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„Es geht nicht um einen Job, sondern um eine Vision im Leben“

Ali Mahlodji kam als Flüchtlingskind nach Österreich, stotterte, hatte Prüfungsangst, schmiss die Schule und jobbte in über 40 Berufen. Bekannt wurde er als Gründer des mehrfach ausgezeichneten Start-ups „whatchado“. Im Gespräch mit „Thema Vorarlberg“ erzählt er von der „Vision seines Lebens“ und wie er mit seiner Lebensgeschichte Menschen inspiriert.

1981 in Teheran geboren, flüchtete die Familie von Ali Mahlodji vor dem iranischen Regime, als er zwei Jahre alt war. Mit der Hilfe von Amnesty International schafften sie es nach Österreich, wo Mahlodji im Flüchtlingsheim Traiskirchen aufwuchs. „Heute bin sehr dankbar für alles in meinem Leben und froh, dass ich hier aufwachsen durfte.“ Einfach und unbeschwert war seine Kindheit allerdings nicht. In der Pubertät war er orientierungslos, es fehlten Vorbilder, er stotterte und hatte Angst vor Prüfungen. Die Schule brach er ein halbes Jahr vor dem Abschluss ab und arbeitete danach in über 40 Jobs – vom Bauarbeiter bis zur Apothekenaushilfe. Schließlich studierte er und wurde erfolgreicher Unternehmensberater in US- und DAX- Konzernen. Doch die Top-Karriere und das „happy end“ endeten abrupt: Sein Vater starb mit nur 53 Jahren, seine Freundin verließ ihn und Ali Mahlodji erlitt ein Burnout: „Ich saß alleine zu Hause und wusste nicht weiter. Aber in der Sekunde, in der du alles verlierst, bist du auch sehr frei, denn du kannst niemanden mehr enttäuschen. Ich wollte alles tun, damit das nicht nochmal passiert.“ Seine Idee: Herausfinden, was er im Leben wirklich will, und diese Vision umsetzen. „Dabei wurde mir klar, dass ich ein Unternehmen gründen und Menschen begleiten möchte“, erzählt Mahlodji. „Es war bis dahin schon harte Arbeit, hierher zu kommen, aber ich hatte es geschafft. Also habe ich mich darauf fokussiert, einen Weg zu gehen, bei dem ich meine Stärken zeigen und anderen Menschen das Wissen und die Erfahrungen meiner Lebensgeschichte weitergeben kann.“

Handbuch der Lebensgeschichten

In dieser Phase wurde dem Wiener mit persischen Wurzeln bewusst, dass die Orientierungslosigkeit, die er aus seiner eigenen Jugendzeit kannte, noch immer das größte globale Problem ist. 2010 beschloss er deshalb, eine Idee aus seiner Kindheit umzusetzen: Mit Freunden entwickelte Ali Mahlodji in seinem Wohnzimmer die Internetplattform „whatchado“. „Dieses Handbuch der Lebensgeschichten lässt Tausende Menschen aus über hundert Nationen – vom Präsidenten über Friedensnobelpreisträger bis hin zum Nachbarn von nebenan – in kurzen Videoclips zu Wort kommen. Sie erzählen, wer sie sind, was sie tun und wie sie zu der Person geworden sind, die sie heute sind“, erklärt Gründer Mahlodji. Das Ziel von whatchado ist es, Menschen auf der ganzen Welt zu inspirieren und ihnen die Orientierung zu geben, die ihm selbst als Jugendlicher gefehlt hat. Mittlerweile beinhaltet die Plattform mehr als 6500 Interviews und Lebensgeschichten aus aller Welt, die monatlich eine Million Menschen erreichen. Mitarbeiter aus zehn Nationen sind im Unternehmen beschäftigt, das mit rund 300 internationalen Organisationen zusammenarbeitet und unter anderem mit dem Staatspreis für Bildung und Wissen und dem „World Summit Award“ der Vereinten Nationen für das beste Internetprojekt, das die Welt verändern kann, ausgezeichnet wurde. 2013 wurde Mahlodji zudem von der Europäischen Union als Jugendbotschafter auf Lebenszeit ernannt. 2015 gab er den Posten als CEO bei whatchado an seinen Kindheitsfreund Jubin Honarfar ab und ist seitdem als Chief Storyteller und Chief Visionary in der Rolle des Außenbotschafters von whatchado unterwegs. Daneben besucht er über 50 Schulen und Bildungseinrichtungen im Jahr und motiviert die Kinder und Jugendlichen mit dem von whatchado selbst entwickelten Berufsorientierungskonzept „whatchaSKOOL“, ihrer Berufung nachzugehen. „Meine Lebensgeschichte – vom Flüchtlingskind und Schulabbrecher zum Unternehmer, der seine Träume lebt – hilft mir dabei“, sagt Mahlodji. „Am Ende des Tages sehe ich in meinem Kopf keinen Job mehr, sondern eine Vision meines Lebens.“ Für ihn bedeutet das, sich von den Ablenkungen der Welt zu lösen und nicht in den Fußstapfen anderer zu leben: „Ich will die Menschen dabei unterstützen, dass sie sagen können, so wie wir sind, sind wir gut genug. Und ich will ihnen Inspiration geben und Mut spenden, sich neu zu erfinden. Ob als Unternehmer, Autor oder Vortragender – es gibt viele Wege, wie ich die Menschen erreichen und ihnen eine gute Zeit geben kann.“

„Wie man sein eigener Superheld wird“

Mit seiner Lebensgeschichte ist Ali Mahlodji für viele ein Vorbild und macht aber auch jenen Mut, die ihre Ideen gegen Widerstände umsetzen wollen: „Wir Menschen sind die Summe unserer Umgebung – wenn sich jemand wirklich verändern will, muss man zuerst sein Umfeld ändern; das ging auch mir bei der Gründung von whatchado so. Hat man eine klare Vision von dem, was man machen will und ein Netzwerk, das einen unterstützt, ist eine wichtige Basis geschaffen.“ Dann zu warten, dass etwas passiert, ist aber zu wenig. „Wer wirklich etwas verändern will, muss das Leben selbst in die Hand nehmen, man darf nicht auf die große Veränderung von außen oder den Superhelden warten, der alles regelt. Superhelden gehören ins Kino, das Leben da draußen muss man selbst gestalten. Ich will die Menschen ermutigen, nicht zu Hause zu sitzen und zu warten, dass etwas passiert: Es ist toll, eine Vision zu entwickeln, Entscheidungen zu treffen und die Welt zu verändern“, ist Ali Mahlodji überzeugt und zeigt das mit seiner eigenen Lebensgeschichte eindrucksvoll.

 

31.08.2018

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Ali Mahlodji sagt: „Wer wirklich etwas verändern will, muss das Leben selbst in die Hand nehmen, man darf nicht auf die große Veränderung von außen oder den Superhelden warten, der alles regelt.“

Sabine Barbisch

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