Helmut Kramer

(*1939 in Bregenz) war von 1981 bis 2005 Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, ab 1990 Honorar­professor an der Universität Wien, 2005 bis 2007 Rektor der Donau-Universität Krems sowie Mitglied des Vorstands der Österreichischen Plattform für Interdisziplinäre Alternsfragen ÖPIA.

Die Lehren aus der Krise

April 2021

Es sieht so aus, als hätten wir die Krise bald hinter uns. Unsere Geduld und unsere Nerven entspannen sich allmählich beim vorsichtigen Gedanken an Sommerferien am Meer oder in den Bergen. Aber ist dann wirklich alles vorbei?
Die anhaltende Depression vom Mit-Erleiden der Pandemie möchten wir gerne aus unserer Erinnerung verbannen. Vielleicht kommt irgendwann die Zeit, wo wir mit Erzählungen, wie das war, unseren Enkelkindern einen Schauer des Schreckens über den Rücken jagen können: „Die Geschichte von den bösen Corona-Jahren.“
Es könnte aber auch anders kommen: schlimmer. Vielleicht sieht man im Rückblick diese Jahre nicht als einmalige Episode; könnte sein, dass wir zur Kenntnis zu nehmen haben, dass sie den Beginn einer Epoche markieren, in der sich Katastrophen und deprimierende Perspektiven häuften. 
Um eine solche Zukunft möglichst zu verhindern, sollten wir nun nicht nur zur „normalen“ Tagesordnung übergehen, verlorenen Boden wieder gut machen, sondern wir sollten den unbequemen Aufwand nicht scheuen, aus dem, was wir erlebt haben, aus positiven und negativen Erfahrungen zu lernen. Dabei wollen wir annehmen, dass Politiker und andere Wortführer darauf verzichten, nach dem Zurückweichen der Pandemie darüber zu streiten, wer eher recht gehabt, wer zu spät und wer grundfalsch reagiert habe. 
Eine systematische Evaluierung der Fehler und Versäumnisse und vor allem der Lehren, die zu ziehen sind, ist unverzichtbar. Der Appell richtet sich nicht in erster Linie an Epidemiologen, Virologen und Biomediziner. Die haben bei der Analyse des Hergangs und der Bekämpfung der Infektion enorm viel geleistet. Außerdem: Nicht wenige Experten dieser Fächer hatten schon vorher mit guten Gründen auf die hohe Wahrscheinlichkeit einer Virusinfektion hingewiesen und zu Vorkehrungen dagegen aufgerufen. 
Vor der rasanten Ausbreitung über die ganze Erde hatten mehrmals ernstzunehmende, aber nicht sehr ernstgenommene Studien gewarnt, zuletzt wenige Wochen vor Wuhan. Dass die Politik auf solche Warnungen weitgehend NICHT reagierte, wissen wir. Die Warnung stützte sich auf die starke Zunahme der globalen Wirtschaftsbeziehungen und des dichten internationalen Reiseverkehrs. Auch auf die erhöhte Gefahr von Infektionskrankheiten als Folge der Erderwärmung war hingewiesen worden: Insekten, die Krankheitskeime übertragen können, vergrößern ihre natürliche Umgebung nach Norden (oder Süden), weil das Klima dort zunehmend ausreichende Bedingungen schafft. 
Lehren zu ziehen wäre eine Vorgabe an die Verantwortlichen aller Stufen – global, kontinental, national, föderal und kommunal – und praktisch aller Fächer des öffentlichen Dienstes, der Sicherheitsdienste und des Zivilschutzes, der Schulorganisation, des Verkehrswesens und der Aufsicht über die Stabilität und Leistungsfähigkeit des Finanzsystems. 
Natürlich ist auch die Wissenschaft gefragt, ganz besonders die Wissenschaftspolitik: Wie eine Bevölkerung auf den Einbruch einer unerwarteten Notsituation reagiert, ist nicht von vornherein klar und nicht viel mehr als ein Randgebiet der Forschung. Einer der gravierendsten Schäden am gesellschaftlichen Zusammenleben ist durch den Verlust an Vertrauen in die Politik und die demokratischen Institutionen entstanden. 

