Manfred Hämmerle

Sprecher der BMHS Direktoren

Ist wirtschaftliches Grundwissen notwendig für ein erfolgreiches Leben?

September 2020

Vor einigen Jahren versprachen „unabhängige Finanzoptimierer“ den Menschen, dass sie sich Geld günstig ausleihen und diesen Kredit mittels „Tilgungsträgern“ – zum Beispiel in 20 Jahren – decken können. Es sei sogar ein Gewinn aus diesem Geschäft möglich. Sie empfahlen Fremdwährungskredite in Franken und priesen das günstige Zinsniveau an. Gleichzeitig vermittelten sie – gegen Provision – Investmentfonds, auf die – statt der Tilgung des Kredits – monatlich eingezahlt werden sollte. Am Ende – so das Versprechen – würde sich das alles sauber ausgehen. Die so „beratenen“ Klienten gingen ein mindestens dreifaches Risiko ein: Kursrisiko, Zinsrisiko, Wertverlust des/der Fonds. Seit der „Hochblüte“ dieses Modells sind einige Jahre vergangen. Wir wissen, dass inzwischen das Kursrisiko vollschlagend geworden ist. Der Euro bzw. Schilling hat seit damals gegenüber dem Franken einen großen Kursverlust erlitten. Das heißt, dass die Schuldner jetzt wesentlich mehr Euro zahlen müssen, um ihren Kredit zu zahlen. Außerdem ist das Zinsniveau bei Eurokrediten heute fast genauso attraktiv. Ob der „Tilgungsträger“ seine Erwartungen erfüllt hat, ist zweifelhaft. Dass „das Produkt“ ähnlich wie Tupperware – nämlich zumindest teilweise im privaten Umfeld – verkauft wurde, gab dem „Risikococktail“ die entsprechende „Würze“. Hätten die Betroffenen über ein entsprechendes Wirtschaftswissen verfügt, hätten sie das Modell kritisch hinterfragen müssen. Stattdessen vertrauten sie auf das Wissen des Beraters. 
In einem Vortrag an der WU Wien (2018) hat die auf das Thema „Financial Literacy“ spezialisierte Professorin Bettina Fuhrmann das Beispiel einer Unternehmensanleihe der WIENWERT AG präsentiert. Im Juni 2016 wurde eine Anleihe angeboten, die 5,25 Prozent p.a. Zinsen versprach. Das hohe Zinsniveau scheint die Investoren gelockt zu haben. Die Anleihe wurde gekauft. Bereits Anfang 2018 waren in den Medien unter anderem folgende Schlagzeilen zu lesen. „Bei insolventer Wienwert Holding beginnt jetzt die Restverwertung.“ (Kurier.at, 15.2.2018), „Gläubiger verlieren bei Wienwert-Pleite alles“ (diepresse.com, 25.4.2018). Ein Blick auf die – im Firmenbuch hinterlegte – öffentliche Bilanz aus dem Jahr 2015 zeigte bereits im Jahr 2015 ein negatives(!) Eigenkapital von fast 10 Millionen Euro. Wer leiht einem solchen Unternehmen Geld?
Im Moment sind wir mit einem regionalen (Commercialbank Mattersburg) und einem internationalen Finanzskandal riesigen Ausmaßes (Wirecard) konfrontiert. Hier ist auch ein am Wirtschaftswissen interessierter Mensch ratlos. Wie kann so etwas möglich sein? Es gibt eine einfache Antwort: In beiden Fällen machten sich die Unternehmen – offensichtlich mittels gefälschter Belege – reicher als sie sind. Und es gibt eine schwierige Frage: Wie ist so etwas möglich? Offensichtlich ist es in beiden Fällen gelungen, alle internen und externen Prüfer zu täuschen. Oder wussten manche Bescheid? Jedenfalls hätte es auffallen sollen/müssen, dass die Commercialbank auffallend hohe Zinsen zahlt. Diese Fälle, aber auch der größte Finanzskandal der zweiten Republik – die Hypo Alpe Adria – zeigen, dass es um „unser“ Geld, sei es nun privates oder Steuergeld geht. Es gibt also verschiedene Gründe, sich ein wirtschaftliches Grundwissen – zu dem auch ein mathematisches Grundwissen gehört – zu erarbeiten. Es geht um die Durchsetzung eigener Interessen, und die scheinbare „Alchemie des Geldes“ sollte durchschaut werden. Mindestens so spannend ist auch zu hinterfragen, wie sich Corona auf die Wirtschaft auswirken wird, wie sie sich am besten erholen und was jeder dazu beitragen kann. Dazu ist ein Verständnis von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen genauso gefragt wie unternehmerisches Denken. Besonders wichtig ist wirtschaftliches Wissen, wenn es darum geht, Wohlstand, sozialen Zusammenhang und eine glückliche Gesellschaft zu schaffen. Denn es ist klar, es besteht ein Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wohlstand, Gesundheit und Lebensdauer.
Wird genügend getan, um wirtschaftliches Denken und Wissen in Vorarlberg zu fördern? Diese Frage ist differenziert zu beantworten. Wir beobachten erfreuliche Aktivitäten an manchen Gymnasien in Vorarlberg, wo beispielsweise der „Unternehmerführerschein“ angeboten wird, auch Institutionen, wie Banken, die Wirtschaftskammer (z.B.: Arbeitskreis Schule und Wirtschaft) und die Arbeiterkammer (z.B.: Konsumentenschutz) sind in verschiedenen Bereichen sehr aktiv. An den Handelsakademien und -schulen wird das Thema zum Programm. Betriebswirtschaftslehre ist das Leitfach.
Allerdings bleibt auch festzustellen, dass das Wirtschaftswissen in Österreich immer noch mangelhaft ist und dass sich junge Menschen unzureichend auf das (wirtschaftliche) Leben vorbereitet fühlen. Das zeigen verschiedene Studien (z.B.: Institut für Wirtschaftspädagogik Wien). Mängel scheint es interessanterweise weniger beim abstrakten Wissen als beim konkreten Handeln zu geben, wenn man beispielsweise einen Kredit oder einen komplexen Kaufvertrag verstehen sollte. Das betrifft aber auch das Sparverhalten, wenn es darum geht, „märchenhafte“ Angebote kritisch auf das Risiko zu hinterfragen.

Vorschläge 

  1. Ständige Kommunikation der Bedeutung von Wirtschaftswissen in den Medien.
  2. Beobachtung und Honorierung von Aktivitäten der Schulen in diesem Bereich.
  3. Weitere Öffnung der Unternehmen für die Schulen. 
  4. Erhalt und Verstärkung der Kooperation von Schule und Wirtschaft.
  5. Offene Diskussion unterschiedlicher und gemeinsamer Interessen (Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder Unternehmen und Konsument).
  6. (Wander-) Ausstellungen zur Vertiefung des Wirtschaftswissens.
  7. Diskussion der Auswirkungen von „Schnäppchenjagd“ im Internet auf den regionalen Handel.
  8. Diskussion der Auswirkungen der „Geiz ist geil“- Mentalität auf die Volkswirtschaft und die Umwelt.
  9. Förderung der Entwicklung von aktuellen Unterrichtsmaterialien.
  10. Förderung mathematischer Grundfertigkeiten im Zusammenhang mit Wirtschaftswissen (Schätzen, Zinseszinsrechnung, Investitionsrechnung, Einkommenssteuerberechnung inkl. Verständnis der Progression usw.)

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