Matthias Sutter

(1968 in Hard) arbeitet auf dem Gebiet der experimentellen Wirtschaftsforschung und Verhaltensökonomik und lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Der Harder war unter anderem zwei Jahre Professor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena und von 2013 bis 2014 Professor of Applied Economics am European University Institute (EUI) in Florenz. Bekannt wurde er durch seinen Bestseller „Die Ent­deckung der Geduld“.

(Foto: © Lisa Beller)

Hilft Rauchen Ihrer Karriere?

März 2023

Rauchen ist ja eigentlich out. Die negativen Langzeitwirkungen auf die Gesundheit sind klar belegt. Während in der Öffentlichkeit immer weniger Raucher sichtbar sind, sind sie im Alltag, auch im beruflichen, nach wie vor präsent. In der Firma trifft man sich dann zu Rauchpausen und tauscht sich miteinander aus. Dass das die eigene Karriere fördern kann, zeigt ein Beispiel einer großen asiatischen Bank.

Im Berufsleben geht es nicht nur um Produktion, Terminpläne, Kundenservice und dergleichen, sondern der Beruf ist auch ein Bereich des Lebens, in dem soziale Begegnungen stattfinden, wo man sich auch einmal über die beruflichen Belange hinaus austauscht oder Pausen miteinander verbringt. Ob man sich bei diesen sozialen Interaktionen mit Kolleginnen und Kollegen wohl fühlt, hat einen starken Einfluss auf die Arbeitsplatzzufriedenheit. Diese sozialen Belange sind aber auch karrieretechnisch von nicht zu unterschätzender Bedeutung, weil man im sozialen Kontakt Bindungen aufbaut und wichtige Informationen über andere Personen bekommt, die für Beförderungsentscheidungen relevant sein können. Dass Beziehungen – das berühmte Vitamin B im Beruf – wichtig für das Fortkommen im Beruf sind, überrascht vermutlich niemanden, aber außer anekdotischer Evidenz gab es bisher kaum empirisch überzeugende Daten, die den Einfluss von sozialen Beziehungen auf die Karriere in kausaler Weise dokumentieren konnten.
Zoe Cullen von der Harvard Business School und Ricardo Perez-Truglia von der Universität in Berkeley konnten mit Daten einer großen asiatischen Bank untersuchen, welchen Einfluss diese Netzwerke haben und wie sie von der Intensität des Kontakts abhängen. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung war die Feststellung, dass Männer in vielen Unternehmen – insbesondere auch im Finanzsektor – schneller als Frauen befördert werden und dass durch diesen Umstand ein relativ großer Teil der Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen erklärbar ist. In der Literatur wird häufig vom „Old men’s club“ gesprochen, demzufolge länger im Unternehmen befindliche Männer häufiger jüngere Männer als Frauen befördern und darum die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in Unternehmen noch ein ganzes Stück entfernt ist. So ein „Old men’s club“ setzt voraus, dass mehr Kontakt von Mitarbeitern zu ihren Vorgesetzten – in diesem Fall mit demselben Geschlecht – zu besseren Aufstiegschancen für diese Mitarbeiter führt. Also haben Cullen und Perez-Truglia zuerst untersucht, ob mehr Kontakt tatsächlich die Beförderungswahrscheinlichkeit erhöht. Anhand von Informationen über circa 3500 männliche Mitarbeiter in der asiatischen Bank haben sie die Kontakthäufigkeit von Mitarbeitern und Vorgesetzten erhoben, einmal durch Befragungen, aber auch durch den jeweiligen Raucherstatus. Es zeigt sich nämlich, dass Mitarbeiter und Vorgesetzte fast die Hälfte mehr Zeit miteinander verbringen, wenn beide Raucher sind (und in relativer Nähe zueinander arbeiten), als wenn das nur für eine der beiden Personen gilt. Der zusätzliche Kontakt kommt vor allem von den Rauchpausen, umfasst aber auch mehr Zeit während der normalen Arbeitszeit. Zur Messung des Effekts überprüften die Autoren, wie sich die Wahrscheinlichkeit eines rauchenden Mitarbeiters entwickelt, wenn ein neuer Vorgesetzter Raucher ist, während der alte Vorgesetzte Nichtraucher war. Es zeigt sich, dass in den folgenden 2,5 Jahren der rauchende Mitarbeiter im Schnitt um 0,7 Gehaltsstufen mehr aufsteigt als die nicht-rauchenden Kollegen. Der Effekt ist nicht darauf zurückzuführen, dass sich etwa der rauchende Mitarbeiter und rauchende Vorgesetzte von früher schon kennen würden, dass sie die gleiche Ausbildungsstätte besucht hätten oder aus derselben Region kommen würden. Des „Pudels Kern“ ist die länger miteinander verbrachte Zeit. Und dabei hilft offenbar ein gemeinsames Laster wie das Rauchen, weil man die Pausen häufiger miteinander verbringt. Der „Old men’s club“ funktioniert also gut. Er ist aber nicht nur auf die Dimension des Rauchens beschränkt.
Cullen und Perez-Truglia haben nämlich als nächstes analysiert, ob es für die Beförderungswahrscheinlichkeit eine Rolle spielt, welches Geschlecht Mitarbeiter und Vorgesetzter haben. Da in der asiatischen Bank die Vorgesetzten häufig ausgetauscht werden (weil die Karriere­pfade vorsehen, dass Manager in regelmäßigen Intervallen Erfahrungen in anderen Abteilungen und mit anderen Teams sammeln), kann sich das Geschlecht des Vorgesetzten ändern. Beispielsweise untersuchen die Autoren die Situation, wenn Mitarbeiter beiderlei Geschlechts einen Wechsel von einer weiblichen Vorgesetzten zu einem männlichen Vorgesetzten erleben. Hier zeigt sich eine starke Asymmetrie: männliche Mitarbeiter profitieren im Schnitt deutlich mehr als weibliche Mitarbeiterinnen von einem solchen Wechsel. Die Männer steigen im Laufe von 2,5 Jahren um 0,6 Gehaltsstufen mehr nach oben, wenn ein männlicher Vorgesetzter kommt. Für Frauen hingegen hängt die Aufstiegswahrscheinlichkeit nicht vom Geschlecht ihrer jeweiligen Vorgesetzten ab. Nur für Männer macht das einen entscheidenden Unterschied aus. Das gilt übrigens auch in die umgekehrte Richtung. Wenn Männer anstelle eines männlichen Vorgesetzten plötzlich eine weibliche Führungskraft bekommen, dann verzögert sich ihr Aufstieg im Vergleich zur Situation mit einem männlichen Vorgesetzten. Wiederum spielt das für Frauen keine Rolle. Für Männer ist offenbar das Netzwerken sehr viel bedeutsamer – und erfolgreicher – für den beruflichen Aufstieg als für Frauen.

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