Bereuter nicht bestätigen. Das war die große Befürchtung im Tourismus. Einzelfälle gebe es nach wie vor, aber den großen Umstieg sehe er nicht. Vielmehr schaue man jetzt darauf, durch Qualifizierung das Personal noch stärker an die Branche zu binden, sprich, jetzt die Zeit für eine Qualifizierung innerhalb des erlernten Berufes zu nutzen. „Upskilling“ nennt sich das im Fachjargon, die berufliche Höherqualifizierung im erlernten Beruf.
Das AMS Vorarlberg verfolgt im kommenden Jahr die Strategie „Bildung schafft Chancen“. Die Zeit der Krise soll für Qualifikation genutzt werden, um mittel- und langfristig die Integrationschancen zu erhöhen. Insgesamt möchte das AMS Vorarlberg rund 20.500 Personen (plus 6352 gegenüber dem Vorjahr) in die arbeitsmarktpolitischen Angebote einbeziehen. „Mein Appell an die Suchenden ist, in der jetzigen Phase flexibler zu sein“, mahnt der AMS-Landesgeschäftsführer. Die Gefahr sei jetzt groß, wenn man arbeitslos werde, die Dauer der künftigen Arbeitslosigkeit nicht abschätzen zu können. „Die Marktmechanismen durch die Einschränkungen seien unvorhersehbar geworden“, sagt Bereuter.

Hohe Arbeitslosigkeit versus Fachkräftesuche

Was sich trotz hoher Arbeitslosigkeit aber nicht ändert, ist der massive Fachkräftebedarf, den die Unternehmen weiterhin melden. Das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) schätzt den Fachkräftebedarf in Österreich auf 177.000 Personen. Dies sei angesichts der aktuellen Corona-Pandemie „ein sehr hoher Wert“, lautet das Fazit der Wissenschaftler. Im Vorjahr fehlten 207.000 qualifizierte Beschäftigte. „Der Gap hat sich auch in Vorarlberg insofern jetzt verstärkt, dass die Arbeitslosenzahlen gestiegen sind. Da ist es oft grotesk, wenn jemand gesucht, aber niemand gefunden wird. Das kann verschiedene Ursachen haben. Viele hoffen etwa darauf, dort wieder zu arbeiten, wo es derzeit nicht geht.“ Ein Grund liegt auch daran, dass 2020 weniger ausgebildet wurde.
Jugendlichen mit eher schlechteren schulischen Leistungen, die sich beworben, aber vom Zeugnis her wenig Chancen hatten, fehlte der persönliche Kontakt übers Schnuppern als zweite Chance zu den Betrieben. „Oft geben Unternehmen Jugendlichen nach der persönlichen Begegnung dann doch die Möglichkeit, die Lehre zu beginnen. Doch gerade die dafür so wichtigen Schnupper- und Praktikumsmöglichkeiten fanden vielfach einfach nicht statt“, sagt Bernhard Bereuter. Eine Profilierung trotz schlechter schulischer Leistungen über die Persönlichkeit der Kandidat/-innen blieb also meist aus.
„Die Krise hinterließ ihre Spuren am Lehrlingsmarkt. Im vergangenen Jahr gab es mit 6992 Lehrlingen um 122 weniger als 2019“, erklärt Christoph Jenny, Direktor der Wirtschaftskammer Vorarlberg.