Wir sollten den unbequemen Aufwand nicht scheuen, aus dem, was wir erlebt haben, zu lernen.

Das geht so weit, dass autoritäre Tendenzen rechts- und links-außen an Zustimmung gewannen und die Demokratie bedrohen. Psychologie und Soziologie der Reaktionen einer betroffenen Bevölkerung, der Kommunikation durch Medien, insbesondere der mächtigen neuen Medien verfügen nach der Krise nun über enorme Evidenz, aus der sich Schlüsse ziehen lassen. Große Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung rufen unvermeidlich nach disziplinübergreifender Untersuchung. 
Nachzugehen wird auch den sozialen Verschiebungen sein: Es gibt Indizien, dass sich die Ungleichheit der Verteilung von Einkommen und noch mehr von Vermögen vergrößert hat. Das liegt auf der Hand bei all jenen, die ihren Beruf oder ihr Geschäft verloren haben. Auf der anderen Seite des Kontos steht das durch die Krise billig zugefallene Vermögen, speziell in Form von Immobilien. Dies ist besonders beachtenswert, da sich ja gleichzeitig der Staat als Nothelfer über alle bisher geltenden Limits der Neuverschuldung hinwegsetzen musste. 
Hier sind die Ökonomen gefragt. Die aber sind seit je her überwiegend in zwei einander ziemlich verständnislos gegenüberstehende Lager gespalten. Die einen empfehlen, den entstandenen Berg der Neuverschuldung möglichst bald wieder abzutragen, indem eisern gespart werden muss. Die Alternative, nämlich das Anheben der Steuerbelastung könnte ja die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und die Attraktivität des Landes für Investitionen stören. Auf der anderen Seite der uralten Kluft zwischen den Ökonomen-Schulen wird empfohlen, mit der Konsolidierung der Staatsschuld zuzuwarten, bis neue Strukturen einer gesünderen Nach-Corona-Wirtschaft den Schuldenabbau leichter tragen könnten. Zugunsten einer solchen langfristigen Orientierung, die auf Jahre hinaus auch spätere Jahrgänge der Steuerzahler belasten würde, kann argumentiert werden, dass diese ja auch den Nutzen daraus ziehen, dass das Staatswesen trotz der Pandemie verlässlich und seriös geblieben ist. 
Die Position einer großzügigen Haltung gegenüber einer Staatsschuld, die höher ist als etwa jene, die für die Mitglieder der Europäischen Union in Maastricht verpflichtend ist (maximal 60 Prozent des BIP), wird traditionell vor allem von der älteren Generation der deutschen Wirtschaftsprofessoren strikt abgelehnt. Zurückzuführen ist diese international nicht überall geteilte Auffassung von solider Budgetpolitik auf die in Deutschland nach wie vor wirksame Erfahrung, dass dort in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mehrmals große Geldvermögen vernichtet worden sind. 
Warum auch ein Ökonom wie der Autor dieser Gedanken, der diese Erfahrung nicht persönlich erleben musste, beim Eingehen hoher Staatsschulden zu Vorsicht mahnt, hat mit einem anderen Gedanken zu tun, der ihn beunruhigt: Was, wenn wir die Corona-Krise mit der Hilfe hoher Neuverschuldung des Staates einigermaßen glimpflich bewältigen können, aber bald danach überfällt uns die nächste Krise und überfordert den schon hoch verschuldeten Staatshaushalt? Dann würde die Welt ein neues Bretton Woods brauchen, eine neue Weltfinanzordnung wie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs einschließlich Verzicht der Gläubiger auf Rückzahlung der Staatsanleihen. Wenn dann nur hoffentlich nicht Mister Trump am Tisch sitzt. Dem genannten Ökonomen bliebe dann nur die resignierende Einsicht: Politik ist die Kunst des Möglichen.

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