Der Arbeitsmarkt und die Jugend

Wie stark die Jugendlichen die Pandemie in ihrer beruflichen, schulischen und sozialen Entwicklung erleben, skizziert der renommierte Verhaltensökonom Ernst Fehr gegenüber der „Presse“: Die Krise werde „die größten Auswirkungen auf jene Generation haben, die jetzt ins Berufsleben einsteigen“ würde. „Wir wissen aus der Forschung, dass es Menschen jahrzehntelang nachhängt, wenn sie in einer wirtschaftlich schlechten Situation auf den Arbeitsmarkt kommen“, erklärte der gebürtige Harder und führte aus: „Diese Generationen haben dauerhaft geringere Einkommen als jene vor oder nach ihnen.“ 
Die Auswirkungen der Krise spiegeln sich auch in der Zahl der vorgemerkten Arbeitslosen in der Altersgruppe 16 bis 24 wider. Die Zahl der vorgemerkten Jugendlichen in Vorarlberg ist laut Arbeitsmarktservice (AMS) um 42,1 Prozent auf 1902 gestiegen. In Sachen Lehre habe man schnell auf die Situation reagiert, daraus ist unter anderem eine Kooperation zwischen dem Jugendcoaching des BIFO und den Ausbildungsberatern der Wirtschaftskammer entstanden. „Wir haben den Sommer gut genutzt und vielen Jugendlichen doch noch eine Lehrstelle vermittelt. Dennoch haben Jugendliche sich aufgrund der eingeschränkten Informations- und Kontaktmöglichkeiten zu den Betrieben verstärkt für eine weiterführende Schule entschieden. Für eine Lehre haben sich 2020 46,45 Prozent der Jugendlichen entschieden, das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von vier Prozent. Ziel muss es sein, wieder über 50 Prozent zu kommen“, führt der WKV-Direktor weiter aus.

Langzeitarbeitslosigkeit 

Die Verfestigung von Arbeitslosigkeit ist zu einem zunehmenden Problem geworden, das sich in Zeiten der Pandemie noch weiter verschärft hat. „Die Langzeitarbeitslosigkeit hat in Vorarlberg drastisch zugenommen, im Jahresschnitt 2020 stieg die Zahl der Personen, die seit mehr als zwölf Monaten als arbeitslos vorgemerkt und in dieser Zeit keine längere Unterbrechung durch etwa eine Schulung oder Beschäftigung hatten, um 40,3 Prozent im Vergleich zu 2019 auf 2424 Personen an“, informiert Bernhard Bereuter. Darüber hinaus ist ein weiterer Anstieg in den kommenden Monaten zu erwarten, da Personen, die aufgrund der Krise im Frühjahr 2020 ihren Job verloren haben, erst an der Grenze zur Langzeitarbeitslosigkeit stehen und in den Zahlen noch nicht berücksichtigt sind. 
Besonders schwer trifft die aktuelle Situation diejenigen, die bereits vor Beginn der Pandemie ohne Arbeit waren. „Häufig handelt es sich bei Langzeitarbeitslosen um niedrig qualifizierte, ältere Menschen oder um Menschen, die gesundheitliche Beeinträchtigungen haben. Sie werden sich in Folge sehr schwertun, neue Jobs zu finden“, erklärt Benedicte Hämmerle, Geschäftsführerin des Vereins „arbeit plus. Soziale Unternehmen Vorarlberg“ und führt aus: „Es wird eine noch engere Kooperation der Sozialpartner, der Politik und der Wirtschaft geben müssen, damit diese vulnerable Gruppe eine Chance bekommt, beispielsweise über Modelle wie den Zweitarbeitsmarkt, in den ersten Arbeitsmarkt integriert zu werden. Ansonsten wird die Schere zwischen Arm und Reich noch deutlich größer werden.“

Die Krise als Treiber der Digitalisierung

Die Coronakrise hat die Lernkurve in Bezug auf zukünftige Trends in der Arbeitswelt stark ansteigen lassen. Zukunftsthemen wie Homeoffice oder flexiblere Arbeitszeitgestaltung sind Realität geworden. In der Retrospektive zeigt sich, dass die technische Umsetzung für einen Großteil der Unternehmen relativ rasch zu bewältigen war. Als weit schwieriger erwies sich hingegen der Ausbruch aus beziehungsweise die Anpassung der sozialen Verhaltensformen – vor allem hinsichtlich der Anwesenheitspflicht. Die physische Absenz der Mitarbeiter fordert Vertrauen und Flexibilität aller Beteiligten sowie eine Anpassung des Führungsstils der Vorgesetzten. Michael Bartz, Professor an der IMC Fachhochschule Krems, riet Betrieben und vor allem deren Führungskräften bereits während des ersten Lockdowns, diesen „als Chance zu ergreifen, um im Bereich des Remote-Managements zu experimentieren“, aber auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brachte die lange Homeofficephase Veränderungen. „Das führte aber auch die Vor- und Nachteile eines Büros zutage. Unternehmen werden sich vermehrt mit der Frage, was ein moderner Arbeitsplatz bieten muss, auseinandersetzen müssen. Gerade die soziale Komponente wird diesbezüglich an Bedeutung gewinnen“, sagt Bartz. Das Büro diene als Ort der Kommunikation, des Brainstormings, des persönlichen Austausches; produktives Arbeiten wird hingegen vermehrt zuhause stattfinden. „Allerdings wird, wie Studien zeigen, das Homeoffice bei einem Großteil der Bevölkerung keineswegs den Gang ins Büro ersetzen, jedoch wird künftig der hybride Arbeitsplatz bestehend aus Büro und Homeoffice nicht mehr wegzudenken sein.“ Mit der im Jänner beschlossenen neuen Homeoffice-Regelung sind nun auch die rechtlichen und steuerlichen Aspekte abgesteckt. Das Arbeiten von zuhause basiert weiterhin auf Freiwilligkeit, auch sämtliche Bedingungen des Arbeitszeit- und Arbeitsruhegesetzes sowie des Dienstnehmerhaftpflichtgesetzes behalten ihre Gültigkeit. Zudem ist nun auch der Versicherungsschutz im Homeoffice klar geregelt. Neben all diesen digitalen Fortschritten, darf natürlich keineswegs außer Acht gelassen werden, dass es in vielen Bereichen keine Möglichkeit für ein Arbeiten von zuhause gegeben hat beziehungsweise auch in Zukunft nicht geben wird.

59 Millionen Euro für arbeitsmarkt­politische Maßnahmen

„Arbeitslosenzahlen schnellstmöglich senken“, lautet die klare Devise von Land und AMS. 59 Millionen Euro, um elf Millionen Euro mehr als im Vorjahr, stehen für beschäftigungspolitische Maßnahmen bereit. Die berufliche Ausbildung von Jugendlichen sicherzustellen, die Verfestigung von Langzeitarbeitslosigkeit zu verhindern und die Höherqualifizierung von Menschen mit niedrigem Ausbildungsniveau zu forcieren, das sind die zentralen Maßnahmen der bisher größten Vorarlberger Joboffensive. 
Die aktuellen Prognosen zeigen, dass nach weiteren Arbeitsplatzverlusten im ersten Quartal 2021 mit moderaten Beschäftigungszuwächsen – ausgehend vom niedrigen Niveau des Vorjahres – ab dem 2. Quartal gerechnet werden kann. Die Beschäftigungszuwächse werden aber nicht stark genug ausfallen, um den Anstieg der Arbeitslosigkeit vom ersten Quartal 2021 zu kompensieren. AMS-Chef Bereuter: „Die Aktivbeschäftigung wird gegenüber dem Vorjahr zwar um etwa 0,2 Prozent oder rund 400 Beschäftigungsverhältnisse steigen, trotzdem erwarten wir im Jahresschnitt einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit in Vorarlberg um rund 100 Personen oder 0,7 Prozent.“
Der Arbeitsmarkt lässt sich nur mit wirtschaftlicher Dynamik wieder in den Griff bekommen. Bei Wirtschaftshilfen hält sich der Staat derzeit nicht zurück. Ein gezielter Eingriff, der sofort helfen würde: Man muss den „Faktor Arbeit“ günstiger machen. Österreich gehört bei den Lohnnebenkosten zu den teuersten Ländern der Welt. Das schafft Spielraum.

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